Bad Zurzach
Zechpreller vor Gericht: Erst das «Sonntagsfleisch», dann das Serviceportemonnaie zum Dessert

Zwölf Verurteilungen innert 14 Jahren – im Flecken hatte der 34-Jährige in zwei Restaurants die Zeche geprellt. Nun stand er vor dem Bezirksgericht Zurzach.

Rosmarie Mehlin
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Das "Quellen Höfli": Hier liess es sich der Zechpreller gutgehen.

Das "Quellen Höfli": Hier liess es sich der Zechpreller gutgehen.

HO/Thermalquellen Resort Bad Zurzach

Zwei Polizeibeamte führten den schlanken Mann – nennen wir ihn Armando – in Jeans, grauem Sweatpulli, kurzes Haar, Bärtchen in Hand- und Fussfesseln in den Gerichtssaal. Erst als Präsident Cyrill Kramer versichert hatte, die Verantwortung zu übernehmen, wurde Armando von den Fesseln befreit. Für die Vorsichtsmassnahme gab es einen Grund: Als der Mann in der JVA Waldshut bereits über längere Zeit eine Strafe abgesessen hatte, war ihm die Hafterleichterung zugestanden worden, die Umgebung zu fegen. Umgehend hatte Armando den Besen in eine Ecke gestellt und Fersengeld gegeben. Wenige Tage später hatte er erneut delinquiert und war prompt wieder dingfest gemacht worden.

«In den letzten 14 Jahren wurden Sie 12 Mal verurteilt, davon je zweimal zu 14 Monaten und zu zwei Jahren», hielt Richter Kramer fest. «Betteln und zum Sozialamt gehen sind eben nicht mein Ding», konterte der heute 34-Jährige. In der jüngsten Anklageschrift sind – begangen zwischen 28. April und 1. Mai dieses Jahres – unter anderem der Diebstahl einer Baumnussrohwurst, einer Flasche Vivi Cola, eines Fruchtsafts und eines Brownies aus einem Selbstbedienungsladen in Berg am Irchel aufgeführt. Ferner der Diebstahl eines Rennrads zum Gebrauch in derselben Ortschaft sowie eines Mountainbikes in Kleinandelfingen. In Flaach hatte Armando einen Pw behändigt und war, trotz fehlendem Führerausweis, damit zu diversen Tatorten gefahren. So auch nach Ebnat-Kappel, wo er aus einem Einfamilienhaus – während die Besitzerin im ersten Stock schlief – mitlaufen liess, was ihm in die Quere kam: von zwei antiken Revolvern über ID, Swisspass, Kreditkarten, einen Reka-Check, diverse Medikamente, Kleidungsstücke und Armbanduhren. Gesamtwert der Beute: 1988.30 Franken.

Zum «Dessert» ein Portemonnaie

Die ersten Missetaten dieser Serie indes hatte Armando im April/Mai letzten Jahres in Bad Zurzach begangen, weshalb er sich vor dem hiesigen Bezirksgericht verantworten musste. Am 25. April 2017 hatte er in der Pizzeria Arlecchino zwei Menus, Mineralwasser, 4 Dezi Rotwein und einen Grappa konsumiert. Die Rechnung über 79 Franken liess er links liegen. Am 20. Mai hatte er im «Quellen Höfli» nach einem Aperol und einem Tomatensaft einen Teller «Sonntagsfleisch», zwei Einerli Roten, einen Whisky, einen Espresso und einen Cognac auftischen lassen, ohne sich ums Bezahlen der fälligen 84.80 Franken auch nur einen Deut zu scheren. Vielmehr liess er, sozusagen zum Dessert, auch noch ein Serviceportemonnaie mit 1800 Franken Inhalt mitlaufen.

Jene kurze Zeit vorübergehender Freiheit hatte Armando offensichtlich zusammen mit seiner Freundin genossen, hat diese ihm doch rund neun Monate später, nämlich im Januar dieses Jahres, einen zweiten Sohn geschenkt. Sein Erstgeborener ist inzwischen 4,5-jährig; die Freundin hat von zwei anderen Männern drei weitere Kinder. Armando sitzt seit einem halben Jahr im vorzeitigen Vollzug in der JVA Lenzburg. Er arbeitet in der Buchbinderei, «was mir, als gelerntem Gärtner, nicht sehr liegt.» Er hat im Knast ein paar Kumpels, mit denen er sein Hobby – Videospiele – betreibt. Die Freundin hat ihn in Lenzburg noch nie besucht.

Es droht die Verwahrung

Zwar, so Präsident Kramer, sei er nicht gewalttätig aber ein notorischer Serientäter. Auf die Frage des Richters, was er gegen das ständige Delinquieren zu tun gedenke, meinte Armando «ich weiss nicht, go schaffe. Unterstützung wäre gut.» Ob ihm schon jemand gesagt habe, dass er eines Tages nicht mehr aus dem Gefängnis herauskomme, wenn er so weitermache wie bisher? «Ja, aber ich bin noch belehrbar. Das weiss ich.»

Dass eine unbedingte Freiheitsstrafe zwingend ist, war klar. Der Ankläger forderte eine solche von 2,5 Jahren, der Verteidiger eine solche von 20 Monaten. Er beantragte in wenigen Nebenpunkten Freisprüche, denen das Gericht stattgab. 2,25 Jahre, so das Verdikt. «Das sind drei Monate mehr als bei der letzten Verurteilung. Wer weiss, ob es die letzte Strafe ist? Das Gericht hat nicht unbedingt ein gutes Gefühl», hielt Kramer fest. Es bestehe immerhin ein Funken Hoffnung, dass Armando als nunmehr zweifacher Vater vielleicht doch noch zwischen Mir und Dir zu unterscheiden lerne.