Koblenz
Widerstand gegen zweite Grenzbrücke: «Löst Problem nicht, sondern verschärft es»

Ein zusätzlicher Grenzübergang über den Rhein soll die Verkehrsituation entschärfen. In der Zurzibieter Gemeinde sieht man das anders und spart nicht mit Kritik an die deutsche Seite.

Daniel Weissenbrunner
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Ein gewohntes Bild am Grenzübergang Koblenz. Ob eine zweite Brücke die Situation entschärft, darüber gehen die Ansichten auseinander.

Ein gewohntes Bild am Grenzübergang Koblenz. Ob eine zweite Brücke die Situation entschärft, darüber gehen die Ansichten auseinander.

Michael Hunziker

Gegen 15'000 Fahrzeuge passieren täglich den Grenzübergang zwischen Koblenz und Waldshut. Auf beiden Seiten ist der Unmut über die Belastung inzwischen so gross, dass rasche Lösungen gefordert werden. Im Zentrum der Pläne steht ein neuer Übergang, die sowohl auf Schweizer wie auf deutscher Seite nun vorangetrieben werden sollen. Mit dem Ziel, eine Entspannung der Verkehrssituation herbeizuführen. Zu stehen kommen soll die Verbindung flussaufwärts der alten Rheinbrücke, die aus dem Jahr 1932 stammt.

Das Verkehrsdepartement des Kantons Aargau hatte das Projekt vor zwei Jahren unter dem Namen «Koblenz-Ost» in den kantonalen Richtplan aufgenommen. Eine neue Brücke könnte gemäss den Verantwortlichen des Kantons 2040 in Betrieb genommen werden.

Beim Gewerbepark Hochrhein soll die neue Rheinbrücke entstehen. Die Fotomontage zeigt den ungefähren Standort.

Beim Gewerbepark Hochrhein soll die neue Rheinbrücke entstehen. Die Fotomontage zeigt den ungefähren Standort.

ZVG/Stadtwerke Waldshut

Deutschland der Profiteur

Auf grosse Zustimmung stösst die Variante auf deutscher Seite. Hier erhofft man sich eine drastische Entschärfung der Lastwagenflut beim Zollhof, die Rückstaus bis nach Tiengen verursachen. Etwas anders präsentiert sich die Gemütslage in Koblenz: In der Zurzibieter Gemeinde nimmt man die neuesten Entwicklungen mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. «Eine zusätzliche Einfallsachse allein löst das Problem nicht», sagt Ammann Andreas Wanzenried (parteilos).

Die Umsetzung des Projekts käme in erster Linie der deutschen Seite mit dem Schwerverkehr zugute, nicht aber den Koblenzern. Wanzenried befürchtet, dass eine zweite Brücke eine Verlagerung des Verkehrsstroms zur Folge hätte und das Problem nicht löse, sondern verschärfe. Der Ammann spricht die zunehmend untragbaren Zustände in den Stosszeiten und an Samstagen in seiner Gemeinde an. Solange der Abfluss von Fahrzeugen aus dem Ort nicht geklärt sei, werde die Lebensqualität weiter abnehmen und Koblenz damit zu den Verlierern gehören. Wanzenried fordert daher, dass die Verteilung des Grenzverkehrs in einer Gesamtbetrachtung der bestehenden Verkehrsströme beurteilt werde.

Wanzenried hält auch mit Kritik gegenüber der deutschen Interessenvertreter nicht zurück: «Der LKW-Verkehr auf deutscher Seite wird in Zukunft neben der A98 sicherlich auch durch die Entwicklung der Maut beeinflusst.» Deutschland sei ebenfalls in der Pflicht, sich über solche verkehrslenkenden Einflüsse Gedanken zu machen, bevor man sich über ein Bauwerk Gedanken mache, welches als alleinige Massnahme kaum zu einer vernünftigen Lösung führen könne.

Der Gemeindeammann verlangt, dass sich die nationale Politik dem Thema annehmen soll. «Wir diskutieren hier nicht über ein regionales Thema.» Durch Sparmassnahmen, die zu Schliessungen von Grenzübergängen führten, betreibe der Zoll konkret Verkehrspolitik und habe damit die Situation in den letzten Jahren verschärft. Der Übergang Koblenz ist inzwischen der am viertstärksten befahrene Grenzübergang der Schweiz, im Unterschied zu anderen Knotenpunkten aber einer ohne Autobahnanschluss.

OASE mit einfliessen

Auf Verständnis stossen die Sorgen die Koblenzer beim Wirtschaftsforum Zurzibiet. Die Dachorganisation, die sich für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen der Region einsetzt, macht sich seit längerem für eine nachhaltige Lösung am Grenzübergang stark. «Eine zweite Brücke wird die Situation zwar entschärfen, aber die Anliegen der Koblenzer müssen berücksichtigt werden», sagt Präsident Markus Birchmeier.

Eine wichtige Voraussetzung sei die baldige Verbesserung der Erreichbarkeit durch den motorisierten Individualverkehr und den öffentlichen Verkehr. «Die langen Anfahrtswege zum schweizerischen Autobahnnetz und die täglichen Staus am Zollübergang belasten das Gebiet massiv», so Birchmeier. Repräsentative Umfragen bei der lokalen Wirtschaft und der Bevölkerung hätten gezeigt, dass betreffend der Verbesserung der Situation am Grenzübergang grosser Handlungsbedarf besteht.

Birchmeier hofft, dass die unbefriedigende Situation in Koblenz auch in die Pläne der Ostaargauer Strassenentwicklung (OASE) einfliessen werden. Und zwar möglichst bald damit die Verkehrssituation mit der positiven Entwicklung der Region mithalten kann.