Tabakfabrikant

Heinrich Villiger: Der Stumpen ist ihm heute noch heilig

Der erfolgreiche Tabakfabrikant Heinrich Villiger ist im Wynental aufgewachsen. Dorthin kehrt er nur noch selten zurück. Heute lebt er im Zurzibiet. Am Samstag feiert er seinen 85. Geburtstag. Ans Aufhören denkt der Unternehmer noch lange nicht.

Heinrich Villiger knipst der dicken, handgerollten Brasilzigarre den Kopf ab. Drei Millimeter Tabak – nicht mehr und nicht weniger – fallen in den Aschenbecher. Der Tabakfabrikant betrachtet den Zigarrenschneider. «Wie eine Guillotine. Der Mechanismus ist der Gleiche», sagt er und zuckt mit keiner Wimper. Am Samstag feiert der Unternehmer seinen 85. Geburtstag. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Heinrich Villiger sitzt in seiner neuen Lounge im Fabrikgebäude in Tiengen (D) und pafft die erste Zigarre am Tag. Es riecht würzig, Qualm umgibt ihn. Das stört ihn nicht, das Gegenüber schon. «Es ist immer das Gleiche, die Zeitungen schicken die Nichtraucher zu mir. Die Weinhandlung besucht ja auch kein Abstinenzler.» In seinen klaren, hellblauen Augen blitzt der Schalk auf. Der Fabrikant ist liebenswürdig, zuvorkommend. Keine Spur von Überheblichkeit. Eine Mitarbeiterin, die im Betrieb mit flinken Fingern eine Zigarre nach der anderen in eine Holzbox reiht, sagt über ihren Patron: «Er ist sehr gutmütig und lässt uns in Ruhe arbeiten.»

Heinrich Villiger wurde als ältester Sohn der Tabakfabrikantenfamilie Villiger in Menziken geboren. Sein Schicksal war schon damals besiegelt: Er trat in die Stapfen seines Vaters Max. Kurz und bündig sagte dieser zu ihm: «So, jetzt kommst du in die Firma.»

Als junger Mann prüft Heinrich Villiger Tabakblätter in Kuba. Er führt die Villiger Söhne AG in dritter Generation. Der Hauptsitz der Tabakfabrik ist in Tiengen (D). In Pfeffikon befindet sich noch ein Betrieb für die Rohtabakaufbereitung.

Heinrich Villiger

Als junger Mann prüft Heinrich Villiger Tabakblätter in Kuba. Er führt die Villiger Söhne AG in dritter Generation. Der Hauptsitz der Tabakfabrik ist in Tiengen (D). In Pfeffikon befindet sich noch ein Betrieb für die Rohtabakaufbereitung.

Wollte der junge Mann dies überhaupt? «Ich war gut in Deutsch und hätte gerne Germanistik studiert.» Sein Klassenlehrer sagte stets zu ihm, es sei doch jammerschade, dass er in eine kleine Stumpenfabrik arbeiten gehe. Doch heute, 65 Jahre nach der Übernahme der Fabrik, meint er: «Tabak ist wie eine Krankheit, von der man infiziert ist und nicht wieder loskommt.» Er ist ein Büezer geblieben, der heute noch sechs Tage in der Woche arbeitet.

Erste Zigarette war schrecklich

Villiger geniesst seine Jugendjahre im Wynental. Lebhaft seien diese gewesen, erinnert er sich. Mit seinem Luftgewehr schiesst er Spatzen, macht im Kadettenchor mit, und als Bezschüler geht er zum Zigarettenautomaten in Reinach und lässt seine allererste Zigarette heraus. «Sie zu rauchen fand ich schrecklich. Aber alles, was verboten war, war gut.»

Bis sieben lebt Heinrich Villiger in Menziken, dann zügelt er mit seiner Familie nach Pfeffikon, «damals ein kleines Bauerndorf.» Der Knirps hilft den Bauern, und weil sein Vater ein Zigarrenfabrikant war, konnte sich die Familie Pferde leisten. Am Sonntag, punkt 7 Uhr, schwingen sich Vater und Sohn auf die Pferderücken. «Das war ein grosses Elend für mich, ich hätte so gerne mal ausgeschlafen», sagt Heinrich Villiger. In den Kriegsjahren war die Familie heilfroh um ihre Pferde: «Wir lieferten die Zigarren auf dem Pferdewagen aus, um Benzin zu sparen.»

Heinrich Villiger hat eine Schwester und einen prominenten Bruder: der ehemalige Bundesrat Kaspar Villiger. Mit diesem versteht sich der Tabakfabrikant zwar gut, aber das Heu haben die beiden nicht immer auf der gleichen Bühne. «Kaspar ist ausgleichend, ich rechthaberisch.» Mit Händen und Füssen wehrte sich Heinrich Villiger gegen den Bau des Kernkraftwerks Leibstadt. Und als sein Bruder Kaspar in den Bundesrat gewählt wurde, schrieb eine linke Wochenzeitung: «Der grüne Heinrich wäre uns lieber gewesen.»

Heinrich Villiger ist ein Geniesser. Einer, der gerne schnelle Autos fährt, auf die Jagd geht, ein Glas Wein trinkt. Brasilien und Kuba haben es ihm besonders angetan: Wo es den besten Tabak gibt, leben auch die hübschesten Frauen.»

Seiner Grossmutter Louise hat er viel zu verdanken: 1910 gründete sie die Zigarrenfabrik in Tiengen. «Ohne sie hätte ich kein solch reiches Leben gehabt.» Nun setzt er auf seine Enkeltochter Tilika Chamberlin, die den Betrieb vielleicht einmal weiterführt. Sie sagt über ihren Grossvater: «Sein Unternehmertum inspiriert mich. Er ist Vorbild für mich.»

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