Lokale Feuerwehr (5)

Feuerwehr-Kommandant ist «kein Freund von Quoten – doch der Frauenanteil sollte höher sein»

Guido Reijnen, 41, leitet die zweitgrösste Feuerwehr im Bezirk seit 2011. Auf Ende Jahr gibt er seinen Posten ab.

Guido Reijnen, 41, leitet die zweitgrösste Feuerwehr im Bezirk seit 2011. Auf Ende Jahr gibt er seinen Posten ab.

Guido Reijnen, Kommandant der Feuerwehr Chestenberg, will Vorurteile ausräumen und wünscht sich mehr Frauen im Dienst.

Feuerwehren gibt es schon sehr lange. Dementsprechend viel wird über sie erzählt. Wahres und Unwahres, tatsächlich Geschehenes und Erfundenes. Besonders eine «Erzählung» hält sich hartnäckig. Eine, die Guido Reijnen sauer aufstösst: «Das Klischee, dass man nur in die Feuerwehr geht, um sich mit seinen Kollegen zu betrinken, hört man immer wieder», sagt Reijnen. Weiter daneben könne man aber nicht liegen.

Der Kommandant der Feuerwehr Chestenberg macht ein Beispiel: «Wir haben einen Haufen Sitzungen. Da sehe ich viele mit einem Mineralwasser, nur die wenigsten nehmen ein Bier.» Und so gehöre sich das auch, findet Reijnen. Die Feuerwehr sei eine wichtige Sache, die jeder mit der nötigen Ernsthaftigkeit angehen sollte.

Der 41-Jährige vertritt die Ansicht, dass neben den Rechten eben auch die Pflichten zählen. Und so war es für ihn konsequent, sich vor rund 20 Jahren der lokalen Feuerwehr anzuschliessen. Einen Dienst für die Allgemeinheit zu leisten. Nicht nur das reizte ihn: «Natürlich liebt man als junger Kerl auch die Action und den Nervenkitzel», ergänzt er.

Die Feuerwehr ist nicht die Polizei

Konsequent war Reijnen auch, als 2011 der Posten als Kommandant frei wurde. Als Chef der Einsatzgemeinden Möriken-Wildegg, Niederlenz und Holderbank. Leute führen, Verantwortung übernehmen, das war schon lange sein Ding.

Natürlich müsse nicht jeder die gleichen Voraussetzungen mitbringen wie er, um bei der Feuerwehr dabei zu sein. Das sei ja das Schöne daran, findet Reijnen: «Die Leute kommen aus allen Himmelsrichtungen. Das reicht vom Landwirt über den Techniker bis hin zur Medizin-Studentin.»

Ein Umstand, der aber auch Raum für Missverständnisse bietet. Reijnen betont: «Die Feuerwehr ist die einzige Blaulichtorganisation, die nach dem Milizprinzip funktioniert. Wir machen das nebenberuflich.» Dennoch werde oft dieselbe Routine erwartet wie etwa von der Polizei. Dass das nicht gehe, zeige alleine schon das Arbeitspensum: «Polizist ist ein Full-Time-Job, Feuerwehrmann nicht», sagt Reijnen. Was Blaulichtbetriebe wie Polizei und Feuerwehr aber gemein haben: Es zählen dieselben Tugenden. Hilfsbereitschaft, Teamfähigkeit, aber auch Belastbarkeit. «Einen tödlichen Unfall zu erleben, geht nicht spurlos an einem vorbei», sagt Reijnen. Hier setzt die Feuerwehr Chestenberg seit kurzem in zweifacher Hinsicht an.

Bei gravierenden Fällen kümmern sich sogenannte Peers um die Notfall-Seelsorge der Feuerwehrleute. Um Todesfälle zu reduzieren, ist seit diesem Jahr auch ein First Responder Team im Einsatz, das bei Herznotfällen und Atemstillständen ausrückt. 45 Einsätze waren es bereits für die neu gegründete Truppe, Reijnen bezeichnet es als «Erfolgsgeschichte».

Der Kommandant will noch einiges in seiner Feuerwehr bewegen. Viel Zeit für die Umsetzung bleibt ihm nicht: Ende 2019 wird er sein Amt abgeben. Mit einem 100-Prozent-Pensum im Beruf und zwei kleinen Kindern wolle er nun etwas kürzertreten, sagt Reijnen.

Für die Zukunft der Feuerwehr Chestenberg wünscht sich Reijnen vor allem eines: eine angemessenere weibliche Vertretung. In seiner 113-köpfigen Truppe sind es momentan 23 Frauen. «Ich bin kein Freund von Quoten», macht Reijnen klar. «Aber eine ausgewogene Verteilung sollte in der heutigen Zeit doch möglich sein.» Vielleicht wird dann ja das Vorurteil aus der Welt geschafft, dass ein Job bei der Feuerwehr reine Männersache ist.

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