Lenzburg
Volkskrankheit Rückenschmerzen: Firmen investieren in gesunde Wirbel

Jeder Zweite hat Rückenschmerzen. Tendenz steigend. Vor allem Büroangestellte kennen dieses Problem. Dagegen kann man etwas tun. Zum Beispiel mit dem passenden Stuhl.

Stefanie Suter
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Rückenschmerzen ist eine Volkskrankheit: Vier von zehn Schweizern leiden an Rückenschmerzen. Dies zeigen Zahlen des Bundesamtes für Statistik.

Vor allem wer im Büro arbeitet, kennt dieses Problem: «Jeder dritte bis vierte Büroangestellte braucht in seiner Karriere eine medizinische Behandlung», sagt Hansjörg Leu von der Klinik Hirslanden. Er ist Facharzt für orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates sowie Spezialist für Wirbelsäulenchirurgie.

Und die Rückenleiden nehmen zu, sagt der Fachmann: «Die Entwicklung zu einer Dienstleistungsgesellschaft hat unsere Lebensgewohnheiten verändert.» Die Menschen würden den Rücken immer mehr belasten durch das ständige Sitzen. «Zudem werden die Ruhephasen immer kürzer. Das schadet auch dem Rücken.»

Leu rät deshalb: Sich so viel wie möglich bewegen, die Treppe dem Lift vorziehen und regelmässig aufstehen, wenn man den ganzen Tag am Tisch sitzt. «Dieser rhythmische Wechsel zwischen Be- und Entlastung ist das A und O», sagt Leu.

«Denn dies fördert den Nährstoffaustausch in den Bandscheiben.» Auch sollte man besser die Finger vom Glimmstängel lassen. «Rauchen schadet den Bandscheiben.»

Und wer viel sitzt, sollte unbedingt darauf achten, den Arbeitsplatz ergonomisch einzurichten (siehe Tipps unten). Mit den Möbeln, die heutzutage in den Büros stehen, kann man schon viel machen.

Oder man kauft sich speziell auf Ergonomie ausgerichtete Möbel. Wie jene der Familie Baumann, Besitzer des Möbelgeschäftes Kieser Wohnen in Lenzburg. Sie setzen vorwiegend auf ergonomische Stühle, Tische oder Betten für das Büro oder zu Hause, welche die richtige und gesundheitsschonende Haltung fördern.

Vier kleine Schritte zum ergonomischen Arbeitsplatz – Ergotherapeut Matthias Emmenegger erklärt in der Sendung «CheckUp» wie das geht.
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So sah die Geschäftskarte (Werbung) 1885 aus
So sah die Werbung 1989 aus: Links oben das Inserat von Kieser Wohnen, darunter die Konkurrenz, die für ein Imitat warb
Und so berichtete das Aargauer Tagblatt 1962 über 50 Jahre Kieser an der Bahnhofstrasse. Eine Geschäftskarte aus dem Jahr 1885 belegt noch eine frühere Entstehung des Geschäfts.
Der Verkaufsvertrag für die Liegenschaft an der Bahnhofstrasse 30: 5900 Franken zahlte Kieser damals für das Gebäude.
Hier an der Bahnhofstrasse blieb Kieser Wohnen, bis das Geschäft 2010 an die Augustin-Keller-Strasse umzog
So sieht das Geschäft an der Augustin-Keller-Strasse aus

Vier kleine Schritte zum ergonomischen Arbeitsplatz – Ergotherapeut Matthias Emmenegger erklärt in der Sendung «CheckUp» wie das geht.

Chris Iseli

Ergonomische Möbel waren für das 130-jährige Familienunternehmen die Rettung: Als René Baumann 1983 in die Firma eintrat, hätte das Möbelhaus beinahe seine Tore für immer schliessen müssen. «Wir hatten zu viel Personal und zu wenig Umsatz», erinnert er sich.

Also musste eine zündende Idee her. Und die kam in Form der «Sitzkniern» oder «Kniestühlen», wie die ergonomischen balans-Stühle aus Norwegen im Volksmund heissen.

