3. Oktober 2020

30 Jahre Deutsche Einheit: «Wir haben eine Chance verpasst»

Politische Ambitionen hatte Johannes Wohmann nicht, doch just nach dem Mauerfall machten ihn die Finsterwalder zu ihrem Bürgermeister. Er blieb es 20 Jahre lang. Die Einheit ist für ihn ein Erfolg. Doch die Entwicklung im Land bereitet ihm Sorgen.

Das Gespräch dauert schon über zwei Stunden, als Johannes Wohmann eine Träne von der Wange wischen muss. «Manchmal erinnert mich der heutige Bundestag an die Volkskammer der DDR. Die Politiker haben vergessen, dass sie das Grundgesetz schützen sollen und nicht die Regierung in ihrem Handeln unterstützen müssen.»

Finsterwalde, eine Kleinstadt mit etwas mehr als 16000 Einwohnern im südlichen Brandenburg. Die Fassaden der Häuser sind hübsch saniert, der Marktplatz versprüht viel Charme. Vor 30 Jahren sah es hier anders aus. Da waren die Hausmauern grau, die Luft stickig durch die Braunkohle. Auf dem Marktplatz begehrten die Menschen auf gegen die Staatsmacht der SED.

Ende Oktober 1989 versammelten sich in dem damals noch 24000 Einwohner zählenden Ort 15000 Demonstranten. Sie riefen «Stasi raus!». Doch sie träumten gar nicht von einer Wiedervereinigung, sie wollten bloss Reisefreiheit und keinen Staat mehr, der ihnen vorschreibt, wie man zu leben hat. Johannes Wohmann, damals Eisenbahningenieur, ein gebürtiger Finsterwalder, war mit auf dem Marktplatz.

Und weil der damals Mitte 40-Jährige rhetorisch einiges drauf hatte, sagten ihm die Leute von der Bürgerbewegung, er solle auf dem Marktplatz eine Rede halten. Das war Anfang November 1989.

«Ich hab das aus der Not heraus gemacht. Von dem Tag an galt ich für die Menschen in Finsterwalde plötzlich als Ansprechpartner», erinnert sich Wohmann, heute 76. Es war der Beginn einer politischen Karriere, die erst im vergangenen Jahr endete, als Wohmann, inzwischen bei der FDP, sein Kreistags-Mandat niederlegte. Im Nachgang zu den ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990, als Wohmann auf der Liste der Bürgerbewegung Neues Forum kandidiert hatte, wählten ihn die Finsterwalder zu ihrem Bürgermeister.

Der Vater zweier längst erwachsener Söhne stand dem einstigen Industriestandort in seiner wohl schwierigsten Zeit überhaupt vor. Von 1990 bis 2010. In einer Zeit also, als die Arbeitslosigkeit zeitweise auf 27 Prozent hochschnellte, als die DDR-Betriebe im Ort abgewickelt wurden, die Menschen ihre Hoffnung auf eine Zukunft verloren. Viele Finsterwalder waren frustriert und wütend, aber Wohmann wählten sie dennoch immer wieder. «Darüber staune ich bis heute», sagt er.

«Eine Stimmung wie damals in der DDR»

Johannes Wohmann ist froh über die Wiedervereinigung, die sich an diesem Samstag zum 30. Mal jährt. Aber ob er feiern wird? Wohmann ist besorgt, wenn er über die heutigen Zustände in dem wiedervereinigten Land sinniert. Manchmal hat er das Gefühl, dass die Menschen bequem geworden sind und es viele ablehnen, für sich selbst zu sorgen.

«Wenn es nicht läuft, wird die Schuld dem nächstbesten Politiker gegeben. Dieses Delegieren der eigenen Verantwortung kenne ich eigentlich aus der DDR, als der Staat versucht hatte, die Menschen in Abhängigkeit zu bekommen.»

Wohmann macht ein diffuses Unbehagen in weiten Teilen der Bevölkerung aus, «eine Stimmung, wie sie damals in der DDR vorgeherrscht hatte.» In Deutschland fände eine «Hinterzimmer-Politik» statt, der Bundestag nicke quasi oppositionslos die Regierungspolitik ab, «wie damals in der Volkskammer.» So umstritten die AfD sei, wenigstens erhebe mit dieser Partei noch eine Kraft die Stimme gegen einen «Komplott» der etablierten Politik.

Wohmann möchte sein Land und die Demokratie wachrütteln, die Menschen sollen partizipieren an der Politik und ihr eigenes Schicksal mitbestimmen. «Wir brauchen Bürgerbeteiligungen, Volksabstimmungen auch im Bund. Wir können doch nicht Grenzkontrollen in der Flüchtlingskrise einstellen, ohne dass wir das Volks vorher gefragt haben, was es davon hält», seufzt Wohmann. «Diese Einheitsmeinung ohne Gegenstimme führt zu einer ähnlichen Stagnation des Staatswesens wie damals in der DDR. Das führt auf lange Sicht ins Verderben», zeigt sich Wohmann besorgt und fügt hinzu: «Nach der Wiedervereinigung wurde eine Chance verpasst.»

Vermutlich wird er an diesem Samstag dennoch mit einem Glas Wein auf die Einheit anstossen. Ein bisschen was, wenn auch nur im Kleinen, hat er schliesslich dazu beigetragen. Als er das Wort ergriff auf dem Finsterwalder Marktplatz, damals 1989. Und später, als er Bürgermeister war und den Ort durch die turbulente Zeit steuerte. «Die Einheit ist ein Erfolg, für beide Teile des Landes», sagt Wohmann. Aber zu Ende sei der Prozess noch nicht.

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