Proteste

Anti-Rassismus-Demos in Frankreich: 20'000 fordern Gerechtigkeit

Proteste in Paris: Tausende Jugendliche strömten zu Wochenbeginn auf die Strasse.

Proteste in Paris: Tausende Jugendliche strömten zu Wochenbeginn auf die Strasse.

Der bereits Jahre zurückliegende Tod eines Jugendlichen treibt junge Franzosen auf die Strasse. Die Nation ist perplex.

Niemand hatte mit diesem Menschenauflauf gerechnet. Die Online- und Druckmedien hatten im voraus kein Wort darüber verloren – nicht einmal darüber, dass die Polizei die Kundgebung wegen der Coronakrise untersagt hatte.

Am Dienstagabend strömten aus den Pariser Vororten trotzdem 20 000 meist junge, meist dunkelhäutige Menschen zu einem Gerichtsgebäude am nördlichen Stadtrand von Paris. Eine kompakte Menge skandierte Parolen für den in den USA umgekommenen George Floyd, aber auch für den Franko-Malier Adama Traoré, der im Sommer 2016 gestorben war, kurz nachdem ihn drei Gendarmen zu Boden gedrückt hatten.

Die Demonstranten trugen Transparente mit dem afroamerikanischen Slogan «Black Lives Matter». «Wenn wir für George Floyd kämpfen, dann auch für Adama», rief Traorés Schwester Assa, die ein Komitee für die juristische Anerkennung des Erstickungstodes ihres jüngeren Bruders leitet. Die offizielle Todesursache Herzschwäche stellt sie mit einer eigenen Gegenexpertise in Abrede.

Brennende Mülleimer und Tränengas

Zwei Stunden nach Demobeginn kam es zu Zusammenstössen mit der Polizei. Bushäuschen, Mülleimer gingen in Flammen auf. Die Polizei verteidigte das Justizgebäude mit Tränengas; die benachbarte Ringautobahn musste teilweise geschlossen werden. Die Öffentlichkeit reagierte verblüfft auf den Massenauflauf. Die Pariser Kommentatoren scheinen fast peinlich berührt, dass die US-Vorgänge – die man halbwegs dem Präsidenten Donald Trump in die Schuhe schieben konnte – nun auch Frankreich erfasst haben.

Die französische Regierungssprecherin Sibeth Ndiaye bemühte sich am Mittwoch in einer Pressekonferenz darzulegen, warum die Lage der Schwarzen in den USA und in Frankreich «nicht vergleichbar» sei. «Ich glaube nicht, dass man sagen kann, Frankreich sei ein rassistisches Land», sagte die aus Senegal stammende Macron-Vertraute. Assa Traoré konterte umgehend, die Lage sei effektiv ungleich – weil «in Frankreich sogar noch schlimmer»: In den USA sei der fehlbare Polizist immerhin hinter Gittern; im Fall Traoré habe das Innenministerium in Paris den beteiligten Gendarmen aber sogar den Dank ausgesprochen.

Nichts mit dem Fall Floyd zu tun

Eine Sprecherin der Polizeigewerkschaft SGP, Linda Kebbab, trat dieser Darstellung vehement entgegen. Der Fall George Floyd habe mit der Traoré-Affäre «absolut nichts zu tun, weder historisch, ursächlich noch technisch», sagte die Polizistin. Die in Minneapolis angewendete Technik «Knie auf Hals» sei in Frankreich verboten; die französische Polizei habe sie in aller Form verurteilt. Generell warf die Polizeisprecherin dem Traoré-Komitee vor, einen «rassisch orientierten Diskurs» aus den USA nach Frankreich zu bringen.

Die politischen Reaktion fielen gespalten aus. Linkenchef Jean-Luc Mélenchon begrüsste die Grossdemo. Die konservativen Republikaner kritisierten die Gewaltexzesse.

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