Bezirksgericht Lenzburg

Minderjährige verprügelt und mit Tod bedroht – ein Jahr Haft für Gang-Leader

Um in der Gang aufgenommen zu werden, mussten neue Mitglieder dem Leader Bilder von verprügelten Jugendlichen zusenden. (Symbolbild)

Um in der Gang aufgenommen zu werden, mussten neue Mitglieder dem Leader Bilder von verprügelten Jugendlichen zusenden. (Symbolbild)

Er terrorisierte Minderjährige und verprügelte sie brutal. Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte den 29-Jährigen Anführer der von ihm gegründeten Jugendgang G-Level zu einer Freiheitsstrafe von 33 Monaten, 12 davon muss er im Gefängnis verbringen.

Er sieht aus wie ein zu gross geratener Bub, der Anführer der Jugendgang G-Level. Im weissen Hemd trat er heute vor die Richter in Lenzburg.

So harmlos, wie der heute 29-Jährige aussieht, ist er aber nicht. Die Anklageschrift zeichnet ein ganz anderes Bild von Tom*, der 2009 die G-Level-Gang ins Leben rief und rund 100 Jugendliche im Alter zwischen 13 bis 17 Jahren um sich scharte. Ein Jahr wird er für seine Taten ins Gefängnis müssen.

Mit welcher Brutalität er vorging, zeigt eine Tat aus Lenzburg. Tom, damals 25 Jahre alt, kontaktierte per MSN-Chat den 13-jährigen Sebastian*. Er warf ihm vor, Mitglieder seiner G-Level-Gang als Idioten bezeichnet zu haben. Er wollte in darum treffen, falls Sebastian nicht kommen sollte, würde er noch grösser Probleme kriegen.

Beim Treffen im Wald beim Lenzburger Fussballplatz erschien Tom dann mit drei Mitgliedern seiner Gang. Er stiess den 13-jährigen Bub zu Boden. Ein Gang-Mitglied setzt sich auf ihn, gab ihm zehn Ohrfeigen, schlug ihn mit der Faust. Dann setzten sich die zwei anderen Gang-Mitglieder auf Sebastian und schlugen ihn – einer drückte sogar eine Zigarette auf Sebastians Hand aus.

Anführer Tom ging noch weiter: Er setzte sich auf den Oberkörper des 13-Jährigen und würgte den Bub so lange, bis der für kurze Zeit das Bewusstsein verlor. Es ist das schwerste Vergehen. Gerichtspräsidentin Eva Lüscher sagt dazu in der Urteilsbegründung: «Wie viel es noch gebraucht hätte, bis der Tod eingetreten wäre, ist unklar. Klar ist, dass hier eine Lebensgefahr bestanden hat.»

Die Todesdrohungen

Es sind viele weitere Taten aufgelistet in der Anklageschrift. Einmal drohte Tom via Webcam dem minderjährigen Joel*, dass er ihn mit einem Schlagring verprügeln werde, sollte er nicht zu einem abgemachten Zeitpunkt am Bahnhof Wildegg erscheinen.

Auch diesmal war das Ziel der Wald. In Begleitung anderer Gang-Mitglieder setzte sich Tom dort auf Joel, hielt ihm ein Messer an die Kehle und drohte, ihn zu «killen». Ein paar Minuten später fragte er Joel dann, ob er in die G-Level-Gang eintreten möchte. Aus Angst sagte Joel zu.

Kurze Zeit später forderte er Joel dann im MSN-Chat auf, von einer anderen Person Geld zu verlangen, weiter sollte er mit dieser Person in den Wald gehen, sich dort auf sie setzen, sie verprügeln und ihr dann die Kehle durchschneiden. Falls er diese Anweisung nicht befolgen sollte, würde ihn die G-Level-Gang jahrelang «fertigmache».

Das Ganze war bloss ein Test. Die Person, die Joel anrufen sollte, war bereits Mitglied der Gang. Um die Loyalität der Gang-Mitglieder zu testen, wendete Tom diese perfide Masche oft an.

Die G-Level-Gang terrorisierte Jugendliche im Aargau, in Zürich und sogar im Kanton Graubünden.

Gern stellte sich Tom bei Minderjährigen auf Facebook als Gangboss dar, der schon vier Personen ermordet haben soll. Er schickte ihnen Fotos von sich, wie er auf Jugendlichen sitzt – die seien jetzt tot, schrieb er dazu.

Offenbar wahllos beschuldigte Tom via Facebook Minderjährige, dass sie ihn oder Mitglieder der Gang beleidigt haben sollen. Für Entschuldigungen sei es nun zu spät. «Mini Jungs sind scho unterwegs zu dir, zu spät, du weisch es genau, du bisch TOT», schrieb er beispielsweise.

Gangboss hat ADHS

Dass Tom Ende 2010 für vier Tage in Untersuchungshaft genommen und ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet wurde, beeindruckte ihn damals nicht. Wieder draussen, verbreitete er weiterhin Angst und verteilte wahllos Schläge.

Ein psychiatrisches Gutachten zeigte, dass der Gangboss unter ADHS leidet. Tom sei deshalb impulsiv und hyperaktiv. Er ist nie behandelt worden. Mittlerweile geht er in eine Therapie. Das Gericht hat mit seinem Urteil gestern auch vorgeschrieben, dass er diese Therapie noch mindestens vier Jahre weiterführen muss. Doch obwohl der Täter psychisch schwer krank sei, brauche es neben der Massnahme auch eine Strafe, sagt die Gerichtspräsidentin.

Der heute 29-Jährige wird wegen Gefährdung des Lebens, Drohung, Nötigung und Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von 33 Monaten verurteilt. Ein Jahr muss er ins Gefängnis. Falls er danach innerhalb von vier Jahren nicht rückfällig wird und seine Therapie weiterführt, muss er die restlichen 21 Monate nicht absitzen.

Der zwei Meter grosse Gangboss hat währende der Urteilsverkündung ein bisschen einen roten Kopf bekommen.

* Namen geändert

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