Einverstanden: Es hat etwas Masochistisches, sich an einem warmen Sonntagabend 90 Minuten lang die Litaneien einer Gruppe kluger Köpfe anzuhören, die der Meinung ist, Donald Trump sei der furchtbarste, gefährlichste und peinlichste Präsident Amerikas. Wenn es sich bei diesen Köpfen aber um die Gründer des Podcast «Pod Save America» handelt, dann ist immerhin für Unterhaltung gesorgt. Deshalb ist «The Anthem», ein modernes Washingtoner Lokal, in dem 6000 Menschen Platz finden, auch bis auf den letzten Sitz gefüllt, als kurz nach 19 Uhr der Titelsong des Gassenhauers «Top Gun» erklingt – der auch dem Podcast als Erkennungsmelodie dient.

«Pod Save America», das sind: Jon Favreau (37), Jon Lovett (36), Tommy Vietor (38) und Dan Pfeiffer (43), vier ehemalige Mitarbeiter des Demokraten Barack Obama, die miteinander befreundet sind. Seit dem Amtsantritt von Obamas Nachfolger sprechen die vier, in wechselnder Zusammensetzung, zweimal pro Woche über aktuelle politische Schlagzeilen, die neusten Skandale im Weissen Haus und über den Widerstand, «The Resistance», gegen Präsident Trump. Das ist bisweilen sehr amüsant, ist Lovett doch ein begabter Verfasser politischer Satire. So macht sich der ehemalige Witzeschreiber Obamas an diesem Abend unerbittlich über Trump und seinen Justizminister Bill Barr lustig. Manchmal ist die Show etwas peinlich; etwa dann, wenn Favreau und Lovett wie die Rohrspatzen fluchen oder sich aufführen wie lümmelnde College-Studenten.

Kritik an Herausforderer Biden

Ab und zu ist das Geplänkel, das sich die «Pod Save America»-Moderatoren auf der «Anthem»-Bühne liefern, aber auch höchst aufschlussreich. Dann zum Beispiel, wenn die Moderatoren die demokratische Spitze im nationalen Parlament angreifen, weil diese nicht aggressiv genug gegen die Machenschaften von Präsident Trump vorgehe. Oder wenn die Rede auf den Wahlkampf 2020 kommt und die Frage, welcher Demokrat wohl am besten in der Lage sei, Präsident Trump in den Ruhestand zu schicken. Favreau erwähnt Joe Biden, der Präsident Obama acht Jahre als Vize diente, und spielt den Ball der Journalistin und Aktivistin Goldie Taylor zu, die heute Abend bei «Pod Save America» zu Gast ist.

Taylor übt ätzende Kritik an Biden, der derzeit die Meinungsumfragen der Demokraten anführt und den Status des «Frontrunners» geniesst. Sie findet, der Vize profitiere davon, dass er einst für Obama gearbeitet habe, an dessen Amtszeit sich viele Parteifreunde mit nostalgischen Gefühlen erinnerten.

Sprachrohr des Ex-Präsidenten?

Das über Trump verärgerte Fussvolk der Demokraten fühle sich von den versöhnlichen Tönen, die Biden im Wahlkampf anschlage, aber nicht angesprochen, sagt Taylor. Sie erwähnt die innerparteilichen Gegner des ehemaligen Vizepräsidenten – Kamala Harris, Elizabeth Warren, Bernie Sanders – und im Theatersaal ist Applaus zu hören. Dann sagt Dan Pfeiffer, der Obama sieben Jahre lang als Kommunikationsberater diente: Biden könne sämtliche Kritik an Positionsbezügen entkräften, die er während seiner Karriere vertreten habe, indem er darauf hinweise, dass er 2008 von Obama höchstpersönlich zum Kandidaten fürs Vizepräsidium ausgewählt worden sei. Worauf Taylor antwortet, zur Belustigung des Publikums: Dann müssten Bidens Konkurrenten eben die Frage stellen, «warum unterstützt er dich dann dieses Mal nicht?»

Natürlich wäre es falsch, «Pod Save America» als Sprachrohr des ehemaligen Präsidenten zu bezeichnen. Wäre Obama aber nach seinem Rücktritt aus dem Weissen Haus unter die Medienunternehmer gegangen, dann hätte er wohl eine Firma wie «Crooked Media» – so heisst das Medienunternehmen, das Favreau, Lovett und Vietor zu Beginn des Jahres 2017 ins Leben riefen – gegründet. Zehn Podcasts produziert «Crooked» mittlerweile, in denen derart unterschiedliche Stimmen wie der Bürgerrechtler DeRay McKesson aus Baltimore oder die langjährige Journalistin Ana Marie Cox mit interessanten Gesprächspartnern über Politik diskutieren.

Rechtzeitig zu «GoT»

Dabei überschreiten die Moderatoren auch immer wieder die Grenze zwischen einem Medienunternehmen und politischem Aktivismus; so engagieren sich Favreau und Konsorten in Virginia gegen «Gerrymandering», der willkürlichen Zuschneidung von Wahlbezirken.

Die Show ist kurz vor 21 Uhr zu Ende, nach einem Interview mit der linken Abgeordneten Pramila Jayapal und einem amüsanten Quiz – gerade noch rechtzeitig für die letzte Folge von «Game of Thrones». Denn man kann sich ja nicht immer den Kopf über Politik zerbrechen.