Interview

Bürgerkrieg im Jemen – «Die Schweiz könnte Positives bewirken»

Die Bevölkerung Jemens leidet seit 2015 unter dem Bürgerkrieg.

Die Bevölkerung Jemens leidet seit 2015 unter dem Bürgerkrieg.

Die Jemen-Kennerin Elham Manea erklärt im Interview, warum der Bürgerkrieg im Land gerade eskaliert. Und was die Schweiz tun könnte.

Elham Manea ist in der Schweiz zu Hause, aber nicht nur. Der Jemen, sagt sie, ist ebenfalls Heimat. «Ein Zuhause, das gerade zerstört wird.» Die jemenitisch-schweizerische Politologin lehrt an der Uni Zürich, ihre Familie väterlicherseits stammt aus Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, die inzwischen ebenfalls zum Schauplatz des Bürgerkriegs geworden ist. Es ist ein Krieg, der seit 2015 tobt und allein letztes Jahr rund 9000 Menschen das Leben kostete. Ein Krieg, der im Land die Cholera ausbrechen liess. Hunderttausende sind bereits infiziert. Ein Krieg auch, der weitgehend unter dem Radar der westlichen Öffentlichkeit abläuft. Und einer, der nun vollends zu eskalieren droht.

Frau Manea, Sie haben viele Kontakte in den Jemen. Wie ist die Lage für die Menschen dort?

Elham Manea: Es ist eine humanitäre Katastrophe. Den Menschen geht es sehr schlecht. Die Leute verbunkern sich, sie bekommen ihre Löhne nicht ausbezahlt. Zu Essen ist zwar genug da, aber die Menschen haben kein Geld, um sich zu ernähren. Alle 10 Minuten stirbt im Jemen ein Kind. Die, die nicht sterben, sind mangelernährt. Die Jemeniten sind klug und fleissig, aber die mangelhafte Ernährung wirkt sich auf ganzen Generationen aus.

Die Auseinandersetzung selbst kostet bereits seit 2015 Tausende Menschen das Leben. Wer kämpft im Jemen eigentlich gegen wen?

Der Krieg im Jemen findet auf zwei Ebenen statt. Die erste ist die lokale Ebene. Das Land ist geteilt in Nord und Süd, geprägt von religiösen und stämmischen Rivalitäten.

Wer steht sich konkret gegenüber?

Was wir heute sehen, ist ein Bürgerkrieg zwischen konkurrierenden Teilen der jemenitischen Elite. Jeder von ihnen sucht sich Unterstützung bei den untereinander verfeindeten Stämmen und den regionalen oder islamistischen Gruppen. Die Huthi aus dem Norden Jemens sind eine dieser Gruppierungen.

Was wollen die Huthi?

Der Aufstand der Huthi erfolgte aus ökonomischen und sozialen Missständen heraus. Die Huthi waren frustriert. Ihre Führer gehören keinem Stamm an, sondern eher einer sozialen Gruppe. Sie behaupten, dass sie die legitimen Nachfolger des Propheten Mohammed sind.

Neben dieser lokalen Konstellation sprachen Sie von einer zweiten Ebene.

Die regionale Ebene. Im Jemen stehen sich nicht nur die lokalen Gruppen gegenüber, sondern indirekt auch Saudi- Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate auf der einen Seite, der Iran auf der anderen Seite.

Warum ist der Jemen für die beiden Mächte so wichtig?

Die Huthi haben jahrzehntelang Krieg gegen das Regime von Ali Abdullah Saleh geführt, als dieser noch an der Macht war. Sie blieben aber immer im Norden des Landes. Als Saleh 2012 von einer Allianz der Golf-Staaten abgesetzt wurde, wechselte er die Seiten und unterstützte fortan die Huthi. Saleh hatte immer noch viele Unterstützer in den Stämmen und im Militär. Mit seiner Hilfe rückten die Huthi bis in die Hauptstadt Sanaa vor.

Das konnte das sunnitische Saudi- Arabien nicht zulassen.

Die Saudis sahen im Vorrücken der zaidischen Huthi eine Bedrohung. Sie befürchteten etwa, dass sich die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien ermutigt sieht. Immerhin war es die Zeit des Arabischen Frühlings, der Aufstand der Jugend, der viele Regime in der Region zum Einsturz brachte.

Schickte Saudi-Arabien selbst Truppen in den Jemen?

Saudi-Arabien flog Luftangriffe, am Boden kämpften Guerillas der Emirate und Söldner aus dem Sudan.

Die von Iran gestützten Huthi kämpften zwei Jahre lang an der Seite von Saleh gegen die von Saudi-Arabien getragenen sunnitischen Gruppierungen. Anfang dieser Woche änderten sich die Vorzeichen im Jemen-Krieg: Saleh wurde von Huthi-Rebellen erschossen.

Die Huthi und Salehs Truppen kämpften in einem Zweckbündnis Seite an Seite. Zuletzt machte sich aber Misstrauen bei den Huthi breit, weil Salehs Sohn Ahmed mit den Emiraten verhandelte. Die Saudis merkten, dass sich die Huthi nicht so leicht besiegen lassen, und suchten einen Ausweg aus dem Krieg. Über Salehs Sohn Ahmed sollte offenbar eine Lösung hinter dem Rücken der Huthi gefunden werden.

Und die fühlten sich hintergangen?

Saleh hat die Eskalation gesucht, indem er mit den Saudis verhandeln liess. Die Saudis haben eingewilligt. Die Huthi glaubten, dass dies gegen ihre Interessen verstösst.

Deshalb wurde Saleh getötet?

Gerüchten zufolge sollen Stammesführer Saleh garantiert haben, dass die Huthi ihn nicht angreifen. Das Versprechen wurde gebrochen.

Was folgt daraus?

Die Unterstützer von Saleh werden sich nun den Saudis anschliessen und gegen die Huthi kämpfen. Auf der anderen Seite wird der Iran die Huthi stärker unterstützen. Der Krieg wird stärker wer- den. Die Gewalt nahm bereits zuletzt immer mehr zu.

Wie zeigt sich das?

Durch Massenerschiessungen, Formen von Unterdrückung, durch Gewalt, wie wir sie vorher in dem Krieg nicht ge- sehen haben. Die Menschen im Jemen leiden – egal, welcher Glaubensrichtung sie angehören.

Lokale Feindschaften, regionale Verwicklungen, letztlich sind selbst die USA, die Saudi-Arabien den Rücken stärken, sowie Russland, das dasselbe auf iranische Seite macht, involviert. Lässt sich dieser Krieg überhaupt beenden?

Es gibt zwei Länder, die im Jemen Positives bewirken können: das erste ist das Sultanat Oman, welches in der Region respektiert ist. Das zweite Land ist die Schweiz. Mit unserer humanitären Tradition und unserem neutralen Status könnten wir eine Vermittlerrolle übernehmen und die Kriegsparteien an einen Tisch bringen.

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