Thomas N. war sich das Lügen gewohnt. Er scheint sogar ein Meister darin gewesen zu sein. Nicht nur, weil er sich nach seiner Tat im Dezember 2015 monatelang nichts anmerken liess. Er hatte es auch zuvor schon geschafft, seine Mutter, mit der er zusammen wohnte und die seine wichtigste Bezugsperson war, jahrelang zu täuschen.

Ihr gegenüber spielte er den erfolgreichen Doktoranden vor. Mit einem Bachelor- und einem Masterabschluss in Geschichte. Die Wahrheit ist: Thomas N. hat kein einziges Studium erfolgreich beendet.

Das geht aus der Anklageschrift der Aargauer Staatsanwaltschaft hervor und wurde heute vor Gericht durch Gutachter Dr. Elmar Habermeyer ausgeführt.

Versagen nach der Schulzeit

Insgesamt fünf Studiengänge hat Thomas N. begonnen, nachdem er im Jahr 2002 die Matur abschloss. Aber keinen einzigen davon hat er beendet. «Mit Studienbeginn kam es zu Schwierigkeiten», so Habermeyer vor Gericht.

Es sei das erste grosse Versagen gewesen von Thomas N., er habe den Sprung vom Jugendlichen zum Erwachsenen nicht geschafft. Habermeyer sprach von einem «deutlichen Zurückbleiben hinter üblichen Entwicklungsschritten». 

Vor seinen Eltern konnte Thomas N. sein akademisches Versagen nicht zugeben. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2011 wurde die Beziehung zu seiner Mutter noch enger, Thomas N. war eine wichtige Stütze für sie.

Sie glaubte seine Geschichten vom Studium, unterstützte ihn mit Geld. Auch den Freunden im Fussballklub gaukelte er ein Studium vor.

"Keine Spur von Reue" - sagen Prozessbeobachter

"Keine Spur von Reue" – das sagen Prozessbeobachter

Der Angeklagte habe keine Reue gezeigt, keine emotionalen Regungen, nichts. Dies sagen Zuschauer in der Mittagspause des ersten Prozesstages der Verhandlung des Vierfach-Mordes von Rupperswil. 

Der Graben zwischen Realität und Legende wurde immer grösser und damit auch der Druck auf Thomas N. Trotzdem konnte er sich nicht überwinden, seiner Mutter die Lügengeschichten zu beichten.

Lieber wendete er all seine Kraft dafür auf, den Anschein des erfolgreichen Akademikers aufrecht zu erhalten. «Ich konnte nicht zurück», sagte Thomas N. gegenüber dem Gutachter Habermeyer.

Er fälschte Zeugnisse und Abschlussdiplome der Universität Luzern, um seine Mutter zu überzeugen. Im Winter 2013 fälschte er ein Dokument, datierend auf den 13.01.2013, mit welchem ihm der "Bachelor of Science ULU" verliehen wurde.

Im Sommer 2014 erstellte er ein Dokument, welches er mit "Master of Science ULU" betitelte. Dabei fälschte er das Logo der Universität Luzern. Mit den Dokumenten wollte er seine Mutter beruhigen und dazu bringen, weiterhin für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. 

Wie konnte so eine grosse Lebenslüge nicht auffliegen? Thomas N. sagte dazu laut Habermeyer: "Vielleicht wollten die Leute belogen werden. Die Leute beim Fussball hat es nie interessiert. Sie wollten einfach, dass es funktioniert."

Laut dem zweiten Gutachter Josef Sachs war es fatal, dass Thomas N. seine selber gesteckten Lebensziele nicht erreichen konnte. «Er stellte an sich derart hohe Ansprüche, dass er sie gar nicht einlösen konnte. Deshalb begann er gar nie, sie einzulösen und zog sich in eine Scheinwelt zurück.»

Lieber töten als beichten

Thomas N. wusste: Auf lange Sicht braucht er ein eigenes Einkommen, um nicht mehr von seiner Mutter abhängig zu sein. Statt sich einen Job zu suchen, kam ihm im Frühling 2015 die Idee, von anderen Personen Geld zu stehlen oder zu erpressen und sie anschliessend zu töten.

Habermeyer präzisierte am ersten Verhandlungstag, dass es Thomas N. nicht ums Geld gegangen sei. "So schräg sich das für uns anhört: Für ihn war die Angst, dass seine Mutter von seinem Versagen im Studium erfährt, die Kernmotivation." 

Thomas N. fasste den Plan, 30'000 Franken zu erbeuten. Damit hätte er genug Geld bis zum Sommer 2016 gehabt.

Er malte sich konkret aus, wie er dabei vorgehen könnte. Thomas N. soll laut Gutachter Habermeyer gesagt haben, er sei sich dabei «wie ein Drehbuchautor oder Krimiautor» vorgekommen.

Fatal war laut Habermeyer, dass Thomas N. den damals 13-jährigen Jungen Davin S. traf und dieser ihm gefiel. Damit kam ihm die konkrete Idee, die Tat bei der späteren Opferfamilie durchzuführen und den Jungen dabei sexuell zu missbrauchen.

Habermeyer charakterisierte Thomas N. als erfolglosen Narzissten. Einer, der viel wollte, aber nicht dazu in der Lage war, für seine Ziele zu arbeiten. Er entwickelte deshalb Legenden, um sein Versagen zu kompensieren. Lieber tötete er, als sein Scheitern zuzugeben.

Anders sieht es Gutachter Josef Sachs: Er geht davon aus, dass für Thomas N. der sexuelle Missbrauch bei der Tat im Vordergrund stand. Das Finanzielle sei nur ein Nebeneffekt gewesen. 

Markus Melzl zum ersten Eindurck von Thomas N.

Markus Melzl zum ersten Eindurck von Thomas N.

Der frühere Kriminologe schildert seine Eindrücke, die er am ersten Verhandlungsmorgen gewonnen hat.