Lenzburg
Neues Quartier «Im Lenz» soll keine Schlafstadt werden

Im neuen Stadtteil «Im Lenz» sollen 500 Wohnungen und 800 Arbeitsplätze entstehen. Doch wo ein Quartier aus dem Boden gestampft wird, droht eine Schlafstadt. Mit Neuzuzügerapéros und Projekten wie dem «Lenztisch», einem Stammtisch für alle Bewohner, soll dem entgegengewirkt und die Siedlung nachhaltig vernetzt werden.

Janine Gloor
Merken
Drucken
Teilen
Der Inhalt des Bring&Nimm-Kastens ist bei jedem Öffnen wieder anders. «Im Lenz»-Bewohnerin Michèle Gloor hat ein neues Sonnenbrillenetui gefunden. Chris Iseli

Der Inhalt des Bring&Nimm-Kastens ist bei jedem Öffnen wieder anders. «Im Lenz»-Bewohnerin Michèle Gloor hat ein neues Sonnenbrillenetui gefunden. Chris Iseli

Chris Iseli

Gelb steht er da, der grosse Kasten im Quartier «Im Lenz». Eine farbenfrohe Abwechslung zwischen den Neubauten und Baustellen. Sein Inhalt verändert sich stetig, er ist ein Tauschkasten. Vorbeigehende sind eingeladen, Dinge im Kasten zu deponieren oder herauszunehmen.

Im neuen Stadtteil nördlich der Bahngeleise entstehen in kurzer Zeit 500 Wohnungen und 800 Arbeitsplätze. Der sogenannte Bring&Nimm-Kasten ist Teil eines Projekts, das dem «Im Lenz» Leben einhauchen soll. Auch andere neu geschaffene Quartiere könnten in Zukunft von einer solchen Aktion profitieren, seien dies das Torfeld Süd in Aarau oder die Überbauung Breitacker in Brunegg. Denn wo ein Quartier nicht historisch gewachsen ist, sondern aus dem Boden gestampft wird, droht eine Schlafstadt.

Das Totalunternehmen Losinger Marazzi macht es vor: «Wir möchten eine neue Überbauung nicht einfach übergeben», erklärt Frans Rammaert, Leiter Immobilienentwicklung und Akquisition Basel. Wenn die ersten Bewohner einziehen, beginnt das Projekt «Community Building», zu Deutsch Nachbarschaftsbelebung.

Apéro und Stammtisch

Für Losinger Marazzi ist das «Im Lenz» bereits die dritte nachhaltig entwickelte Überbauung, die menschlicher gemacht wird. Vor Lenzburg waren das Erlenmatt West in Basel und das Eikenøtt im waadtländischen Gland dran. «Gerade bei einem Quartier wie dem ‹Im Lenz›, in dem noch gebaut wird, ist es wichtig, diese Vernetzung aktiv zu unterstützen, damit das Quartier nicht zu einer anonymen Schlafstadt verkommt», sagt Rammaert. Mit verschiedenen Strategien sollen die nachbarschaftlichen Beziehungen angeregt werden. Ein Neuzuzügerapéro im Januar war der Auftakt des Projekts, Stadtammann Daniel Mosimann nahm ebenfalls teil. Der Lenztisch, ein regelmässig stattfindender Stammtisch, wurde schon einmal durchgeführt. Ein weiterer Quartieranlass ist in Planung.

Eine App für die Bewohner unterstützt die Kommunikation. Laut Rammaert können die Bewohner damit untereinander und mit Losinger&Marazzi leichter in Kontakt treten. Den Auftrag für die Nachbarschaftsbelebung hat Losinger Marazzi an die Basler Firma Denkstatt-sàrl vergeben.

Eigeninitiative hilft

Elisabeth Eggenberger zieht in einigen Monaten der Lage wegen nach Lenzburg. Die Stadt liegt zwischen ihrem Arbeitsort und dem ihres Freundes. Sie sieht die Neubausiedlung als Chance: «Ich denke, dass man in einer neuen Überbauung besser Kontakte knüpfen kann, als in einem Quartier, wo alle alteingesessen sind.» An Quartieranlässen würde sie gern teilnehmen.

