Rothrist

Vor 50 Jahren: Wie der Rivella-Gründer das Kultgetränk Passaia kreierte

Vor einem halben Jahrhundert kam «Passaia» auf dem Markt. Produziert wird der Passions-Fruchtsaft, der anfangs noch einen leicht anderen Namen trug, nach wie vor bei Rivella in Rothrist. Die Migros verkauft ihn mittlerweile exklusiv, .

Nicht immer ist es Rivella, das im modernen Produktionsbetrieb der Firma in Rothrist aus der Abfüllanlage kommt. Etwa alle zwei Wochen prägt diese spezifische gelbe Farbe das Bild auf den Förderbändern: Dann ist Passaia-Tag.

Zehntausend Kilometer entfernt, bei Quevedo in Ecuador, ernten Bauern jene Frucht, die dem Getränk seinen unvergleichlichen Geschmack gibt: Die Passionsfrucht (auch Maracujá genannt).

Von Donnerstag bis Montag werden Tonnen von Früchten zur Fabrik des Unternehmens Tropifrutas gefahren, wo sie unter anderem zu dem Fruchtsaft verarbeitet werden, der später tiefgefroren in Fässern bzw. in Gefriercontainern per Schiff und Lastwagen nach Rothrist gelangt.

Zwei Tage dauert es, bis der Saft so weit angetaut ist, dass er für die Passaia-Produktion verwendet werden kann.

Australienreise mit Folgen

Stammt der Passionsfruchtsaft heute auch aus Ecuador — der Anfang der Geschichte von Passaia führt auf einen anderen Kontinent: Nach Australien. «Meine Eltern sind oft und gern gereist», erzählt der Sohn des Rivella-Gründers Robert Barth und heutige Verwaltungsratspräsident der Rivella Gruppe, Alexander Barth.

In Zeiten der oft auch längeren Abwesenheit kümmerte sich der Onkel, Jean Barth, um die Kinder. Von ihren Reisen hätten die Eltern immer einiges mitgebracht, so Alexander Barth. Er erinnert sich noch gut daran, wie er als Kind die erste Passionsfrucht kostete: «Es war etwas völlig Fremdes, aber angenehm. Sauer und intensiv.»

1960 waren Barths nach Australien gereist, weil der Verkauf von Rivella in Down Under ein Thema war. Ein Dessert — es handelte sich um ein Stück Torte, die mit Passionsfrucht-Couli verfeinert war — hatte es Robert Barth ausserordentlich angetan.

In der Folge wollte er nicht nur mehr über die Pflanze erfahren, sondern vor allem ein neuartiges Erfrischungsgetränk mit Passionsfrucht in der Schweiz herstellen. In Rothrist wurde schon bald eine Rezeptur entwickelt.

Die Passionsfrucht, in der er Potenzial für den heimischen Markt erkannte, liess Robert Barth nun nach Papua-Neuguinea reisen. Dort war das australische Familienunternehmen Cottee, das den Verkauf von Rivella in Australien ins Auge gefasst hatte, im Hochland bereits in das Geschäft mit den Passionsfrüchten involviert.

1962 stieg auch Robert Barth ein. Erhalten ist ein Aufruf des Distriktsvorstehers von Dezember 1962 in Pidgin-Englisch, in dem die Männer aufgefordert werden, Früchte zu bringen — samt Angaben zu den Qualitätsanforderungen.

Zusätzlich kauften zwei Angestellte Früchte entlang der Strasse. «Sie kaufen nur erstklassige Früchte», heisst es dazu. Von der kleinen Produktionsanlage in Goroka, auf 1800 Metern, wurde der Saft mangels Verbindungsstrassen im Flugzeug zur nächsten Hafenstadt geflogen. und schon zu dieser Zeit für den Schiffstransport tiefgefroren.

Von «Passi» zu «Passaia»

1964 gelangte das in Rothrist kreierte exotische Getränk auf den Schweizer Markt — zunächst übrigens in braunen Rivella-Flaschen: Es hiess «Passi-Oona», wobei auf das «Oona» bald verzichtet wurde und es vorerst bei «Passi» blieb.

Eine damalige Rivella-Mitteilung weist darauf hin, dass es zwar durchaus um die Lancierung einer neuen Spezialität ging, dass man den Kauf der Früchte bzw. den geförderten Anbau und die Produktion von Saft aber auch als Entwicklungshilfe betrachtete: «Die australische Verwaltung des Uno-Protektoratsgebietes New Guinea […] bemüht sich seit 1945 mit viel Aufwand, die dort lebende, noch recht wilde, jedoch für Handwerk und Ackerbau begabte Papua-Bevölkerung, möglichst aus eigener Kraft einem verbesserten Lebensstandard zuzuführen. […] Die Rivella AG Rothrist möchte die Entwicklungshilfe der lokalen Behörden New Guineas unterstützen und hat es übernommen, die ‹Passionsfruit› als eine köstliche, wegen ihres Vitamin-Gehalts auch gesunde Neuheit zunächst in der Schweiz und hernach in ganz Europa einzuführen.»

In Papua-Neuguinea war Robert Barth nicht nur als Geschäftsmann unterwegs, sondern ebenso als interessierter Reisender: Seine Film- und Fotoaufnahmen zeugen vom Leben der Einheimischen auf der Insel im Pazifik und geben einen Eindruck von der Arbeit in der ersten Fabrik, die den Grundstoff für das Getränk in der Schweiz lieferte.

Die Kundinnen und Kunden fanden Gefallen am Produkt, das unter dem Motto «Südseesonne in Ihrem Glas» propagiert wurde. 500 000 Liter Passi wurden bis Ende Jahr verkauft. Bereits 1967 erhielt das Produkt seinen bis heute gültigen Namen Passaia. Dies unter Druck des US-Grosskonzerns Pepsico, der die Firma mit einer Klage einzudecken drohte: Der Name «Passi» könne zu Verwechslungen mit «Pepsi» führen. Rivella hatte kein Interesse an einem Streit mit dem starken Gegner.

Der fremdländische Charakter von Passaia wurde immer wieder mit entsprechenden und zunehmend bunten Werbekampagnen hervorgestrichen, sei es mit wilden Tieren als Botschafter oder mit exotischen Schönheiten und Themen. Die gelbe Farbe des Getränks wurde erst Mitte der 70er Jahre auch zum Werbeträger, als für Passaia neu transparente Flaschen gewählt wurden.

Nach wie vor sehr beliebt

Seit 2004 wird Passaia exklusiv von der Migros verkauft, die das Getränk allerdings schon ab 1976 als «Passinel» in ihren Regalen führte. «Für uns ist das eine gute Situation», sagt Alexander Barth und spricht von «schönen Wachstumsraten». Wie viel Passaia, das es mittlerweile auch als Light-Produkt gibt, pro Jahr bei Rivella produziert und von der Migros verkauft wird, dazu gibt es weder hier noch dort detaillierte Angaben. Der Absatz habe «gegenüber dem Stand von 2000 im hart umkämpften Erfrischungsgetränkemarkt um 13 Prozent zugelegt», heisst es bei Rivella.

Und bei Migros wird festgestellt, «dass Passaia nach wie vor äusserst beliebt ist, unter anderem dank seinem unverwechselbaren Geschmack», wie Monika Weibel, Mediensprecherin Migros-Genossenschafts-Bund Corporate Communications auf Anfrage mitteilt.

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