Am Bezirksgericht in Kulm erschien er in Handschellen. Nein, Dennis (alle Namen geändert) ist kein Unschuldslamm. Davon zeugt sein Strafregisterauszug, der vor allem mit Strassenverkehrsdelikten prall gefüllt ist. Obwohl er eigentlich gar nicht Auto fahren darf, denn Dennis hatte nie einen Führerausweis. Wegen eines Selbstunfalls mit Fahrerflucht sitzt er zurzeit im Bezirksgefängnis Zofingen in Untersuchungshaft.

Doch dieser Prozess handelte nicht von Dennis’ Eskapaden hinter dem Steuer. Am 1. Dezember 2016 soll er, damals 27 Jahre alt, dem Rentner Erich die Faust ins Gesicht geschlagen haben. Der Betagte hatte einen Bluterguss unter dem Auge erlitten, Dennis wurde wegen einfacher Körperverletzung angeklagt. Ihm drohten 120 Tage Haft, unbedingt. Ja, es sei zu einer Auseinandersetzung gekommen, sagte der an Hals, Schultern und Armen reichlich tätowierte Dennis. «Wir haben uns angeschrien, das wars.» Zugeschlagen habe er nicht. Was hatte den Streit ausgelöst? Dennis erinnerte sich genau: «Meine Schwester Maria rief mich an dem Tag an, in Tränen aufgelöst. Sie fühlte sich von Erich bedroht.» Erich, so Dennis, sei ihm bekannt gewesen. Wiederholt habe er Maria aufgelauert, sei bei ihr auf der Arbeit aufgetaucht und habe sogar ihre private Post gestohlen. «Ich hatte genug und fuhr mit einem Freund zu Erich. Ich wollte ihn zur Rede stellen.» Welches Interesse der vermeintliche Stalker an der deutlich jüngeren Maria hatte, fragte ihn Gerichtspräsident Christian Märki. «Keine Ahnung, das müssen Sie ihn fragen», sagte Dennis und blickte zum Kläger. Doch Erich, weisse Haare und rote Mütze mit Schweizer Kreuz, verweigerte die Aussage. «Ich will nichts», sagte er nur. Er forderte nicht einmal eine Genugtuung.

Ein Schlag – oder gar zwei?

Wesentlich gesprächiger war Opfer Erich während der Einvernahmen vor dem Prozess gewesen. Dort hatte er Simon, den damaligen Freund Marias, ins Spiel gebracht. Dieser habe ihm am besagten Tag die Autoscheibe zerschlagen, Dennis ihm am Abend den Faustschlag verpasst. Später sprach er von zwei Schlägen. «Es händ mer beid eis butzt», zitierte Märki aus dem Protokoll. Beweise? Gab es wenige. Das Gericht besass ein Foto von Erichs lädiertem Gesicht, ein ärztliches Attest fehlte. Klarheit in die Geschichte brachte Erichs Bekannte, die nach dem Vorfall als Zeugin vorgeladen wurde. Sie habe am 1. Dezember 2016 einen jungen tätowierten Mann beobachtet, der Erich mit der Faust im Gesicht getroffen habe, gab sie zu Protokoll. Immer wieder sei der Name «Dennis» gefallen.

Märki wertete ihre Aussagen als glaubwürdig und urteilte: Dennis hatte zugeschlagen. Weil das Gericht das blaue Auge aber nicht eindeutig Dennis’ Faustschlag zuordnen konnte, liess es die Anklage wegen einfacher Körperverletzung nicht gelten. Es wertete den Vorfall als Tätlichkeit – und belegte Dennis mit 700 Franken Busse. Trotz Freispruch klickten am Schluss die Handschellen: Die mitgereisten Polizisten brachten Dennis zurück ins Gefängnis.