Reitnau
Das ganze Leben läuft über Beziehung

Arzt Ueli Schwarz schliesst Ende Juli seine Praxis. Ihn erwartet eine neue Herausforderung: Er hat in seinem Haus einen Raum für psychologische Beratungen eingerichtet. Dazu hat er sich in den letzten Jahren weitergebildet.

Barbara Vogt
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Ueli Schwarz (63) praktiziert in einer Blockwohnung am Reitnauer Mattenweg. Enger Gang, kleiner Empfang, etwas altmodischer Bodenbelag. Der Raum, in dem Schwarz tagaus, tagein Patienten empfängt, gibt den Blick auf Häuser, Kirchturm frei. «Ich habe einen einsamen Job», sagt er. «Meine Bezugspersonen sind die Patienten, daneben habe ich Schweigepflicht.»

Trotzdem: Seit 32 Jahren ist Ueli Schwarz Arzt. Etwas anderes in ihm zu sehen, ist unvorstellbar. Das findet auch Werner Steiner, alt Gemeindeammann aus Reitnau. Schwarz sei sein Hausarzt, kompetent und verständnisvoll «Ein Menschenfreund, der über Schwächen hinwegsehen kann.»

Als junger Mann kam Ueli Schwarz aus dem Kanton Zürich in die Suhrentaler Gemeinde, weil er auf dem Land sein wollte und hier einen Pfarrer als Freund hatte. Der Blick vom Pfarrhausgarten in die Weite habe ihm gefallen, erinnert er sich. Und als er durchs Dorf gefahren sei, habe er ein leeres Bauernhaus gesehen. «Wie im Märchen.» Das Haus hat er hübsch hergerichtet, heute lebt er mit seiner zweiten Frau darin.

Als junger Arzt spürt er im Dorf schnell Entgegenkommen. Über 50 Prozent der Bevölkerung aus Reitnau und den umliegenden Dörfern hätten in ihm eine Vertrauensperson gesehen. Das sagt Schwarz mit einem gewissen Ehrgefühl, obwohl er sonst wenig Aufhebens um seine Person macht und kritisch denkt. Nur als er sich scheiden liess, blieben einige Leute der Praxis fern. Auch mochte er sich nicht mit einem Kittel in den Stuhl setzen, «für meine Patienten wollte ich kein weisser Halbgott sein».

Dafür ist es ihm wichtig, mit den Menschen in Beziehung zu gehen. «Das ganze Leben läuft drüber», meint er. Heute noch macht Schwarz Hausbesuche, weil er da den Menschen ganzheitlich wahrnehme. Gegenüber alternativen Heilmethoden ist er offen: Alles ist brauchbar, wenn es nützt. Wie seine Patienten diese anwenden, überlässt er ihnen. Seine Haltung: «Was kann ich vermeiden, ohne dem Patienten zu schaden?»

Unkonventionell ist sein Wartezimmer: Statt Zeitschriften liegen Bücher über verschiedenste Themen auf, die die Patienten zum Lesen nach Hause nehmen können.

Ueli Schwarz engagierte sich auch in der Gemeinde: als Präsident der Finanzkommission, als Mitglied der Kulturkommission, in Energiefragen, in der Kirche. Eine Gratwanderung sei dies gewesen, denn viele der Leute, mit denen er zusammengearbeitet habe, seien zu ihm gekommen. «Dorfarzt zu sein, hat mit Macht zu tun. Dieser Bedeutsamkeit war ich mir bewusst.»

Rührende Szenen mit Patienten

Ende Juli geht Ueli Schwarz in Pension. Der Abschiedsprozess mit seinen Patienten hat bereits begonnen. «Es kam zu rührenden Szenen.» Viele Schicksale habe er erlebt, und viele Familien seien ihm nahegestanden. Doch sieht der Arzt im Abschied auch Neubeginn: «Es entsteht Raum, ich lasse mich auf etwas Neues ein.»

Das Neue hat bereits Konturen: Ueli Schwarz hat in seinem Haus seit langem einen Raum für psychologische Beratungen eingerichtet. Dazu hat er sich in den letzten Jahren weitergebildet. Und da hat er wieder die Möglichkeit, das Gute, die Kraft im Menschen zu fördern.