Lenzburg
Gut ein Drittel der gewählten Einwohnerräte sind weg. Gehen den Parteien die Kandidaten aus?

Im Verlaufe der Amtsperiode sind 14 von 40 Einwohnerrätinnen und Einwohnerräte zurückgetreten. Die jüngste Demission macht eine Nachnomination nötig.

Ruth Steiner
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Filomena Hostettler (CVP-die Mitte) und Peter Tschanz (SP) wurden an der letzten Parlamentssitzung in Pflicht genommen.

Filomena Hostettler (CVP-die Mitte) und Peter Tschanz (SP) wurden an der letzten Parlamentssitzung in Pflicht genommen.

Ruth Steiner / Aargauer Zeitung

Mit Filomena Hostettler (CVP-die Mitte) und Peter Tschanz (SP) sind im Lenzburger Einwohnerrat am 11. März zwei neue Mitglieder vereidigt worden. Das sind Wechsel Nummer 12 und 13 in der laufenden Legislaturperiode, die noch bis Ende Jahr dauert. Am 28. November finden die Gesamterneuerungswahlen für das 40-köpfige Lenzburger Parlament statt.

In der März-Sitzung hat sich bereits die nächste Personalie angekündigt. Eine Änderung, die es in sich hat und für die kleine EVP eine grosse Herausforderung bedeutet. Stefanie Häfeli zieht von Lenzburg fort und hat ihre Demission bekanntgegeben. Die Nachfolge ist noch nicht geklärt. Der kleinsten Partei im Einwohnerrat (zwei Sitze) mangelt es an Kandidatinnen und Kandidaten.

Stefanie Häfeli hat ihre Demission bekanntgegeben.

Stefanie Häfeli hat ihre Demission bekanntgegeben.

Zvg / LBA

Dabei waren sie bei den Wahlen vor vier Jahren mit zehn Köpfen vergleichsweise gut dotiert. Doch bereits der Rücktritt von Polit-Schwergewicht Marcel Spörri anderthalb Jahre später brachte die Partei ins Schleudern. Von den acht Überzähligen auf der Wahlliste vom Herbst 2017 mochte niemand das Mandat übernehmen. Primarschullehrerin Stefanie Häfeli sprang schliesslich in die Bresche, es kam zur Ersatzwahl durch Nachnomination. Keine zwei Jahre später steht die EVP nun wieder vor dem gleichen Problem: Häfelis Demission macht eine Ersatzwahl nötig, wieder muss die EVP eine Person nachnominieren.

Nachnominationen trafen bisher kleinere Parteie

Dass den Parteien während der Amtsperiode die Kandidaten ausgehen, ist zumindest in Lenzburg eher unüblich. In der bald 50-jährigen Geschichte des Lenzburger Stadtparlaments ist es nebst der EVP erst einer Partei passiert, dass sie nachnominieren musste. Die Grünliberalen brachten 2012 so Beat Hiller in den Rat.

Macht man die Rechnung, so sind in der laufenden Amtsperiode bisher vierzehn der vierzig 2017 gewählten Einwohnerrätinnen und Einwohnerräte wieder aus dem Parlament ausgeschieden. Die Anzahl der Rücktritte mag etwas hoch erscheinen, im Vergleich mit andern Einwohnerräten (beispielsweise Aarau und Buchs) ist man in Lenzburg jedoch in guter Gesellschaft.

Trotzdem darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass jeder Abgang mit einem Verlust von Know-how verbunden ist. Ein neues Ratsmitglied benötigt eine gewisse Zeit, um sich in den Ratsbetrieb und in die Geschäfte einzuarbeiten. Macht das Beispiel der EVP Schule? Wie sich hier zeigt, ist eine lange Kandidatenliste keine Garantie dafür, vier Jahre lang ausgesorgt zu haben, falls es zu Wechseln kommt, weil Parlamentsmitglieder während der Amtsperiode austreten.

Wie sieht die Situation bei den übrigen Parteien aus? Wie viele Änderungen hatten sie zu verzeichnen und wo könnte es allenfalls brenzlig werden, wenn es in den verbleibenden Monaten bis zum Legislaturende noch zu Demissionen kommen sollte?

SP führt Rücktrittsliste an: Wechsel von 40 Prozent

Bisher am meisten Mutationen hat die stärkste Fraktion zu verzeichnen: Die SP hat bei vier ihrer zehn Mandate eine personelle Veränderung erfahren. Auf der Liste der im Jahr 2017 Nichtgewählten ist jetzt noch ein einziger Name übrig. CVP-die Mitte kommt auf drei Wechsel und drei verbleibende Nichtgewählte. Zwei Wechsel gab es bei der EVP und bei der FDP. Letztere ist in der komfortabelsten Situation von allen, sie hätte noch sieben Anwärter zur Verfügung.

Drei Parteien hatten je einen Rücktritt zu vermelden: Zu ihnen gehört die mit neun Mandaten zweitstärkste Fraktion, die SVP. Ihr kam sicher sehr gelegen, dass ihre Ratsmitglieder bisher bei der Stange blieben. 2017 war die SVP bei Kandidatensuche nicht über zwölf Personen herausgekommen und hatte von den drei grossen Parteien die mit Abstand kürzeste Kandidatenliste präsentiert. Einen Rücktritt gab es auch bei der GLP, sie hat drei mögliche Personen verbleibend. Bei den Grünen, wo es ebenfalls zu einem Abgang kam, sind noch zwei Personen auf der Liste der Nichtgewählten.

Vor 50 Jahren wollten 147 Personen ins erste Parlament

2022 wird zum Meilenstein im Lenzburger Politgeschehen. Vor 50 Jahren hat der neu geschaffene Einwohnerrat die Gemeindeversammlung abgelöst. Nie war die Euphorie so gross gewesen wie vor den allerersten Wahlen: Sage und schreibe 147 Kandidierende drängten ins neue Stadtparlament. Die beiden damals dominierenden Parteien hatten 36 (FDP) und 35 (SP) Namen auf der Liste. Dabei hatten die Freisinnigen die Nase vorn: Sie ergatterten im ersten Einwohnerrat 15 Sitze, die Sozialdemokraten deren 10. Die Bürgerpartei Lenzburg (heute SVP) kam mit 27 Kandidierenden auf 6 Sitze. Bei den Wahlen 2017 bewarben sich 89 Kandidatinnen und Kandidaten. Aktuell sind die Mandate wie folgt verteilt: SP 10, SVP 9, FDP 9, GLP 4, CVP-die Mitte 4, Grüne 2, EVP 2. Wie gross heute die Lust ist, sich am Lenzburger Politbetrieb zu beteiligen, wird sich zeigen. Schon bald beginnt sich das Kandidatenkarussell für die kommenden Wahlen zu drehen.