So richtig laut wird es, als Ilhan Omar auf ihr Kopftuch deutet. Viele «erste» stünden heute Abend hinter ihrem Namen, ruft die zierliche Frau ihren jubelnden Anhängern am Dienstagabend in Minnesota zu. «Erste farbige Frau, die unseren Staat im Kongress repräsentiert!» Die «erste Geflüchtete im Parlament», sei sie nun. «Eine der ersten Muslimas», sagt sie, immer wieder unterbrochen von Getöse aus dem Publikum. Und eben: «Die erste mit Hijab».

Omar, 36 Jahre alt, zieht für die Demokraten ins Repräsentantenhaus ein. Am Dienstag setzte sie sich gegen ihre republikanische Kontrahentin Jennifer Zielinski durch. Wobei «durchsetzen» vielleicht zu sehr nach einer knappen Angelegenheit klingt. Omar überrollte ihre Widersacherin. Sie holte 80 Prozent der Stimmen in einem Bezirk von Minnesota, der für gewöhnlich demokratisch wählt und zu zwei Dritteln von Weissen bewohnt wird.

Sie schreiben heute US-Geschichte

Sie schreiben US-Geschichte

Die ersten muslimischen Frauen im US-Kongress, der erste schwule Gouverneur, die jüngste Frau überhaupt.

Vier Jahre Flüchtlingslager

Am Wahlabend haben Omars Unterstützer die Wahlkampfzentrale in ein Tollhaus verwandelt. Während die frisch gebackene Abgeordnete spricht, blitzt nach jedem Satz ein Lächeln durch. Und ein kleiner Akzent. Die Frau, die im hellblau gestreiften Blazer und schwarzem, mit kleinen Steinchen verzierten Kopftuch gerade den Einzug ins nationale Parlament der USA feiert, ist in Somalia zur Welt gekommen. Eine Premiere in der US-Politik.

Als Omar aus dem Land fliehen musste, war sie acht. Gerade war der Bürgerkrieg losgebrochen, der in Somalia fast 30 Jahre später immer noch tobt. Omar und ihre Familie machten sich ins Nachbarland Kenia auf. Vier Jahre lang lebten sie in einem Flüchtlingslager, bis sie Asyl in den Vereinigten Staaten erhielten. Mit 12 kam Ilhan Omar in Virginia an, von dort ging es weiter nach Minnesota, dem Zentrum der somalischen Gemeinschaft in den USA.

Zur Politikerin wurde Omar erst vor zwei Jahren. Prompt kegelte sie in einer innerparteilichen Vorwahl einen Mann aus dem Rennen, der 44 Jahre lang für die Demokraten im Abgeordnetenhaus von Minnesota sass – und übernahm seinen Sitz im Parlament. Politisch ist Ilhan Omar eine Art Bernie Sanders light. Sie stehe für eine «Politik der moralischen Klarheit» und für Mut, führt sie häufig aus. Sie selber habe sich fürs Studium verschulden müssen – das möchte sie künftigen Studierenden ersparen. Ferner kämpft sie gegen privat betriebene Gefängnisse, die sich in den USA zunehmender Beliebtheit erfreuen (freilich nicht bei den Gefangenen, sondern bei Staat und Betreibern). Für Flüchtlinge setzt sie sich genauso ein wie für einen leichteren Zugang zu politischen Wahlen. So sollen US-Bürger mit Erreichen der Volljährigkeit automatisch für Wahlen registriert werden – heute muss jeder Willige das noch selbst erledigen.

In der Kritik steht Omar vor allem wegen eines Tweets aus dem Jahr 2012, in dem sie Israel vorwirft, die Welt zu «hypnotisieren» und «böse Dinge» zu tun. Dafür rechtfertigte sie sich in diesem Jahr: Kritik am israelischen «Apartheid-Regime» sei weit entfernt davon, Juden zu hassen, schrieb sie, ebenfalls auf Twitter.

Die überraschendsten SiegerInnen:

Latinas und eine MMA-Kämpferin

Mit Rashida Tlaib aus Michigan, die ebenfalls neu ins Repräsentantenhaus einzieht, teilt sich Omar nun den Titel: Erste Muslima im US-Kongress.

«Erste» brachte die Kongresswahl in der Tat einige hervor. Da wäre etwa Jared Polis aus Colorado, der als erster bekennender Homosexueller einen Gouverneursposten übernimmt.
Sharice Davids vereint gleich mehrere «erste» auf sich: Im eher konservativen Bundesstaat Kansas lebt sie in einer offenen lesbischen Beziehung, ausserdem ist sie indigener Abstammung. Mit ihrem Einzug in den Kongress sitzen nun erstmals zwei Abgeordnete im Repräsentantenhaus, die von amerikanischen Ureinwohnern abstammen (neben Davids gewann auch Deb Haaland in New Mexico). Präsident Trump, der körperliche Übergriffe auf politische Gegner auch schon gutgeheissen hat, sollte das bei Davids übrigens lieber sein lassen: Vor ihrer politischen Karriere verprügelte die 38-Jährige als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin ihre Gegnerinnen in einem Stahlkäfig.

Insgesamt ziehen nach der Wahl vom Dienstag über 100 Frauen in den Kongress ein – mehr als je zuvor. Unter ihnen ist auch die erst 29-jährige Alexandria Ocasio-Cortez aus der Bronx in New York. Jünger als sie war bislang niemand. Der Vertreterin des linken Parteiflügels der Demokraten wird eine grosse Zukunft vorausgesagt.

Mit Ilhan Omar teilt sich Ocasio-Cortez eine nicht ganz unwichtige politische Haltung: Beide haben sich bereits für ein Amtsenthebungsverfahren («Impeachment») gegen Präsident Donald Trump ausgesprochen. Die neue demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus könnte ein solches auf den Weg bringen.

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