«Wir sind beunruhigt über die zunehmende ethnische Polarisierung. Politische Parteien nutzen unverhohlen rassistische Tendenzen aus» – Sorge schwang in der Stimme des Freiheitskämpfers und Erzbischofs Desmond Tutu mit, als er 1994, kurz nach Anbruch der Demokratie in Südafrika, über die Spannungen im Land sprach. Ein Vierteljahrhundert später sind seine Bedenken wieder aktuell.

Am 27. April feiert Südafrika den 25. Jahrestag der ersten demokratischen Wahlen. Der Urnengang, der Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten machte, gilt als offizielles Ende der Apartheid. Seitdem ist die Bilanz gemischt, was Versöhnung und Entwicklung angeht. Millionen Südafrikanern hat der demokratische Wandel Strom, fliessendes Wasser und Sozialleistungen gebracht. Es herrscht Redefreiheit, die Justiz arbeitet unabhängig. Auf dem Kontinent ist Südafrika eines der fortschrittlichsten Länder.

Schule trennt nach Hautfarbe

Was die Versöhnung betrifft, scheint Nelson Mandelas Regenbogennation drauf und dran, sich als Vielvölkerstaat zu finden – allerdings mit Rückschlägen. So sorgten in den vergangenen Jahren wiederholt rassistische Vorfälle für Schlagzeilen. Zu Jahresbeginn herrschte nationale Empörung, nachdem eine Schule die Lernenden am ersten Schultag offenbar nach Hautfarbe trennte. Bildungsexperten überraschte dies nicht, sie warnten: Südafrikas Schulen seien nach wie vor Brutstätten von Rassismus.

Extremisten stochern dort herum, wo es schmerzt – das ist in Südafrika immer noch die Beziehung zwischen den einzelnen Volksgruppen. Die Provinz Nordkap, rissige Erdstrassen, roter Staub: Hier soll 25 Jahre nach Einzug der Demokratie «Eureka» entstehen, eine Siedlung, ausschliesslich für weisse Südafrikaner. Jedem, der mit ihm gegen die «Entwurzelung der weissen Rasse kämpft», verspricht Gründer Adriaan Nieuwoudt ein Grundstück auf seinem Land.

Doch auch Politiker sorgen für Aufsehen. Wie etwa der Anführer der Wirtschaftlichen Freiheitskämpfer (EFF), Julius Malema. Nachdem der Chef der zweitgrössten Oppositionspartei in der Vergangenheit forderte, «Buren zu erschiessen», wetterte er nun auch gegen Südafrikas indische Minderheit.

Der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) versucht sich in seiner traditionellen Rolle als Versöhner – nur glauben wollen ihm immer weniger Südafrikaner. «Unsere Regierung hat die grossartige Tradition aufgegeben, Versöhnung zwischen den Volksgruppen zu fördern, wie Nelson Mandela es tat», bemängelte vor kurzem Alt-Präsident und Nobelpreisträger Frederik Willem de Klerk. Er kritisiert Entscheidungen, durch die der ANC zu den ethnischen Spannungen beitrage. Vergangenes Jahr etwa sprach sich das Parlament für Landenteignungen ohne Entschädigung aus. Das sei nötig, um das Erbe von Kolonialismus und Apartheid umzukehren. Aber viele Experten sind skeptisch. Sie fürchten nicht nur negative Auswirkungen auf Südafrikas ohnehin schon angeschlagene Wirtschaft und auf die Ernährungssicherheit; auch die Beziehungen zwischen den einzelnen Volksgruppen würden unter der Landreform leiden.

Dass auch der ANC, der traditionell gegen jegliche Form von Diskriminierung steht, von Rassismusskandalen nicht verschont bleibt, bewies dessen Generalsekretär Ace Magashule: Er forderte die Bewohner eines Kapstädter Townships vor kurzem auf, ihre Stimmen bei der bevorstehenden Wahl nicht an den «umlungu» zu verschwenden, den «weissen Mann». ANC-Veteranen nannten seine Ansage «rassistisch» und «inakzeptabel».

Tatsächlich scheint die Mandela-Partei derzeit sehr mit sich selbst beschäftigt. Zu einer Arbeitslosigkeit von 27 Prozent, der Energiekrise und einer bröckelnden Wirtschaft kommen die Korruptionsskandale der vergangenen Jahre hinzu. Ex-Präsident Jacob Zuma, seine Geschäftspartner, Minister und führende Beamte sollen Südafrikas Staatsunternehmen um Millionen betrogen haben. In Johannesburg tagt derzeit eine Richter-Kommission mit dem Ziel, die Bestechungsskandale der vergangenen Jahre aufzudecken. Beinahe wöchentlich kommt es zu neuen schockierenden Enthüllungen.

«Würde sie an Bäume fesseln»

Elf Tage stehen zwischen dem Demokratie-Jubiläum und den Parlamentswahlen am 8. Mai. Einige Beobachter sagen dem ANC trotz der jüngsten Skandale einen Sieg mit über 60 Prozent voraus. Das liegt zum einen daran, dass es an glaubhaften Alternativen fehlt. Zum anderen spielt er eine zentrale Rolle: Cyril Ramaphosa. Der Unternehmer und ehemalige Gewerkschaftsführer übernahm vor einem Jahr den wirtschaftspolitischen Scherbenhaufen seines Vorgängers und versprach den Südafrikanern einen «Neubeginn». Die Drahtzieher der Vetternwirtschaft versprach er, ins Gefängnis zu bringen. Und bei einem symbolischen Besuch auf einer Weinfarm Mitte April, einem traditionell weissen Sektor, rief er die Bauern zum Zusammenhalt auf. Junge, weisse Südafrikaner sollten im Land bleiben und ihren Beitrag im Vielvölkerstaat leisten. «Wenn ich könnte, würde ich sie sogar an Bäume fesseln», erklärte Ramaphosa zu allgemeinem Gelächter.

An Zeichen mangelt es nicht. Die bringen Südafrika auf seinem Pfad der Entwicklung aber nicht voran, solange Ramaphosa sich nicht vom korrupten Teil der ANC-Elite lossagt. Die stehe für das alte Südafrika und verhindere Fortschritt, meinen Politologen. Der renommierte Menschenrechtsanwalt Barney Pityana warnt: «Südafrika hat seinen moralischen Kompass verloren. Greifen wir jetzt nicht zu drastischen Mitteln, wird unsere Zukunft übel.»