Zu dem für das syrische Regime verheerenden Anschlag im Nobelviertel Abu Rumaneh sollen sich nach noch unbestätigten Berichten die islamistischen Nusra-Brigaden und die Freie Syrische Armee (SFA) bekannt haben. «Das ist der Vulkanausbruch, den wir (zu Wochenbeginn) angekündigt hatten», verkündete SFA-Sprecher Qassim Saadedin.

Schon seit einigen Wochen hatten syrische Oppositionelle auf ihren Websites von einem bevorstehenden «grossen Ding» gesprochen. Der gestrige in Anschlag in Damaskus dürfte ihre Erwartungen erfüllt, vermutlich sogar weit übertroffen haben. Denn mit dem Verteidigungsminister Dawud Radschiha und seinem Schwager Assef Schaukat sowie Sicherheitsberater Hasan Turkmani verliert Assad drei seiner engsten Weggefährten auf einen Schlag.

Geheimdienstchef Hischam Bekhtyar, Innenminister Mohammed Ibrahim al-Schaar sowie andere hochrangige Offizielle wurden schwer verletzt ins Schami-Krankenhaus von Damaskus eingeliefert. Am Abend meldete das Staatsfernsehen, dass auch der Innenminister seinen Verletzungen erlegen sei.

Verschwörungstheorien kursieren

Die genauen Umstände des Attentates sind noch unklar. Sie werden nicht nur in Damaskus noch lange heiss diskutiert werden. Es stellt sich die Frage, wie in einem so hochgerüsteten Polizeistaat wie Syrien ein Attentäter in eine der Machtzentralen des Regimes vordringen und dort ein Blutbad anrichten konnte. Vieles deute auf einen Verrat hin, mutmassen Beobachter in Damaskus. «Alles ist denkbar», betonen sie. Die Opposition könnte es geschafft haben, einen ihrer Aktivisten - die Rede ist von einem Leibwächter zum Schutz des «innersten Kreises» - in den Offiziersclub einzuschleusen. Aber auch eine Abrechnung innerhalb des Regimes dürfe nicht völlig ausgeschlossen werden. Entsprechende Verschwörungstheorien kursieren seit gestern in der syrischen Hauptstadt.

Opposition rechnet mit Vergeltung


Für Assad ist das Attentat ein Tiefschlag, von dem er sich so bald nicht erholen wird. Vermutlich zum ersten Mal in dem seit 17 Monaten anhaltenden Aufstand dürfte ihm bewusst geworden sein, dass ihn schon bald das Schicksal seiner Weggefährten ereilen könnte. Erste Reaktionen aus Damaskus deuten darauf hin, dass das angeschlagene Regime entschlossen ist, den Anschlag wegzustecken. Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch stärker, dürfte das Leitmotiv, lauten, das jetzt die Opposition zu spüren bekommt. Ihre Aktivisten rechnen nun mit massiver Vergeltung gegen die Aufständischen in Damaskus; sie vergleichen den Assad-Clan mit einem «verwundeten Wolf, der wild ums sich schlägt und beisst».

Neuer Verteidigungsminister

Ein Sprecher der syrischen Armee bestätigte diese Einschätzung. Die Streitkräfte, drohte er mit grimmigem Gesicht im Staatsfernsehen, seien jetzt «entschlossener als zuvor» und würden alles daransetzen, die Verantwortlichen für das Attentat zur Rechenschaft zu ziehen. Um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, wurde nur zwei Stunden nach dem Anschlag in Abu Rumaneh mit Fahed al Jasem al Freij ein Nachfolger für den getöteten Dawud Radschiha ernannt. Freij ist, wie sein Amtsvorgänger, griechisch-orthodoxer Christ.

Nach dem Selbstmordanschlag in Abu Rumaneh meldeten Bewohner der syrischen Hauptstadt mindestens vier weitere Explosionen. Betroffen ist angeblich auch eine Militärbasis in der Nähe des Präsidentenpalastes, die von Assads Bruder Maher geführt wird. Arabische Fernsehsender versuchten, den Eindruck eines möglichen Staatsstreiches zu vermitteln. In einem Gespräch mit dem TV-Sender Al Jazeera beschrieb der langjährige Nahost-Korrespondent der britischen Zeitung «Independent», Robert Fisk, die Ereignisse in Damaskus als «klassische Szenen vor dem Ende des Regimes». Assad denke vermutlich schon «über die Flugzeit nach Moskau» nach, sagte er. Die Streitkräfte, so Fisk weiter, könnten jetzt über eine Machtübernahme nachdenken, mit der sich die Opposition aber nicht zufrieden geben werde.

«Tag der Glückseligkeit»

Aus der Sicht der Rebellen hat gestern die Entscheidungsschlacht um Damaskus endgültig begonnen. Das syrische Volk, frohlockte der vor einer Woche zur Opposition übergelaufene syrische Ex-Botschafter in Bagdad, Nawaf Fares, habe einen «ersten Tag der Glückseligkeit» erlebt. Ob weitere Glückstage folgen, wird sich zeigen.