Gastrosterben
Als der «Sternen» zur Asylunterkunft wurde, schrie Menziken auf - jetzt wird das ehemalige Restaurant verkauft

Der Kanton hat den Mietvertrag für das Asylzentrum nach fünf Jahren nicht verlängert, da die Zahl der Asylgesuche abgenommen hat.

Flurina Dünki
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Menziken, 19.5.2015 - Das Restaurant Sternen an der Hauptstrasse in Menziken AG schliesst seinen Betrieb Ende Mai. Bild: Mischa Christen

Menziken, 19.5.2015 - Das Restaurant Sternen an der Hauptstrasse in Menziken AG schliesst seinen Betrieb Ende Mai. Bild: Mischa Christen



Mischa Christen / AAR

Einst wurden hier grosse Hochzeiten gefeiert und die Wynentaler Tabakhändler kamen im Säli regelmässig zusammen. Als das Menziker Restaurant Hotel Sternen noch ein blühender Gasthof war, fand hier die Tabakbörse statt und der Buchungskalender des grossen Saals für 200 Personen war gut gefüllt.

Erstmals erwähnt wurde das Wirtshaus im Menziker Unterdorf anno 1581, damals noch ein Strohdachhaus. Essen und übernachten kann man im «Sternen» mit seinen 17 Hotelzimmern seit Mitte 2015 nicht mehr. Damals hatte Wirt und Eigentümer Hans Marti das Restaurant geschlossen, es blieb aber in seinem Besitz.

Verkaufspreis ist 2,9 Millionen Franken

Jetzt will er die Liegenschaft – das Haus stammt aus dem Jahr 1823 oder 1824 – mit 1864 Quadratmetern Grundstücksfläche verkaufen. Vor einer Woche war der Kaufpreis in der Immobilienannonce mit 2,7 Millionen Franken angegeben, inzwischen ist er auf 2,98 Millionen Franken gestiegen.

Hans Marti (68) ist Architekt und sass einst für die SVP im Gemeinderat. Von 1994 bis 2001 war er Gemeindeammann. Den «Sternen» kaufte er 2007, weil er verhindern wollte, dass er in ausländische Hände kommt, und wirtete dort mit Ehefrau Yvonne acht Jahre lang. Zum Restaurant gehörten auch ein Biergarten, der grosse «Sternen»-Saal sowie das «Sternen»- und das Hombergstübli.

Wirt Hans Marti kurz vor der Vermietung an den Kanton.

Wirt Hans Marti kurz vor der Vermietung an den Kanton.



Peter Weingartner 30.5.2015

Wegen Vermietung an Kanton aus SVP ausgetreten

In der Marti-Ära wurden im «Sternen» Oktoberfeste gefeiert, es gab Röstiplausch, Metzgete und Wildwochen, und die SVP-Ortspartei hielt im Säli ihre Versammlungen ab. Bis zu jener im Mai 2015, an der Hans Marti und sein Restaurant selbst auf der Traktandenliste standen. Denn der Wirt hatte, als die Gäste weniger wurden und die Personalsuche schwieriger, das Gebäude dem Kanton vermietet – aus dem Traditionsgasthof sollte ein kantonales Asylzentrum werden.

Der Aufschrei war gross innerhalb der SVP Menziken. Zu diesem Zeitpunkt lebten bereits 60 Asylbewerber im Dorf. Ein kantonales Zentrum bedeutete zusätzliche 60 bis 90 Personen. Man fürchte um das «Zusammenleben im Dorf», hiess es damals, wie im Archiv der AZ zu lesen ist. Hans Marti gab noch in derselben Versammlung seinen Rückzug aus der Partei bekannt.

Auch die Gemeinde war aufgebracht. Die damalige Frau Ammann Annette Heuberger (parteilos) war wütend, weil sie vor dem Vertragsabschluss nicht informiert und der Gemeinde kein Mitspracherecht erteilt worden war. In einer Medienmitteilung schrieb der Gemeinderat damals:

«Der Gemeinderat ist über die kantonale Vorgehensweise und die vorgesehene Zuweisung von weiteren Asylsuchenden empört.»

Es wurde versucht, die Unterkunft zu verhindern – jedoch ohne Erfolg. Die «Monis Bar» im Untergeschoss wurde weiterbetrieben und ist immer noch in Betrieb, momentan coronabedingt aber geschlossen.

Wohnen im Alter oder Heim für Menschen mit Behinderung

Marti hatte mit dem Kanton einen Mietvertrag über fünf Jahre mit der Option auf Verlängerung geschlossen. Der Kanton hat das Mietverhältnis aufgrund sinkender Asylzahlen nicht mehr verlängert, wie das Departement Gesundheit und Soziales auf Anfrage mitteilt.

Bereits 2015, bevor das Gebäude dem Kanton vermietet wurde, liess Marti die Verwendungsmöglichkeit «Wohnen im Alter» prüfen. Diese «Projektstudie für die Weiterführung des Restaurants bei gleichzeitiger Teilumnutzung des Hotelbetriebes als Alterswohnheim» wird in der Verkaufsannonce auch erwähnt. Dazu weitere Optionen, etwa begleitetes Wohnen für Senioren oder ein Heim für Personen mit Beeinträchtigungen. Hans Marti betreibt heute in Menziken die «Halle5737» für Hundetrainings.