Die Erleichterung in der Branche schien gross. Als der Chemiekonzern Bayer Anfang Woche mitteilte, dass er die Schweizer Winzer für die vermutlich vom Pilzschutzmittel «Moon Privilege» verursachten Schäden entschädigen werde, jubelten die Verbände. Von einem «sehr guten Zeichen» sprach Willy Deladoëy, Interims-Präsident des Schweizer Weinbauernverbands. «Die Branche hat dies positiv aufgefasst», schrieb der Branchenverband Deutschschweizer Wein.

Nicht so recht in den Jubelkanon einstimmen mag man im Aargau. Andreas Meier ist einer von rund 900 Schweizer Weinbauunternehmern, die von den Schäden betroffen sind. Dem Weinbauingenieur gehört das Weingut zum Sternen in Würenlingen. Meier will sich nächste Woche mit seinem Anwalt zusammensetzen und über eine Klage gegen Bayer beraten. Seinen Schaden will Meier mit Blick auf ein anstehendes Verfahren noch nicht beziffern, er ist aber beträchtlich, wie Branchenkenner bestätigen. Schweizweit rechnet man mit Umsatzeinbussen von bis zu 80 Millionen Franken. Meier selbst geht gar von 100 bis 120 Millionen aus.

Mehrere Kritikpunkte

Meier ist nicht der Einzige, der gegenüber dem Angebot von Bayer skeptisch ist. «Der Branchenverband Aargauer Wein teilt die positive Meinung des Schweizer und Deutschschweizer Verbandes nicht», sagt Geschäftsführer Pascal Furer. Im Aargau hat man das Gefühl, Bayer schenkt nicht reinen Wein ein. Denn in einer Stellungnahme schreibt Bayer: «Als verantwortungsvolles Unternehmen möchte Bayer durch die freiwilligen Zahlungen die betroffenen Weinbauern unterstützen und ihnen damit einen Teil ihrer Ernteausfälle ersetzen.»

Alleine in diesem Satz macht Andreas Meier drei Punkte aus, die Anlass zu Kritik geben: «Wenn Bayer von einer ‹freiwilligen Zahlung› spricht, ist das kein Schuldeingeständnis. Auch ist bedauerlich, dass nur von ‹einem Teil des Ernteausfalls› gesprochen wird.» Und schliesslich stören sich Meier und der Branchenverband Aargauer Wein vor allem an der Tatsache, dass nur der Ernteausfall entschädigt werden soll und nicht die ganze Wertschöpfungskette, die auf den Reben basiert.

Pascal Furer vom Branchenverband Aargauer Wein hält fest: «Wir sind klar der Ansicht, dass zusätzlich zu den 100 Prozent des Ernteausfalles auch der entgangene Gewinn auf dem fehlenden Wein entschädigt werden muss. Auch für Marketinganstrengungen, Imageschaden und für die Umtriebe fordern wir Ersatz.» Sprich: Bayer muss für 100 Prozent des gesamten Schadens aufkommen, nicht nur für Teile des Ernteausfalls.

Bayer will den betroffenen Weinbauern voraussichtlich im 1. Quartal 2016 je nach Betroffenheit individuelle Angebote für eine freiwillige Zahlung unterbreiten. Im Fall einer juristischen Auseinandersetzung müsste gemäss Schweizer Recht jeder betroffene Winzer selber klagen. Andreas Meier geht davon aus, dass es zu Prozessen kommen wird.

Er hinterfragt aber auch die Rolle des Bundesamts für Landwirtschaft (BWL), das «Moon Privilege» zum Einsatz freigegeben hat, und stellt die Frage in den Raum: «Vielleicht wird auch der Bund angeklagt.» Jedenfalls hat dieser bereits reagiert. Das BWL suspendierte die Bewilligung für «Moon Privileg». Die Regeln für die Zulassung solcher Mittel sollen verschärft werden. «Das Zulassungsverfahren wird mindestens ein Jahr länger dauern, weil man auch Schäden untersuchen muss, die allenfalls erst im Folgejahr auftreten können», sagt Jürg Jordi vom BLW. Die derzeitigen Schäden sind auf die Anbau-Saison 2014 zurückzuführen.

In welche Richtung sich dieser Fall auch immer entwickelt, für Pascal Furer ist klar, dass selbst vom Branchenverband Aargauer Wein eine aussergerichtliche Einigung bevorzugt wird. Allerdings will man bei den Verhandlungen mit Bayer mit am Tisch sitzen, mitreden und -bestimmen dürfen.

Kein Alleingang

Auch für Winzer Meier ist klar: Eine Klage darf kein Alleingang werden, erst recht nicht gegen einen Riesen wie Bayer: «Die Weinbauern müssen sich untereinander absprechen. Die grösseren Betriebe sollen dann mit gutem Beispiel vorangehen.» Das Problem: Nicht alle Winzer sind von den Ausfällen im gleichen Mass betroffen. Einen gemeinsamen Nenner zu finden, dürfte schwierig werden. So haben Westschweizer Weinbauern in der Regel mehr Überstände und können damit ihre Ausfälle kompensieren. Was rät Pascal Furer den Aargauer Winzern? «Abwarten und Wein trinken», sagt er, «bis die Verbände mit Bayer hoffentlich eine gütliche Einigung finden.»