Holderbank
Das Herz des Dorfes liegt in Trümmern – wie es weitergeht, ist unklar

Ob die Turnhalle in Holderbank nach dem Grossbrand wieder aufgebaut wird, weiss man noch nicht. Was das Feuer für die Kinder bedeutet aber schon.

Urs Helbling
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Holderbank Brand und Bild danach
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Die Turnhalle in Holderbank brannte in der Nacht auf Dienstag bis auf die Grundmauern nieder.
Die Feuerwehr war mit einem Grossaufgebot rasch vor Ort. Dennoch entstand ein grosser Sachschaden
Die Kantonspolizei hat Ermittlungen zur Brandursache eingeleitet. Brandstiftung kann nicht ausgeschlossen werden.
Der Brand wurde um 2.30 Uhr gemeldet.
Es entstand grosser Sachschaden.
Es entstand grosser Sachschaden.

Holderbank Brand und Bild danach

Urs Helbling

Tag 3, nachdem eine Anwohnerin ein Knistern aus der Turnhalle gehört, aber noch keine Flammen gesehen hat. Trotzdem schlug sie kurz nach 2.30 Uhr Alarm. Tag 3, an dem die Experten der Polizei nach der Ursache des Millionenbrandes suchen. Im Vordergrund steht Brandstiftung. Tag 3, an dem Gemeindeammann Herbert Anderegg und sein Team Krisenmanagement machen.

Über dem Vereinszimmer sind Arbeiter mit Schutzanzügen und Atemmasken daran, ein Notdach zu errichten. Daneben werden Bögen der Hallen-Ruine zurückgebaut. Auf 11 Uhr ist eine Sitzung mit Sanitär- und Heizungsspezialisten angesetzt.

Es geht um die Frage, ob die Gasheizung unter der Halle wieder in Betrieb genommen werden kann oder eine Notheizung installiert werden muss. Nach den Festtagsferien soll es in der Gemeindeverwaltung (ist improvisiert in Betrieb) und in der Primarschule (ist seit Dienstag geschlossen) wieder angenehm warm sein.

Die Kanzlei und das Schulhaus sind an das Brandobjekt angebaut. Dank viel Glück sind sie verschont geblieben. Nur das Büro der Gemeindeschreiberin ist aktuell nicht mehr benutzbar. Löschwasser ist eingedrungen, im Raum stinkt es nach Rauch, er muss entfeuchtet und neu gestrichen werden.

Die Halle stand wegen ihrer Einzigartigkeit unter Schutz

Herbert Anderegg sagt: «Ich könnte ‹lätschen›, wenn ich an die Halle denke.» Er drückt damit die Gefühlslage vieler Holderbanker aus: In diesem Gebäude steckten viele Emotionen. Man ging darin als Kind ins Turnen, besuchte später die Vereinsprobe, traf sich zum Jahreskonzert der Musikgesellschaft.

Die zwischen 1921 und 1924 gebaute Turnhalle war etwas Spezielles. «Ihre Konstruktion war einzigartig», erklärt Anderegg. Das Gebälk, die Decke, die Bühne aus Holz. Die Halle stand deshalb unter Schutz. Allerdings nur unter kommunalem.

Das heisst, der Gemeinderat Holderbank kann selber beschliessen, wie es weitergeht. «Wir haben an der Gemeinderatssitzung vom Mittwochabend darüber gesprochen, aber noch keinen Entscheid gefällt», sagt Anderegg.

Er lässt durchblicken: Die Halle wird wohl eher nicht wieder aufgebaut. Es wird auch eine finanzielle Frage sein: Der Wert der Halle wurde 1992 letztmals geschätzt. Ein Wiederaufbau würde – wie fast immer in ähnlichen Fällen – deutlich mehr kosten, als die Versicherung zahlt.

Als Turnhalle war das Gebäude ein Auslaufmodell. Ab dem Sommer 2022 wäre sie eine Mehrzweckhalle gewesen. Denn das wachsende Holderbank (1338 Einwohner, Steuerfuss 95 %) ist daran, ein Generationenprojekt zu realisieren. Voraussichtlich an der Gemeindeversammlung vom kommenden Sommer soll ein Baukredit in zweistelliger Millionenhöhe für den Bau eines neuen Schulhauses mit Turnhalle bewilligt werden.

Naheliegenderweise muss man sich jetzt überlegen, was der Brand für Auswirkungen auf das Neubauprojekt hat. Das ist aktuell die letzte Schwierigkeit in der jahrelangen Leidensgeschichte des neuen Schulgebäudes – unterwegs war sogar einmal ein Bundesgerichtsentscheid nötig (AZ vom 22.11.2017).

Ein halbes Jahr Turnen im Freien oder im Schulzimmer

Der Filmtitel «Hurra, die Schule brennt» (Peter Alexander, Heintje, etc.) war in den letzten Tagen in Holderbank oft zu hören. Am Morgen nach der Brandnacht sind die 63 Schüler vorzeitig in die Weihnachtsferien geschickt worden. Sie treffen sich heute zu einer Jahresabschlussfeier. Am Montag, 6. Januar, geht es dann wieder richtig los.

Allerdings ein halbes Jahr lang mit etwas anderem Turnunterricht. Im Freien oder im Schulzimmer. Auf das Schuljahr 2020/21 hin, mit dem neuen, dann speziell zu erarbeitenden Stundenplan, hoffen die Holderbanker, nach Möriken ausweichen zu können. Denn ihre Primarschule ist Teil der Kreisschule Chestenberg, was in der aktuellen Krisensituation sicher ein Vorteil ist. Die meisten Schüler freuen sich über die zusätzlichen freien Tage. Einige trauern den Geschenken nach, die sie gebastelt hatten und die im Werkraum unter der Bühne verbrannt sind.

«Wir spüren eine Welle der Solidarität»

Herbert Anderegg ist Mitglied in der Männerriege, spielt Faustball. Er weiss, was die Vereine mit der Turnhalle verloren haben. Zum Beispiel alle Fahnen, auch die alten mit grossem Erinnerungswert. Der Musikgesellschaft wurden Instrumente, Reserve-Uniformen und Noten zerstört.

Ein Teil der Vereine wird in die Kleine Sporthalle des Effingerhorts und allenfalls die Kirche (gemischter Chor) ausweichen können. Für die Turner gibt es bereits erste Angebote aus umliegenden Dörfern, etwa aus Veltheim.

«Wir spüren eine Welle der Solidarität», erklärt Gemeindeammann Anderegg. Und er richtet einen Dank an die Frauen und Männer, die in der Nacht auf Dienstag gegen die Flammen gekämpft haben: «Die Feuerwehr Chestenberg, unterstützt durch die Feuerwehren Schenkenbergertal, Brugg und Lenzburg, hat gut gearbeitet. Dank ihr konnten wir wenigstens das Verwaltungsgebäude und das Schulhaus retten.»
Aber die Turnhalle, so etwas wie das Herz des Dorfes, ist nur noch Schutt und Asche.

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