Bezirksgericht Bad Zurzach
Happige Busse: Mann bedroht und beleidigt Gemeindeschreiber – das kommt ihn teuer zu stehen

Ein 64-Jähriger musste sich wegen verbalen Entgleisungen verantworten. Seine Begründung, bei Google recherchiert zu haben, verfing vor dem Einzelrichter in Zurzach nicht.

Rosmarie Mehlin
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Mit seiner Begründung blitzte der Angeklagte vor dem Bezirksgericht Bad Zurzach ab. Symbolbild.

Mit seiner Begründung blitzte der Angeklagte vor dem Bezirksgericht Bad Zurzach ab. Symbolbild.

zVg

Kurt* trägt leuchtend blaue Jogging-Schuhe und schwarze Jeans. Über seinem Bauch spannt sich ein schwarzes T-Shirt mit wildem Aufdruck, auf dessen Vor- und Rückseite in rosa Leuchtbuchstaben «you are dead» zu lesen ist. Ein Schelm ist, wer sich Böses dabei denkt, sass der 64-Jährige doch immerhin wegen Drohung und Beschimpfung vor Gericht.

Kurt hatte den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. Er hatte sich über die Bedeutung von «Arschloch» «Gurgel» und «pitch» schlau gemacht und dann gegen den Strafbefehl Einsprache erhoben. Beim Grundsatz «in dubio pro reo» allerdings scheiterte seine Recherche.

Als Zeugin schilderte Karin*, Leiterin einer Verwaltung im Zurzibiet, was ihr an einem Samstagmorgen Ende Februar letzten Jahres am Arbeitsplatz widerfahren war: Kurt habe sich bei ihr enerviert über ein neues System der Abfallentsorgung in seiner Gemeinde beschwert.

Im Verlaufe der Diskussion habe er geäussert, dass er dem Gemeindeschreiber Paul, sollte er diesen treffen, an die Gurgel gehen würde. Überdies habe Kurt Paul als «Arschloch» tituliert. Nachdem Karin dies am Montag ihrem Vorgesetzen berichtet hatte, erstattete dieser Strafanzeige gegen Kurt.

Bei Google «genauestens» recherchiert

Enerviert zeigte sich Kurt auch vor Einzelrichter Cyrill Kramer: Er habe bei der Kapo in Baden unzählige Fragen beantworten müssen. «Der Polizist war einfach das Letzte. Der hat mich wie einen Schwerverbrecher, einen Mörder befragt.» Dabei hätten die da nicht einmal einen Wasserspender. Auf die Frage des Richters, ob er damals in der Gemeindekanzlei gesagt habe, dass Paul ein «Arschloch» sei, konterte Kurt lapidar: «‹Arschloch›, das sagt doch und hat schliesslich jeder Mensch. Laut Google ist ‹Arschloch› überhaupt ein Kartenspiel.» Und wie er das mit dem «an die Gurgel gehen» gemeint habe?

«Gurgel ist eine brasilianische Automarke!» Ob er brasilianisch spreche? «Nein, ich hab’s von Google.»

Es tue leid, aber im Vernehmungsprotokoll sei übrigens das Wort «bitch» (englisch für Miststück, Anm. der Red.), das er zu Karin gesagt habe, falsch geschrieben. «Ich habe ‹pitch› mit P gesagt und das heisst auf Deutsch ‹Tonhöhe›. Ich habe es recherchiert.» Wodeliwo? Bei Google!

Urteil entnervt zur Kenntnis genommen

Auf die abschliessende Frage von Richter Kramer nach dem Antrag von Kurt, hatte dieser eine klare Antwort parat: Da ausser ihm und Karin niemand im Gemeindebüro zugegen gewesen sei, stehe Aussage gegen Aussage im Raum und damit «urbi pro reo ein Freipruch.»

Urbi, korrigierte der Richter, komme vom Papst, «in dubio pro reo» sei korrekt. Für einmal hatte Kurt offensichtlich schlecht recherchiert, respektive Google aussen vor belassen. «Ich bin halt nicht so gut in Fremdsprachen», räumte der gelernte Zimmermann ein, der heute als Logistiker monatlich 4700 Franken netto verdient.

Cyrill Kramer erhob den Strafbefehl bezüglich Schuldspruch und Strafmass zum Urteil: 4200 Franken Geldstrafe bedingt auf zwei Jahre plus 800 Franken Busse, die Kurt ebenso bezahlen muss, wie Gebühr und Verfahrenskosten von insgesamt 2300 Franken.
Kurt reagierte, wie zu erwarten war, entnervt «Klar, Beamte schützen Beamte – Säuhäfeli, Säudeckeli!» Er akzeptiere das nicht. Er müsse, so der Richter, sich aber bewusst sein, auch Oberrichter und Bundesrichter seien Beamte.

(* alle Namen geändert)