Menziken
Die Stiftung Lebenshilfe hat eine neue Fabrik

Neu arbeiten rund 40 Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung in den Räumen der ehemaligen Druckerei Baumann in Menziken. Zur Eröffnung kam auch Pascal Bruderer Wyss.

Rahel Plüss
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Eröffnung Lebenshilfe Menziken
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Klient Stephan Haller lässt sich mit Bruderer ablichten.
Bruderer engagiert sich national für die berufliche Integration von Menschen mit Handicap.
Martin Rüegg ist Mitglied im Klientenrat der Lebenshilfe.

Eröffnung Lebenshilfe Menziken

Rahel Plüss

In die ehemalige Menziker Druckerei Baumann ist neues Leben eingekehrt. Seit rund zehn Jahren stehen die Zeitungsdruckmaschinen still. Das «Wynentaler Blatt» wird auswärts gedruckt. Jetzt hat die Stiftung Lebenshilfe hier Quartier bezogen. Vier Werkstätten der Reinacher Institution für Menschen mit einer kognitiven (geistigen) Beeinträchtigung sind an die Gütschstrasse umgezogen. Die Standorte Aarauerstrasse und Alte Strasse wurden aufgehoben.

«Die räumlichen Voraussetzungen in einem Teil unserer geschützten Arbeitsplätze und den beruflichen Massnahmen haben nicht mehr unseren Anforderungen entsprochen», sagte Lebenshilfe-Geschäftsleiter Martin Spielmann anlässlich der Eröffnungsfeier.

Rund 40 Personen mit Unterstützungsbedarf arbeiten nun am neuen Ort, 30 weitere werden von hier aus im Bereich berufliche Integration gecoacht. Durch die Konzentrierung der Abteilungen hätten auch die Produktionsketten optimiert werden können, oder wie es Martin Rüegg, Mitglied des Klientenrats, in einer erfrischenden Ansprache später ausdrückte: «Es ist nicht mehr alles ‹Chruut und Rüebli› durcheinander.»

«Es braucht Leute, die machen»

Eine grosse Gästeschar war zur Eröffnung gekommen. Rund 120 Personen nahmen teil, darunter Politiker und viele Vertreter von Unternehmen aus der Region. Auch die Aargauer Ständerätin Pascale Bruderer Wyss (SP) war zu Gast. Sie hat seit ihrem ersten Kontakt als Jurymitglied des alljährlichen Frühlingskartenwettbewerbs nicht nur eine persönliche Beziehung zur «Lebenshilfe», wie Geschäftsleiter Spielmann aus dem Nähkästchen plauderte, sondern engagiert sich auch nationalpolitisch für die berufliche Integration von Menschen mit Handicap. Mit einem Postulat hat sie erreicht, dass der Bundesrat einen runden Tisch zur Eingliederung von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt ins Leben rief. «Es braucht politische Rahmenbedingungen», sagte Bruderer, «aber es braucht auch Leute, die machen.» Menschen, Institutionen, Firmen, die sich engagierten.

Stiftung Lebenshilfe betreut 230 Klienten

Insgesamt werden von der Stiftung Lebenshilfe in den Bereichen Arbeit und Bildung 230 Menschen mit Unterstützungsbedarf betreut, dies an den Standorten Reinach, Menziken und Aarau. In acht dezentralen Wohneinheiten in Menziken und Reinach werden 105 Wohnplätze angeboten. In der Begleitarbeit und den Diensten sind 245 Angestellte tätig (175 Vollzeitäquivalent). Davon sind 30 Lernende und Praktikanten. Der Betriebsaufwand liegt gemäss Geschäftsleiter Martin Spielmann im Jahr 2017 bei 19 Millionen Franken.

Als Vertreter eines Unternehmens, das Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung beschäftigt, war Thomas Widmer, Geschäftsleiter der Debrunner Acifer AG in Kölliken zu Gast. Das Logistikunternehmen hat 2014 den Sozialpreis der Aargauer Landeskirchen erhalten. «Das hat uns gefreut», so Widmer. «Unser Engagement hat aber nicht an erster Stelle einen sozialen Gedanken.» Vielmehr stehe unternehmerisches Denken im Vordergrund. «Wir machen das nicht aus Mitleid. Wir haben das knallhart durchgerechnet», sagte er. Debrunner Acifer ist börsenkotiert und macht schweizweit mehr als eine Milliarde Franken Umsatz. In Kölliken arbeiten 50 Personen, davon 10 Lernende. Jeweils 8 bis 15 Personen mit Beeinträchtigung werden beschäftigt. «Ein guter Entscheid», so Widmer, «Ich kann Unternehmen nur ermutigen.»

Nach einer Würdigung von Karin Bernath, Prorektorin der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich, kam Klient Martin Rüegg zu Wort. In heiterer Manier beschrieb er nicht nur den Riesenkrampf des Umzugs und die Vorteile des neuen Standorts anschaulich, er gab auch ein eindrückliches, persönliches Beispiel für die Bedeutung der beruflichen Integration: «Für mich ist ganz toll, dass ich jetzt einmal pro Woche, manchmal sogar mehr, in der Firma Wiedemann arbeiten kann», sagt er und fügt mit Nachdruck an: «Extern. Nicht für die Lebenshilfe. Das ist sehr schön.»