«Rose»
Kauft Baldingen seine letzte Dorfbeiz für 300'000 Franken?

Die Wirtin der «Rose» denkt so langsam ans Aufhören. Nun befindet die Einwohnergemeinde von Baldingen über den Kauf – und damit über den langfristigen Erhalt der Dorfbeiz.

Rosmarie Mehlin
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Die «Rose» in Baldingen.
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Ende Oktober 68 berichtete der «Blick» innert weniger Tage zweimal über den Skandal, den die «Rose»-Serviertochter mit ihrem Mini-Rock ausgelöst hatte: «Weniger Bein oder die Beiz wird geschlossen» so der Titel des ersten Artikels. «Beiz dank dem Mini-Streit bumsvoll!» lockte der Folgeartikel.
Rose Baldingen

Die «Rose» in Baldingen.

Beat Kirchhofer

«Mein Vater ging Jahr für Jahr jeden Sonntagnachmittag, punkt 14 Uhr, in die Rose zum Jassen und kam erst zum Abendbrot wieder heim», erinnert sich der bald 90-jährige alt Ständerat Julius Binder. In dessen Heimatort Baldingen ist die «Rose» seit über 130 Jahren eine Institution: 1883 war ihr das Patent als «Pintwirtschaft», 1895 die Genehmigung für den Betrieb einer Speisewirtschaft erteilt worden.

1968 hatte das Ehepaar Brusa die «Rose» übernommen und – schwupp – schon erlangte die Baldinger Beiz nationale Berühmtheit: Ende Oktober 68 berichtete der «Blick» innert weniger Tage zweimal über den Skandal, den die «Rose»-Serviertochter mit ihrem Mini-Rock ausgelöst hatte: «Weniger Bein oder die Beiz wird geschlossen» so der Titel des ersten Artikels. «Beiz dank dem Mini-Streit bumsvoll!» lockte der Folgeartikel.

Herzstück des Dorfes

Seit dem Tod ihres Mannes Ende der Achtzigerjahre führt Martha Brusa die «Rose» alleine. Auch wenn die Wirtschaft unter der Woche erst ab 14 Uhr geöffnet ist und sie immer wieder mal wegen Ferien oder Krankheit ganz geschlossen bleibt, so ist die «Rose» – nebst der Kirche – doch das Herzstück des 275-Seelen-Dorfes geblieben. Ein Dorflädeli gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr und vor ein paar Jahren wurde auch die Schule nach Rekingen ausgelagert.

Die wunderschöne Sankt Agatha aber – von Stararchitekt Karl Moser erbaut und 1898 eingeweiht – bleibt Gott sei Dank sakrosankt im Dorf. Das soll auch für die schräg gegenüber vom Gotteshaus gelegene «Rose» gelten. An der Einwohnergemeindeversammlung von 28. November wird der Gemeinderat deshalb beantragen, es sei «für den Kauf des Restaurants Rose ein Kredit von 320 000 Franken zu genehmigen».

Ein Schnäppchen

«Der Erhalt der ‹Rose› ist im Dorf seit Jahren ein Thema und seit unserer jüngsten Klausur ist es eines der Legislatur-Ziele des Gemeinderates», so Gemeindeammann Thomas Knecht. Vor zwei Monaten war das Thema aktuell geworden, als Martha Brusa verlauten liess, sie wolle «irgendwann dann schon aufhören».

Zwar wird das nicht heute und morgen sein, aber die Behörden wurden umgehend bei der Wirtin und Liegenschaftsbesitzerin vorstellig. «Martha Brusa versicherte uns, dass sie froh wäre, wenn die ‹Rose› in die richtigen Hände kommen würde, und machte uns den Vorschlag, die Liegenschaft der Gemeinde für 300 000 Franken zu überlassen. Bei einem Steuerwert von nahezu 600 000 Franken ist das ein echtes Schnäppchen», sinniert Knecht.

Kitt für die Bevölkerung

In zwei Wochen nun wird die Baldinger Bevölkerung also entscheiden, ob sie das weltliche Herzstück ihres Dorfes langfristig erhalten haben will. Ist der Kredit genehmigt, wird eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die konkrete Möglichkeiten für die weitere Nutzung der Liegenschaft ausarbeitet. «Eine Option wären Wohnungen - allenfalls für Senioren - im Obergeschoss. Die Mieteinnahmen könnten den Beizenbetrieb quersubventionieren. Uns ist bewusst, dass Kosten von abermals rund 300 000 Franken für Aus- und Umbau anfallen werden. Wir wollen aber keinesfalls, dass ein künftiger Wirt mit einem gewaltigen Pachtzins belastet würde.»

Das Motiv des Gemeinderates für den Kreditantrag und vordringlich besonders auch für den Ortsbürger Knecht ist, dass die Liegenschaft nicht in fremde Hände kommt. «Die Gemeinde soll bestimmen können, wie es weiter geht.» Als Betreiberin der Wirtschaft schwebt dem Gemeindeammann persönlich eine Genossenschaft vor. «Damit wäre das Projekt breit abgestützt. Eine Dorfbeiz ist Kitt für die Bevölkerung und in einer so kleinen Gemeinde wie Baldingen ist ein Zusammengehörigkeits-Gefühl doch besonders wichtig.»