Bad Zurzach
Nach Kündigungswelle der nächste Knall: Tagesstrukturen standen kurz vor dem Konkurs – Vereinspräsidentin per sofort zurückgetreten

Den Bad Zurzacher Tagesstrukturen drohte das Aus: Der Verein Cheschtenebaum verzeichnet Defizite im sechsstelligen Bereich. Nun hat eine von der Gemeinde eingesetzte Taskforce übernommen und verschiedene Massnahmen eingeleitet.

Stefanie Garcia Lainez
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Im Bad Zurzacher Generationenhaus ist auch die Kita der Tagesstrukturen Cheschtenebaum untergebracht.

Im Bad Zurzacher Generationenhaus ist auch die Kita der Tagesstrukturen Cheschtenebaum untergebracht.

Severin Bigler

Nach der Kündigungswelle im Sommer 2020 haben die Tagesstrukturen Cheschtenebaum in Bad Zurzach mit der nächsten Krise zu kämpfen: Der Verein stand Anfang Jahr kurz vor der Pleite. Die Rechnung 2020 schloss mit roten Zahlen im sechsstelligen Bereich ab, das Budget 2021 rechnet ebenfalls mit einem Verlust im gleichen Rahmen.

«Der Vorstand bat deshalb den Gemeinderat, die Führung zu übernehmen – ansonsten hätte der Konkurs gedroht», sagte Walter Neff, Vorstandsmitglied und Kassier, an einer Pressekonferenz. Eine vom Gemeinderat eingesetzte Taskforce hat nun mehrere Massnahmen eingeleitet, um Kita, Schülerhort und Schülerclub zu retten.

Peter Lude, Vizeammann und Vorstandsmitglied des Vereins Tagesstrukturen Cheschtenebaum.

Peter Lude, Vizeammann und Vorstandsmitglied des Vereins Tagesstrukturen Cheschtenebaum.

Severin Bigler

Ein Blick zurück: Nach dem Umzug der Kita ins Generationenhaus im Herbst 2019 setzte der Vereinsvorstand, dem unter anderem auch Vizeammann Peter Lude angehört, neu eine Betriebsleitung ein. Die Tagesstrukturen sollten wachsen und professionalisiert werden. Im Sommer kam es zu einer Kündigungswelle: Neun von damals 18 Mitarbeiterinnen verliessen innert weniger Monate die Tagesstrukturen. Grund für die Abgänge seien nebst strukturellen Veränderungen auch zwischenmenschliche Probleme gewesen, so die Befürchtung einiger Eltern.

Finanzielle Unterstützung: Je nach Höhe hat das Volk das letzte Wort

Im November wurde die Vereinspräsidentin bei den Vorstandswahlen an der Mitgliederversammlung für ihre Unterstützung der Betriebsleiterin abgestraft, schliesslich aber in einem zweiten Anlauf doch wiedergewählt. Diesen Donnerstag informierte der Vorstand nun die Eltern über die finanzielle Schieflage und die sofortigen Rücktritte der Präsidentin Annett Winkler und ihrer Stellvertreterin Nicole Knecht. Franziska Marques hat die Vereinsführung übernommen.

Um die Tagesstrukturen aufrechtzuerhalten, greift die Gemeinde dem Verein nun finanziell unter die Arme. Je nach Höhe dieser Unterstützung liegt die Kompetenz dazu beim Gemeinderat oder muss die Gemeindeversammlung darüber befinden. Zudem setzte der Gemeinderat eine Taskforce unter der Leitung von Peter Lude ein. Dieser gehören auch Ammann Bernhard Scheuber, Vorstandsmitglied Walter Neff, Betriebsleiterin Miriam Kessler, Gemeindeschreiber Daniel Baumgartner und Sergio Tassinari als externe Fachperson an.

Die Taskforce erhielt den Auftrag, die Organisationsstruktur und die finanzielle Situation umfassend zu analysieren, wirkungsvolle Massnahmen auszuarbeiten, um den Betrieb zu sichern, mögliche Trägerschaftsformen für die künftige Sicherstellung des Betriebs zu prüfen und den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Verschiedene Faktoren führten zum Minus in der Kasse

Die Taskforce kam zum Schluss, dass mehrere Gründe zum massiven Loch in der Kasse führten. Und dies trotz Umsatzplus von 15 Prozent 2019 und einem vielversprechenden Start im vergangenen Jahr. Peter Lude sagte an der Pressekonferenz:

«Wir waren auf Kurs. Doch der Knick ab dem 31. Juli war heftig.»

So seien mit der Einsetzung einer Betriebsleitung und der Doppelbesetzungen aufgrund der Kündigungen im Herbst die Ausgaben gestiegen. Gleichzeitig sank die Auslastung massiv, in der Kita beispielsweise um 20 Prozent.

Dies vor allem wegen Corona: Wegen der Homeoffice-Pflicht und der finanziellen Unsicherheit im Zusammenhang mit der Pandemie sei es zu Austritten oder Reduktionen der Betreuungstage gekommen, so Lude. Vereinzelt hätten auch Eltern ihre Kinder wegen der Vorkommnisse des vergangenen Jahres aus der Kita genommen. Hinzu komme, dass die Tarife vergleichsweise zu günstig seien und der aktuelle Personalbestand zu hohe Kosten verursache.

Das immer grösser werdende Loch in der Kasse wurde aber übersehen. Der Vorstand, so Kassier Walter Neff, habe nach dem schwierigen Jahr 2020 in erster Linie versucht, wieder Ruhe in den Betrieb zu bringen. «Dies ist uns zwar gelungen», dabei sei aber das höher ausfallende Defizit 2020 und das nicht erwartete Minus im «hohen sechsstelligen Bereich» übersehen worden. Er gab unumwunden zu:

«Der Vorstand hat hier einen Fehler gemacht.»

Dass die Betriebsleitung und der Vorstand die prekäre finanzielle Lage übersehen hätten, ist für einige Eltern schwer nachvollziehbar. Auch sehen sie die Kündigungswelle und das fehlende Vertrauen in die Leitung als Hauptgrund für die aktuelle Situation. Ihnen stösst sauer auf, dass nun eine Taskforce das Ruder übernommen hat.

Es gibt sogar Stimmen, die einen Konkurs vorgezogen hätten. «Die Arbeitsverträge und somit auch der Betrieb wären trotzdem weitergelaufen. Gleichzeitig wäre die sofortige Auflösung des Vereins und die Einführung einer neuen Organisationsform schnell möglich gewesen», heisst es.

Drei Kündigungen wurden ausgesprochen

Mit verschiedenen Massnahmen will die Taskforce die Tagesstrukturen wieder auf Kurs bringen. Drei Mitarbeiterinnen, teils noch in der Probezeit, wurde auf Ende Juni gekündigt, zwei weitere reduzieren ihr Pensum und eine Mitarbeiterin verlässt den Chestenebaum aus privaten Gründen. Auch wurde per 1. April für drei Monate Kurzarbeit angemeldet und die Tarife erhöht. So zahlen Eltern beispielsweise für einen Betreuungstag in der Kita neu 110 statt 105 Franken.

Des Weiteren beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit der Zukunft der Tagesstrukturen. Ein denkbares Szenario wäre eine professionelle Trägerschaft und die Änderung des Vereinszweckes, beispielsweise in eine Eltern- und Kinderlobby. An der nächsten Mitgliederversammlung im Mai will die Arbeitsgruppe die Eltern als Vereinsmitglieder über die Varianten informieren.

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