Baumann präsentierte die neuartigen Sitzgelegenheiten zum ersten Mal 1984 – in einem Nebenraum der Lenzburger Gewerbeausstellung Lega. «Die Leute lachten sich krumm», sagt Baumann. «Sie zeigten auf die Möbel und sagten: ‹Sieh mal das verrückte Zeug an!›»

Lachnummer wurde zum Erfolg

Den Lachanfällen zum Trotz: Der aussergewöhnliche Stuhl mauserte sich zum Verkaufshit. Und bald schon kamen die ersten Billig-Kopien aus Fernost auf den Markt.

Dem Erfolg bei Kieser Wohnen tat dies aber keinen Abbruch und das Familienunternehmen setzte fortan voll auf das Nischenprodukt «ergonomische Möbel». Darunter auch der berühmte und ergonomische Kinderhochsitz Tripp Trapp.

Ein guter Entscheid, wie sich herausstellte: Die Verkaufszahlen der «Sitzkniern» in der Schweiz überflügelten sogar jene in Norwegen, wo der Sessel her kam. «Die Schweiz hatte damals eine Pionier-Rolle inne und war lange Zeit Marktführerin in Europa», sagt Baumann.

Heute hätten die skandinavischen Länder die Schweiz in Sachen Ergonomie aber ein- und teilweise überholt. Ein Beispiel: der Stehtisch. «In skandinavischen Büros gehören Stehtische zur Standardeinrichtung», sagt Baumann.

Anders in der Schweiz: «Die Leute kaufen sich bislang erst einen Stehtisch, wenn sie bereits Rückenprobleme plagen.» So kommt es, dass Kieser Wohnen den höhenverstellbaren Tisch schon seit über 30 Jahren im Sortiment hat, die Verkaufszahlen aber erst seit einiger Zeit nach und nach anziehen. «Langsam sehen aber auch die Schweizer Firmen ein, wie wichtig ergonomische Möbel sind», sagt Baumann.

Das bestätigt auch Facharzt Hansjörg Leu von der Klinik Hirslanden. «Vor allem bei den grossen Firmen hat ein Umdenken stattgefunden.» Viele Firmen hätten erkannt, dass ein motivierter Arbeitnehmer eine bessere Leistung zeige.

«Zum Teil haben die Unternehmen sogar spezielle Abteilungen für Ergonomie geschaffen.» Die Hemmschwelle, ergonomische Möbel anzuschaffen, sinke immer mehr. Aber: «Dass die Firmen ihre Büros präventiv beispielsweise mit Stehtischen ausrüsten – das ist Zukunftsmusik.»

So sitzen Sie richtig

1. Reflexionen und Blendungen vermeiden:

Das Licht auf den Bildschirm und den Tisch sollte von der Seite her einfallen.

2. So ist der Stuhl richtig eingestellt:

Der Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel beträgt 90 Grad oder etwas mehr. Die Oberschenkel liegen bis auf wenige Zentimeter auf der Sitzfläche auf. Die Füsse haben guten Bodenkontakt. Der Rücken berührt mit leichtem Druck die Rückenlehne.

3. Tischhöhe anpassen:

Stellen Sie die Höhe des Tisches so ein, dass Unterarm und Tastatur eine horizontale Linie bilden. Falls Sie Ihren Tisch nicht in der Höhe verstellen können: Stellen Sie den Stuhl so ein, dass diese «Ellbogenregel» erfüllt ist. Wenn die Füsse in der Luft baumeln, hilft ein kleiner Schemel.

4. Bildschirm einrichten:

Die Bildschirmoberkante sollte 10 Zentimeter oder eine Handfläche unter der Augenhöhe liegen. Die Sehdistanz sollte 70 bis 90 Zentimeter betragen.

5. In Bewegung bleiben:

Wechseln Sie oft Ihre Positionen und strecken und dehnen Sie sich zwischendurch. Stehen Sie regelmässig auf.