Ruth Rippstein
«Ich wusste nicht, wo Ammerswil liegt»: Erste und dienstälteste Gemeindeschreiberin des Bezirks geht in Pension

Mit Ruth Rippstein geht die erste Gemeindeschreiberin des Bezirks und gleichzeitig auch die dienstälteste in Pension.

Ruth Steiner
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Ruth Rippstein in der Kanzlei Ammerswil.

Ruth Rippstein in der Kanzlei Ammerswil.

Severin Bigler

Die kleinste Gemeinde des Bezirks Lenzburg ist grosse Vorreiterin in Sachen Frauenförderung. Noch bevor die Schweiz die erste Bundesrätin hatte, wählte Ammerswil eine Gemeindeschreiberin. Das war 1981. Ruth Rippstein war 23 Jahre alt, als sie am 1.August ihre erste Stelle als Kanzlerin antrat. Dass es gleichzeitig auch ihre letzte sein würde, war nicht so gedacht.

Doch ist es so: Jetzt, 39 Jahre später, sagt Rippstein den Ammerswilern Adjö. Nicht auf Wiedersehen. Adjö. Im Hier und Jetzt leben sei ihre Lebensmaxime. Veränderungen akzeptieren, wenn sie kommen. Den Blick nach vorne richten, nicht zurückschauen. Mit wenigen Ausnahmen. Das Gespräch im grosszügigen Büro, das sie stundenweise mit Gemeindeammann Marianne Horner teilt, ist eine davon. Hier blickt die 62-Jährige auf fast vier Jahrzehnte Gemeindeschreiberin zurück.

Nicht nach Ammerswil gezogen

Auch wenn Ruth Rippstein jetzt keck behauptet: «Die Leute in Ammerswil haben mir stets gefallen», so ist sie wohnsitzmässig stets auf Distanz geblieben. Der 1981 vertraglich festgelegten Wohnsitzpflicht in Ammerswil sei sie bis heute nicht nachgekommen, erzählt sie lachend.

Im Bezirk Baden, in Birmenstorf, wo sie heute wieder daheim ist, hat sie die Ausschreibung in der Zeitung gesehen. Allerdings habe sie damals keine Ahnung gehabt, wo auf der Landkarte sie den Ort Ammerswil suchen sollte, erzählt Rippstein und lacht. «Einzig die Postleitzahl wies auf die Nähe von Lenzburg hin.»

In Birmenstorf ist sie aufgewachsen und hat auf der Kanzlei die Kaufmännische Lehre gemacht. Sie war bereit für den Karriereschritt in Ammerswil. Rippstein hat jedoch nicht im Geringsten mit der «Lawine» gerechnet, die schon wenige Wochen später auf sie zurollte und ihre Belastbarkeit auf eine harte Probe stellte. Die Kanzlerin erinnert sich: «Auslöser war ein Knatsch um das damalige Schuelhüsli. Ob es abgebrochen werden sollte oder nicht hatte im Dorf für rote Köpfe gesorgt.»

Obwohl der Händel vor Rippsteins Stellenantritt stattgefunden hat, musste die junge Gemeindeschreiberin die Suppe auslöffeln. Gemeinderäte schmissen den Bettel hin, bei den Gesamterneuerungswahlen im Herbst 1981 konnten nur drei Sitze besetzt werden. Aus Aarau kam ein Brief adressiert an die junge Kanzlerin, mit welchem das Gemeindeinspektorat klarmachte, dass es nun ihre Aufgabe sei, für Gemeinderatskandidaten zu sorgen. Heute mag Rippstein über diese Episode schmunzeln. «Denn bin i scho chli is Schlüüdere cho.» Zwei Monate im Amt habe sie noch kaum jemanden im Dorf gekannt. Letztendlich habe sich jedoch alles zum Guten gefügt.

Auch im kleinen Ammerswil ist Zeit ein knappes Gut

In den vergangenen 39 Jahren ist Ammerswil von gut 317 auf 711 Bewohner gewachsen. Wenn Rippstein von einer wachsenden Anonymisierung des Dorfes spricht, mag das im ersten Moment etwas kurios klingen. Worauf Rippstein mit dieser Aussage tatsächlich zielt, versteht man erst, wenn sie von Schuljahresschlussfeiern, die früher Examen hiessen, erzählt. Richtige «Chäferfeste» habe man im Ammerswil jeweils gefeiert. «In Chorbchratten schleppten die Bewohner Wein, Brot und Salami an. In geselliger Runde wurde gegessen und getrunken.» Das sei heute nicht mehr so.

Die technische Entwicklung, welche sie als Gemeindeschreiberin erlebte, bezeichnet Ripp­stein als «gigantisch». Sie erzählt von Zeiten, in denen sie das Steuerrodel in die Skiferien mitnahm und am Feierabend sämtliche Zahlen von Hand kontrollierte.

Auf die Freuden und Schwierigkeiten angesprochen, mag die Kanzlerin erst gar nicht so recht antworten. Dass sie (im Auftrag des Kantonalen Gewässerschutzamtes) in ihrem zweiten Dienstjahr eine Pappel fällen liess, ohne den Grundbesitzer zu informieren, oder dass sie für eine Firmenpfändung mit zwei Kantonspolizisten anrücken musste, war zwar im Moment eine riesige Herausforderung, ist im Verlaufe der Jahre jedoch verblasst. Der langjährige Kampf um das Gemeindehaus beinhaltete für sie beide Attribute, sagt sie schliesslich: «Aus heutiger Sicht ist es richtig, dass das Neubauprojekt abgelehnt und stattdessen das bestehende Gemeindehaus saniert und ausgebaut wurde.»

«Ich habe immer im Moment gelebt. Deshalb habe ich mir auch noch keine Ziele gesetzt für die Zeit nach meiner Pensionierung.» Wer Ruth Rippstein kennt, zweifelt keinen Moment daran, dass sie sich auch im neuen Lebensabschnitt kaum um Beschäftigungen wird bemühen müssen. Ein Ämtli hat sie bereits: Seit vier Jahren ist sie Präsidentin der Katholischen Kirchgemeinde Birmenstorf.

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