Dominik Perrucci ist im Herbst ins Haus «Im Grün» eingezogen und schon bestens integriert. «An einem privaten Neuzuzüger-Apéro habe ich viele meiner Nachbarn kennen gelernt», sagt er. Seitdem gebe es eine Whatsapp-Gruppe, «in der es abgeht». Am offiziellen Apéro war er ebenfalls dabei, weitere Anlässe fände er gut. «Wenn es ein bisschen wärmer wird, wollen wir bei den Feuerstellen ein Grillfest organisieren und alle Bewohner unseres Eingangs einladen, vielleicht via App.» Er fühlt sich im «Im Lenz» gut aufgehoben, Nachbarn kennen lernen sei kein Problem, wenn man ein bisschen Eigeninitiative zeige. Den Bring&Nimm-Kasten findet Perrucci lustig, er hat sich auch schon bedient.

Austausch über Mängel

Werner De Schepper, stellvertretender Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» wohnt mit seiner Partnerin, der Grünen Grossrätin Irène Kälin, seit September im «Im Lenz». Auf seinem Twitterprofil bezeichnet er sich als Neo-Lenzburger. Der Neuzuzüger-Apéro hat ihm gefallen, er hat auch gleich nachgezogen. Mit seiner Partnerin Irène Kälin hat er für die Bewohner seines Gebäudes einen Apéro organisiert. Nun kenne man sich.

«Wir sehen uns in diesem Gebäude wie an einem Quartiersträsschen», sagt De Schepper. Doch er sei auch am Kontakt mit den Bewohnern der anderen Gebäude interessiert. Er hofft, dass ein Sommerfest organisiert wird. Die Lenzapp findet De Schepper ein gutes Mittel für die Kommunikation. «Die Erstbezüger können sich austauschen, Kritik bezüglich Mängel oder der Internet-Angebote von Quickline wird diskutiert. Es ist gut, wenn man merkt, dass man nicht allein ist mit diesen Problemen», sagt er.

Für ihn ist auch die Stadt gefordert. «Damit aus dem Quartier kein Neuzuzüger-Getto, sondern ein lebendiges Quartier wird, müsste die Stadt ebenfalls ihren Beitrag leisten und das ‹Im Lenz› mit der Stadt vernetzen.» So müssen die neuen Bewohner auch auf die Möglichkeiten, die ihnen das Wisa-Gloria-Areal bietet, aufmerksam gemacht werden. Zum Beispiel die Bars, das Restaurant im alten Hero-Kosthaus oder das Fitnessstudio.

Auch die Verwaltung müsse sich laut De Schepper intensiver mit dem Thema Nachbarschaftsbelebung befassen. «Ich spüre die Realit Treuhand AG als Verwaltung nicht bei dieser Quartierbelebung. Sie nimmt nicht teil an dieser Belebung und ist für die Bewohner nur als diejenige Partei spürbar, die das Geld einnimmt», sagt De Schepper. Die Realit ist bei der Nachbarschaftsbelebung nicht involviert. Geschäftsführer Philipp Gloor steht dem Projekt jedoch positiv gegenüber. Er sagt: «Alle Bestrebungen und Aktivitäten, die das ‹Im Lenz› aufblühen lassen, gefallen uns.»

Tauschkasten ist nachhaltig

Und der Tauschkasten? Wie kann der das Quartier beleben? Tabea Michaelis, Projektentwicklerin von Denkstatt-sàrl, sagt: «Der Tauschkasten soll den Austausch zwischen den Bewohnern anregen und ein Gefühl von Nachbarschaft aufkommen lassen. Er soll zum Begegnungsort werden.» Der Tauschkasten fördere auch Nachhaltigkeit. «Statt etwas wegzuwerfen, kann man es dem Tauschkasten übergeben.» Positive Rückmeldungen hat Michaelis bis jetzt vor allem von den Senioren «Im Lenz» erhalten. Möglicherweise wird der nächste Standort des Kastens beim Seniocare sein.

Das Ziel von Losinger Marazzi ist, dass die Bewohner vom «Im Lenz» einen Quartierverein gründen und ihre Anlässe selbst organisieren. So wie in normal historisch gewachsenen Quartieren. Bei den Überbauungen in Gland und in Basel hat dies geklappt.