Seon
Dank ihrer Besitzerin: Die Mühle erzählt ihre Geschichte

Seit 700 Jahren klappert die Untere Mühle am Aabach Seon. Besitzerin Bernadette Zemp widmet ihr nun ein Buch.

Katja Schlegel
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Vor acht Jahren kauften Bernadette Zemp und ihr Mann André die Untere Mühle am Aabach in Seon.

Vor acht Jahren kauften Bernadette Zemp und ihr Mann André die Untere Mühle am Aabach in Seon.

Chris Iseli / LZB

Wenn eine Geschichte mit einem Mord beginnt, ist der Fall eigentlich klar. Wenn dann noch Familiendramen, Schelmereien und ein verschollener Besitzer dazukommen, obendrauf ein romantischer Retter und schliesslich noch ein Feuer, dann hat das Ganze schon etwas Verpflichtendes. Diese Geschichte schreit danach, erzählt zu werden. Und das wird sie nun: Bernadette Zemp hat sich der rund 700-jährigen Geschichte der Unteren Mühle angenommen und sie niedergeschrieben. «Eine Mühle erzählt» ist seit dieser Woche erhältlich.

Hinter Farbkübeln versteckte Schönheit

Bernadette Zemp ist selbst Teil eines der Kapitel der Mühlengeschichte: 2013 hat die Marketingspezialistin gemeinsam mit ihrem Mann André Zemp, Direktor der Stadtzürcher Spitäler Waid und Triemli und designierter Präsident des Spitalrats des Unispitals Zürich, die Mühle gekauft. Warum? «Weil er ein Romantiker ist», sagt sie und lacht, sie selbst habe der Mühle erst nicht viel abgewinnen können. Heruntergekommen wie sie war, vollgestellt bis unters Dach. Bernadette Zemp zeigt ein Foto von damals: Zwischen all den Farb- und Lackkübeln, dem alten Wellblech und den gestapelten Rosshaarmatratzen fällt es tatsächlich schwer, die eigentliche Schönheit der Räume zu erkennen.

Heute ist alles anders. Bernadette Zemp liebt ihre Mühle. Das älteste spätgotische Gebäude im Seetal ist inzwischen auch nicht mehr wiederzuerkennen. Zwei Jahre dauerte die Sanierung; ein Brand im Dezember 2014 hatte die Fortschritte um Monate zurückgeworfen. Im November 2015 wurde die Mühle an der Unterdorfstrasse als Wohn- und Veranstaltungsort eingeweiht. Seither hat sie sich unter dem Titel «Mühlerama Seon» mitunter zu einem für seine Schönheit mehrfach ausgezeichneten Eventlokal für Hochzeiten, Familienfeste und Kulturveranstaltungen gemausert. «Pro Woche fand bei uns mindestens ein Fest statt», sagt Bernadette Zemp. Fand – Vergangenheitsform. Seit Corona ist alles anders.

Aber ein Gutes hat es auch: Bernadette Zemp fand endlich die Zeit, sich der Geschichte ihrer Mühle zu widmen. Und das exklusiv. Zwar ist sie Teil der Dorfchronik, eine Publikation einzig und alleine zur Mühle gab es bislang aber nicht. Lange trug Bernadette Zemp den Gedanken mit sich herum, als konkretes Projekt seit der Sanierung. «Wir haben so viel entdeckt, so viel über das Gebäude gelernt; da packt einem die Leidenschaft, da will man mehr wissen», sagt sie. Also suchte sie. In Archiven, in Bibliotheken, im Dorf. Und wurde fündig.

«Dann vergessen wir unsere Wurzeln»

Entstanden ist eine kurzweilige, reich bebilderte Zeitreise, beginnend mit dem Mord an Habsburger-König Albrecht I. anno 1308. Zu dessen Andenken wurde das Kloster Königsfelden gebaut, in dessen Besitz die Untere Mühle mutmasslich ab 1331 stand. Das Buch erzählt weiter von Hühnern, Eiern und sackweise Kernen – dem Lehenszins – von den Müllerfamilien, die im Mittelalter als «ehrlos» und «betrügerisch» galten, von Konkurrenten, Bauernschindern und zerstrittenen Brüdern, von den letzten noch lebenden Mühlenbewohnern, die im Kanal schwimmen lernten und auf dem Inseli Hühner hielten, und natürlich vom verschollenen Vorgänger der Familie Zemp.

All diese Ereignisse lässt Bernadette Zemp die Mühle selbst erzählen. «Das gab mir die Freiheit, Gefühle zu zeigen und eine andere Perspektive einzunehmen», sagt sie. Für den Leser macht es diese Erzählform leicht, den Entwicklungen über die Jahrhunderte zu folgen. Die Geschichte verliert ihren knorrigen Geschichtslektionen-Charakter, wirkt lebendig. «Wer Geschichte so erfährt, behält sie in Erinnerung.» Davon ist Bernadette Zemp überzeugt und das ist ihr grosses Anliegen: das Erinnern. «Und wenn wir die Geschichten unserer Vorfahren und unserer Dörfer vergessen, verlieren wir unsere Wurzeln.» Eigentlich hätte Bernadette Zemp ihr Werk gerne gefeiert, einem Publikum vorgestellt. Warum hat sie nicht zugewartet? «Das Buch ist jetzt fertig», sagt sie und lacht. So lange habe sie die Idee mit sich herumgetragen, so lange am Buch gearbeitet, da habe sie nicht mehr warten wollen. «Das Buch macht das Projekt Mühle erst rund, mehr als zehn Jahre nach der ersten Begegnung. Es ist mein Geschenk an die Mühle, meine Hommage.»

Hinweis

«Eine Mühle erzählt» ist im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-033-08302-8) oder kann auf www.muehlerama-seon.ch bestellt werden.

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