Coronavirus

Amerika streitet über Sinn und Unsinn von Gesichtsmasken: Wie Biden und Trump die Debatte anfeuern

Joe Biden am Montag bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit Monaten: Anders als Donald Trump trägt er eine Gesichtsmaske. (AP Photo/Patrick Semansky)

Joe Biden am Montag bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit Monaten: Anders als Donald Trump trägt er eine Gesichtsmaske. (AP Photo/Patrick Semansky)

Rund 100'000 Menschen sind in Amerika bisher an den Folgen der Corona-Pandemie gestorben. Dennoch streiten sich nun linke und rechte Amerikaner, ob es Sinn macht eine Maske zu tragen.

Er kann es nicht lassen. Kaum hatte sich sein designierter Rivale Joe Biden am Wochenende mit einer Schutzmaske in der Öffentlichkeit gezeigt, stichelte Donald Trump auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Der amerikanische Präsident verbreitete eine Wortmeldung des konservativen Meinungsmachers Brit Hume weiter, der eine Fotografie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten mit der folgenden Aussage kommentiert hatte: «Vielleicht erklärt dies, warum Trump in der Öffentlichkeit keine Maske tragen mag.»

Als Hume, ebenfalls auf Twitter, darauf hingewiesen wurde, dass Biden immerhin 77 Jahre alt sei und deshalb auf seine Gesundheit achtgeben müsse, gab der altgediente Kommentator sinngemäss zurück: Der Präsidentschaftskandidat habe die vergangenen zwei Monate in seinem Haus in Delaware verbracht, zusammen mit seiner Frau, abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Es sei aus diesem Grund nicht nachvollziehbar, dass er andere Menschen schützen müsse.

Natürlich ist Twitter kein Medium, das eine gesittete Debatte über die Vor- und Nachteile von Gesichtsmasken in Zeiten einer Pandemie fördert. Die Antagonisten von Brit Hume — unter denen sich auffällig viele linke Medien-Persönlichkeiten befinden — nutzten aber die Gelegenheit, den konservativen Kommentator darauf aufmerksam zu machen, dass sich Biden verantwortungsbewusst verhalten habe. Immerhin sei er bei seinem Besuch eines Denkmals in Delaware, das an lokale Soldaten und Soldatinnen erinnert, die im Zweiten Weltkrieg und im Korea-Krieg ihr Leben liessen, von anderen Menschen umringt worden; so wird Biden neuerdings wieder von Secret Service-Agenten beschützt.

Biden gehe mit gutem Beispiel voran, sagte die Kommentatorin Molly Jong-Fast, die aus ihrer Ablehnung Trumps keinen Hehl macht, und früher hätten amerikanische Präsidenten in Krisenzeiten jeweils diese Vorbildfunktion übernommen. Immerhin empfehle die staatliche Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) den Einsatz von Schutzmasken in der Öffentlichkeit. Andere Kommentatoren wiesen darauf hin, dass die Pandemie in Amerika bereits gegen 100'000 Menschenleben gefordert habe, und einige Landesteile sich aufgrund der hohen bestätigten Fallzahlen immer noch in einem Lockdown befänden. Auch deshalb hat eine Mehrheit der Amerikaner keine Probleme damit, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen, wie Meinungsumfragen aufzeigen.

Die Maske als Angriff auf die persönliche Freiheit

Im rechten Amerika hingegen gibt es Stimmen, die Schutzmasken als Angriff auf die persönliche Freiheit wahrnehmen. In Lebensmittel-Geschäften, in denen die Angestellten darauf bestehen, dass Kundinnen und Kunden sich eine Maske überziehen, kommt es mit einer gewissen Regelmässigkeit zu hässlichen Szenen.

Beunruhigend an dieser Entwicklung ist, dass die Masken-Debatte (einmal mehr) entlang des Grabens zwischen «blauen» und «roten» Landesteilen zu verlaufen droht. In Staaten, in denen ein Gouverneur regiert, der das Parteibuch der Demokraten besitzt, wird der Gebrauch von Schutzmasken empfohlen — auch weil diese Staaten von der Corona-Pandemie stark betroffen sind. In «roten» Staaten hingegen, in denen republikanische Politiker den Ton angeben, wird eine Maske zunehmend als Hindernis beim Wiedereröffnen der Wirtschaft gesehen.

Als kümmere sich das Virus um die Befindlichkeit von Journalisten

Angefeuert wird diese Debatte, natürlich, durch den Präsidenten. Trump weigert sich bisher beharrlich, sich öffentlich mit einer Maske zu zeigen. Zuletzt besuchte er in der vergangenen Woche eine Ford-Fabrik in Michigan, in der neuerdings Beatmungsgeräte hergestellt werden. Und obwohl William Ford, Verwaltungsratspräsident des Autobauers, den Präsidenten dazu «ermutigt» hatte, die Hausregeln zu beachten, und einen Gesichtsschutz zu tragen, verzichtete Trump darauf, wie es später in einer Stellungnahme hiess. Einzig während einer privaten Tour zog er kurz eine Maske über; umgehend wurde er dabei von einem Paparazzo fotografiert.

Später sagte Trump: Er habe die Maske wieder abgezogen, weil er den Journalisten «keine Freude» habe machen wollen — als ob sich das Corona-Virus um die Seelenlage von Medienschaffenden kümmern würde. Der Spruch des Präsidenten ist ein Vorgeschmack darauf, wie die nächsten Monate bis zum Wahltag im November ablaufen werden. Trump wird wirtschaftliche Fragen ins Zentrum seines Wahlkampfes stellen, als sei das Virus unter Kontrolle. Auch wird er versuchen, auf Twitter das Thema zu wechseln. So drohte er über das lange Wochenende in Amerika mit einem Abzug des Parteitags der Republikaner aus North Carolina. Auch verbreitete er die (absurde) Behauptung, ein Moderator des linken Nachrichtensenders MSNBC habe vor fast zwanzig Jahren eine Angestellte ermordet. «Transition to Greatness» heisst diese Phase im Sprachgebrauch des Präsidenten, der Übergang zu einer grossartigen Zeit.

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