Am 15. November 1961, heute vor genau 50 Jahren, griff der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz zum Telefonhörer und rief bei der Firma Grünenthal an. Er riskierte damit seine Karriere, doch ein Verdacht liess ihm keine Ruhe. Er vermutete, dass Contergan für Missbildungen bei Neugeborenen verantwortlich war.

Die Pharmafirma war zwar bereit, einen Warnhinweis in die Gebrauchsanleitung zu schreiben, doch erst als die Presse den Verdacht publik machte, zog sie das Medikament Ende November vom Markt zurück. Danach erst wurde das ganze Ausmass der Katastrophe sichtbar: 10000 bis 12000 schwerbehinderte Kinder, Kinder ohne Beine, ohne Arme, blinde Kinder, taube Kinder, Kinder mit verkümmerten Gelenken oder mit geschädigten inneren Organen. Contergan-Kinder.

Rezeptfrei erhältlich

Die Firma Grünenthal aus Stolberg bei Aachen hatte das Medikament 1957 auf den Markt gebracht und pries es als ungiftiges und gut verträgliches Schlafmittel, so gut verträglich, dass es auch schwangere Frauen nehmen könnten. Es wurde den schwangeren Frauen sogar empfohlen gegen die morgendliche Übelkeit. In Deutschland war es rezeptfrei erhältlich und wurde millionenfach verkauft. Die meisten Contergan-Kinder kamen denn auch in Deutschland zur Welt.

Deshalb trägt die Katastrophe den Namen, unter dem das Mittel in Deutschland vermarktet wurde: Contergan. Verkauft wurde es aber weltweit, in über 40 Ländern, unter verschiedenen Namen. In der Schweiz hiess es Softenon und war hier nur auf Rezept erhältlich. Nach offiziellen Angaben kamen in der Schweiz neun Kinder mit den typischen Behinderungen auf die Welt.

Neue Hoffnung

Während in Deutschland der Prozess gegen Grünenthal vorbereitet wurde, machte ein Arzt in Israel eine Entdeckung. Er gab einer Lepra-Patientin zur Beruhigung Contergan. Irgendwo hatte er noch Restbestände. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass gewisse Symptome, die häufig als Komplikation bei Lepra auftreten, zurückgingen.

Contergan beziehungsweise sein Wirkstoff Thalidomid startete eine zweite Karriere. Das Medikament wurde unter strengen Auflagen verteilt, doch in den von Lepra besonders betroffenen Ländern waren diese schwierig zu kontrollieren. Lange Distanzen zur Abgabestelle, Weitergabe an Bekannte, Analphabetismus. Und tragischerweise verwechselten manche Frauen den Warnhinweis, eine durchgestrichene schwangere Frau, und hielten es für ein Verhütungsmittel. Es gab wieder Contergan-Kinder.

Wahres Wundermittel

Dass Thalidomid eine sehr wirksame Substanz ist, hat es im Negativen bewiesen. Doch was bei schwangeren Frauen verhängnisvoll ist, kann an anderer Stelle erwünscht sein. Thalidomid hemmt das Wachstum von Gefässen, eine gesuchte Eigenschaft im Kampf gegen Krebs.

Leber- und Prostatakrebs, Lymphdrüsenkrebs, Leukämie, Lungen- und Nierenkrebs, Melanom und Hirntumor. Ab Anfang der 1990er-Jahre wurden alle möglichen Anwendungsgebiete von Thalidomid erforscht. Auch bei MS, Aids und rheumatoider Arthritis erhoffte man sich Erfolge, denn Thalidomid beeinflusst auch die körpereigene Immunabwehr. Und es heilt schmerzhafte Aphten in Mund, Rachen und Speiseröhre, die manchmal so schlimm sind, dass die Betroffenen nicht mehr essen, trinken und reden können.

Keine Sonderbewilligungen mehr

Bis im letzten Jahr war Thalidomid in der Schweiz nur mit einer Sonderbewilligung erhältlich, unter anderem für verschiedene Hautkrankheiten, Knochentuberkulose, Aphten, verschiedene Bluterkrankungen, Knochenmarkfibrose und für das Multiple Myelom, ebenfalls eine schwere Erkrankung des Knochenmarkes. Neu braucht es nun keine spezielle Bewilligung mehr.

Bis 2003 hat die Firma Grünenthal Thalidomid produziert und es allen, die es brauchten, gratis zur Verfügung gestellt. Heute ist der amerikanische Pharmariese Celgene der grösste Anbieter, natürlich nicht mehr gratis. Der Prozess gegen Grünenthal wurde seinerzeit mit einem Vergleich beendet. Ein Urteil gab es nie. Doch die Contergan-Katastrophe hat die Zulassungspraxis von Medikamenten weltweit entscheidend verändert.

TV-Tipp: Am Freitag, 25.11. 2011, um 21.45 und 23.30 Uhr zeigt die ARD den zweiteiligen Fernsehfilm «Contergan» aus dem Jahr 2006 in einer Wiederholung.