Flughafen Tegel

Ab sofort gilt in Deutschland Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten – ist das wirklich durchsetzbar?

Gut besuchtes Testzentrum am Flughafen Tegel: Seit Samstag müssen sich Rückkehrer aus Risikogebieten testen lassen.

Gut besuchtes Testzentrum am Flughafen Tegel: Seit Samstag müssen sich Rückkehrer aus Risikogebieten testen lassen.

130 Länder stehen auf der Liste der Corona-Risikogebiete. Seit Samstag gilt für Rückkehrer aus der Türkei, den USA und Luxemburg eine Testpflicht an Flughäfen. In Berlin bildeten sich Schlagen vor dem Testzentrum, wie ein Besuch vor Ort zeigt.

Ironie, dass ausgerechnet die Corona-Testpflicht für einen Hauch von Normalität am Berliner Flughafen Tegel sorgt, zumindest eingangs zu Terminal A. Beim Testzentrum herrscht eine Betriebsamkeit wie in Vor-Corona-Zeiten, Menschen stehen mit ihren Koffern vor einer Schalteranlage Schlange, andere warten vor dem kleinen Testzentrum vor dem Flughafengebäude in brütender Hitze, bis man auch ihnen Abstriche von Mund- und Nase nehmen wird.

Kurz zuvor ist das Flugzeug aus dem türkischen Urlaubsort Antalya in Tegel gelandet, wenig später setzt auch die Maschine aus Izmir auf dem Berliner Stadtflughafen auf. Die Türkei steht auf der 130 Länder umfassenden Liste der Corona-Risikoländer des Robert Koch-Instituts (RKI).

Seit Samstag gilt für Rückkehrer aus den Risikostaaten, darunter die USA, Israel, Serbien, Marokko, aber auch Luxemburg, eine Corona-Testpflicht bei Einreise nach Deutschland. «Setzen Sie sich bitte auf den Stuhl», sagt eine Pflegerin der Berliner Charité zu einem etwa 50-jährigen Mann, der gerade aus der Türkei zurückgekommen ist. «So, und nun öffnen Sie bitte den Mund», fügt sie in sanftem Tonfall an.

Bis 12 Uhr Mittags an diesem Samstag haben die Charité-Mitarbeiter in Tegel bei etwa 100 Passagieren den Corona-Abstrich vorgenommen. «Ja ja, den Test mache ich», erzählt ein junger Deutsch-Türke, der vor dem Testzentrum darauf wartet, bis er an der Reihe ist. «Sonst muss ich 2 Wochen in Quarantäne. Unmöglich. Montag gehts wieder los mit Arbeit.»

Weniger Verständnis für die Testpflicht, die nicht für Kinder bis 6 Jahre gilt, zeigt ein Familienvater, der gerade mit Ehefrau und seinen beiden Teenager-Töchtern aus Antalya zurückgekehrt ist. «Ein totaler Quatsch», schimpft er. «Habt ihr das auch bei euch in der Schweiz? Staatliche Datensammelwut vom Feinsten!» Die 13-jährige Tochter glaubt, dass sie zum Schulstart am Montag noch nicht bei ihren Klassenkameraden sein darf. Es dauert bis zu drei Tage, bis die Resultate des Coronatests vorliegen. «Solange müssen wir in Quarantäne bleiben», meint das Mädchen.

Testzentren im ganzen Land

Die Testpflicht für Reiserückkehrer aus Risikogebieten kündigte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) letzte Woche an, sie gilt seit diesem Samstag. Das Virus nehme keine Rücksicht auf Urlaubsstimmung, verteidigte der 40-Jährige die Massnahme, bei der die Reisenden persönliche Daten den Behörden zur Verfügung stellen müssen und die mit Blick auf die steigenden Infektionen in Deutschland eingeführt worden ist.

Im gesamten Land wurden Testzentren an Flughäfen und Bahnhöfen eingerichtet, grundsätzlich müssen sich Ferienreisende aus der Türkei, Israel und anderen Risikogebieten innerhalb von drei Tagen nach ihrer Rückkehr auf Covid-19 testen lassen - obwohl das RKI betont, dass sich ein Grossteil in Deutschland selbst mit dem Virus infiziert. «Wir müssen verhindern, dass Rückkehrer unbemerkt andere anstecken und neue Infektionsketten auslösen», begründete Spahn.

Strafen für Verweigerer

Drastisch sind die Folgen für jene, die sich der Testpflicht verweigern. Rechtliche Grundlage des Zwangstests ist ein kürzlich geänderten Paragraph im Infektionsschutzgesetz. Wer die Testpflicht missachtet, dem droht eine Strafe von bis zu 25000 Euro. Einreisende mit dem Auto müssen an Grenzen mit Stichproben rechnen, Reisende auf Schiffen, in Bussen und Bahnen müssen den Behörden Informationen über das Reiseland überlassen, Stichproben sind auch hier möglich. Die kostenlosen Tests werden allesamt aus der Staatskasse bezahlt.

Die Praxis am Flughafen Tegel zeigt, dass das Flughafenpersonal keine Kontrolle darüber hat, ob sich die Rückkehrer tatsächlich testen lassen. «Ginge es nach uns, müssten die Passagiere aus Risikogebieten direkt aus dem Flieger zum Test geleitet werden. So wie es jetzt läuft, haben wir ja keine Kontrolle über die Einreisenden», klagt eine Charité-Mitarbeiterin.

Allerdings sind die angedrohten Sanktionen bei Missachtung der Testpflicht so massiv, dass vermutlich auch die grössten Coronaskeptiker den Abstrich machen lassen. Der 40-jährige Ivan Timisch ist gerade aus dem Türkei-Urlaub zurückgekehrt. Den Test hat er schon gemacht, nun steht er vor Terminal A und zieht genüsslich an einer Zigarette. «Das Testen kostet ja nichts. Besser so, als in Quarantäne zu gehen. Oder eine Busse bezahlen zu müssen.»

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