Hendschiken
Auf Anzeige verzichtet: Wie die Natur nach einem Vogel-Drama profitierte

Während der Brutzeit wurde eine Hecke gerodet: BirdLife verzichtete auf eine Anzeige, weil die Schuldigen Busse taten.

Urs Helbling
Drucken
Teilen
Die Hecke entlang des Krebsbaches in Hendschiken ist idealer Brutplatz.

Die Hecke entlang des Krebsbaches in Hendschiken ist idealer Brutplatz.

zVg

Das Quietschen der jungen Vögel wurde vom Lärm der heulenden Motorsäge übertönt. Am Dienstag, 21. Juni 2016, hat sich in Hendschiken entlang des Krebsbaches ein furchtbares Tier-Drama ereignet. Wie viele Vögel und welche Arten betroffen waren, konnte nicht mehr festgestellt werden. Im Sommer 2016 schrieb Kathrin Hochuli, die Geschäftsführerin von BirdLife Aargau: «Es ist davon auszugehen, dass viele Vogelnester mit jungen Vögeln bei der Rodung zerstört wurden.» Und: «Folgende Vögel wurden in der Hecke schon nachgewiesen: Goldammer, Mönchsgrasmücke, Girlitz, Buntspecht. Zaunkönig.»

Auch Behörden mitschuldig

Was ist passiert? Wegen eines Bauprojektes musste der Krebsbach in Hendschiken teilweise eingedolt werden. Gleichzeitig sollte im weiterhin offen fliessenden Bereich der Hochwasserschutz verbessert werden. Die Durchflussmenge sollte von 1,5 Kubikmeter pro Sekunde auf 7 Kubikmeter erhöht werden. Im November 2013 stimmten die Hendschiker an der Gemeindeversammlung dem mehrere hunderttausend Franken teuren Hochwasserschutzprojekt zu.

Im Frühsommer 2016 begann die Realisierung. Dabei passierte der Fehler: Die bestehende Hecke wurde zur Unzeit gerodet. «Trotz gewissenhafter Vorbereitung von Unternehmern und Planern», wie der zuständige Gemeinderat Fredy Suter betont. Der Bauleitung sei zwar bewusst gewesen, dass die Anweisung zur Rodung zu einem ungünstigen Zeitpunkt erfolgte – die Hecke sei voller Laub gewesen. Aber: «Fehlende Grundlagen in der Bewilligung machten die Bauherrschaft nicht auf die Sperrfrist aufmerksam», so Suter. Also hatten die Behörden auch eine gewisse Mitschuld.

Anwohnern fiel das durch den menschlichen Eingriff verursachte Vogel-Drama auf. Sie schlugen bei BirdLife Aargau, dem Verband der 122 Aargauer Natur- und Vogelschutzvereine, Alarm. Dieser erwog eine Anzeige gegen den Bauherrn, den Auftraggeber und den ausführenden Unternehmer. Denn gemäss dem eidgenössichen Jagdgesetz ist die Störung des Brutgeschäftes der Vögel verboten. Es drohen Geld- oder Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr.
Dass das Brutgeschäft am 21. Juni 2016 in Hendschiken gestört worden ist, ist unstrittig. Denn die Hecke entlang des Krebsbaches wurde auf einer Länge von gut 200 Metern und einer Breite von 8 bis 12 Metern total gerodet. «Ab August wäre die Rodung kein Problem mehr gewesen», schreibt Kathrin Hochuli von BirdLife.

«Brutzeiten zu wenig bekannt»

Bemerkenswert ist, wie die Beteiligten auf den an sich strafrechtlich relevanten Vorfall reagierten. Unter der Bedingung, dass ein zusätzlicher ökologischer Ausgleich geschaffen wird, verzichtete BirdLife auf eine Anzeige. Anstatt rechtlicher Schritte habe so ein Mehrwert für die Natur geschafft werden können, sagt Gemeinderat Fredy Suter. Konkrete wurde die gerodete Hecke nicht nur ersetzt, sondern es gab zusätzlich im Bereich des neuen Schulhauses Hendschiken ökologische Aufwertungsmassnahmen. In Form der Anpflanzung von Obstbäumen und Wildsträuchern. Aber auch der Errichtung eines Wildbienenhauses. Teilweise bezahlt durch die am Bau beteiligten Unternehmen.

Gemeinderat Fredy Suter ist froh über die getroffene Lösung. Und er hofft, dass das Hendschiker Vogel-Drama zur Aufklärung beiträgt: «Immer wieder werden Hecken während der Brutzeit der Vögel gerodet. Leider sind die Brutzeiten nur den wenigsten Personen bekannt.»

Aktuelle Nachrichten