Lenzburg
Von Arizona zurück ins Seetal: Der pensionierte Pferdechirurg Jörg Auer hat das Skalpell gegen Bronzeformen getauscht

Sein Leben führte Jörg Auer nicht nur bis nach Amerika, sondern auch von der Veterinärmedizin bis zu geheimen Fischmarinade-Rezepten. Sein Dasein als Rentner widmet er nun der Kunst.

Valérie Jost
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Jörg Auer hat in Amerika zur Skulpturenkunst gefunden.

Jörg Auer hat in Amerika zur Skulpturenkunst gefunden.

Bild: Valérie Jost

«Manchmal fallen meine Frau und ich immer noch ins Englische zurück, dann mischen wir die Sprachen, wie es gerade kommt», erzählt Jörg Auer. 15 Jahre hat der in Lenzburg wohnhafte pensionierte Pferdechirurg mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn im amerikanischen Arizona gelebt. Nach der Rückkehr in die Schweiz überkam die Familie 2002 der Wunsch, wieder ein Haus in Arizona zu besitzen; so lebten sie jeweils die Hälfte des Jahres in Amerika, immer vier Monate im Frühling, zwei im Herbst. Letztes Jahr bereitete die Pandemie diesem Arrangement ein Ende: Nach zwei Monaten Lockdown verkauften sie ihr Haus und kehrten Vollzeit nach Lenzburg zurück.

Ursprünglich hätte er sowieso nur ein Jahr in Amerika bleiben wollen, sagt Auer. Doch daraus wurden schnell 15: «Dort stand mir beruflich immer im richtigen Moment die richtige Türe offen.» Er begann als Assistent bei einem Pferdepraktiker in Scottsdale, Arizona, ging weiter als Resident in Anästhesiologie an der Universität in Columbia, Missouri und als Chirurgie-Resident an der Universität in Philadelphia, Pennsylvania nach College Station, Texas, wo er sich innert elf Jahren vom Assistenzprofessor zum Professor emporarbeitete. Erst ein gutes Angebot aus der Schweiz, eine Professur in Zürich, und die Schulausbildung seines Sohnes brachte sie zurück in die Heimat.

Den Laien erkennt man am Kiefer

Doch es war in Amerika, wo Auer seine neue Passion fand: die Kunst. «Bronze hat mich schon immer fasziniert», so der in Lenzburg wohnhafte Bündner. Als er dann durch einen anderen Auswanderer den Zugang zur plastischen Kunst fand, packte es ihn: «Nach dem ersten Versuch war mir klar, das gefällt mir.» Seine erste beiden Skulpturen waren eine amerikanische Wachtel und ein «Roadrunner», ein weiterer Vogel – kein Pferd, wie die meisten seiner Freunde es erwartet hätten. Doch nach einem fünftägigen Pferdeskulpturen-Kurs fanden die Vierbeiner ebenfalls Eingang in sein Schaffen. «Es war von Anfang an klar, dass ich mich auf Tiere konzentriere», so Auer. An Skulpturen von Menschen sei er momentan nicht interessiert: «Davon gibt es schon so viele.»

«Für eine grössere Skulptur fallen auch mal über 100 Stunden Arbeit an», sagt Jörg Auer.

«Für eine grössere Skulptur fallen auch mal über 100 Stunden Arbeit an», sagt Jörg Auer.

Bild: zvg/LZB

Sein tiermedizinischer Hintergrund helfe ihm klar beim Arbeiten, sagt Auer. So erklärt er beispielsweise, dass ein Pferde-Unterkiefer vorne nie einfach herunterhängt, wenn das Maul offen ist – ausser, er wäre gebrochen. Trotzdem zeigen viele ausgestellte Pferdeskulpturen genau diese Pose. «Daran merkt man, ob ein Künstler das Tier wirklich kennt.» Entsprechend spreizt auch das Fohlen einer seiner Skulpturen die Beine, um zu grasen: «Ihr Hals ist sonst zu kurz, um zum Boden zu gelangen.»

Viele von Auers Werken sind von seiner Zeit in Amerika geprägt. So finden sich neben typischen Vögeln auch einige Skulpturen von Luchsen, die wie in den Alpen auch in Amerika wild vorkommen. In einer seiner Radierungen/Aquatinta zeigt er eine solche Wildkatze oben auf einem Saguaro-Kaktus: «Auf eine so gefährliche Pflanze wird ihnen so schnell kein anderes Tier folgen», so Auer.

Der Vater des jugendfestlichen Stadtzeltes

In Amerika stellte er in den zehn Jahren, in denen er sich mit Bronze beschäftigt, schon mehrere Male aus und verkaufte diverse seiner Werke. In der Schweiz ist seine momentane Ausstellung (noch bis zum 27. August) in der Lenzburger Hypothekarbank, die je 20 Skulpturen und Radierungen/Aquatinta und zwei Lithographien umfasst, erst seine dritte. «Hier kennt man mich als Künstler noch nicht so gut», sagt Auer.

Jörg Auer (rechts) und Heinrich Haller beim Frittieren fürs Fischessen am Jugendfest 2017.

Jörg Auer (rechts) und Heinrich Haller beim Frittieren fürs Fischessen am Jugendfest 2017.

Bild: Fritz Thut / WOZLZB

Als Person jedoch kennt man ihn in Lenzburg gut, war er doch zwölf Jahre lang Einwohnerrat, der Initiator des Stadtzeltes sowie langjähriger OK-Präsident des jugendfestlichen Fischessens. «Das Stadtzelt war eine Zapfenstreich-Idee», erzählt Auer. Beim Blick auf den verregneten Metzgplatz sei er auf die Idee gekommen, ein Zelt aufzustellen, damit auch bei Regen weitergefeiert werden kann. Dann ging alles schnell: Die Sponsoren waren Feuer und Flamme, nach Einsprachen von Anwohnern wurde das Konzept angepasst, die Tradition war geboren.

Bald würde das Essen zum zwanzigsten Mal stattfinden – 2020 fiel es wegen Corona aus. Dieses Jahr verlegt das Organisationskomitee es im Rahmen des Jugendfests light in vier Restaurants: Das «Bärli», das «Rosmarin», «Mike's Wineloft» und der «Ochsen» werden mit der traditionellen Marinade, dem Gewürzmehl und der «Freischaren-Sauce» beliefert; die Rezepte dafür bleiben geheim. «Es ist natürlich schade, dass das Fischessen auch dieses Jahr nicht im gewohnten Rahmen stattfinden kann», so Auer. Er sei aber zuversichtlich, dass es nächstes Jahr wieder ein traditionelles Fischessen geben werde.

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