Seit eineinhalb Jahren gilt das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht. Normalzustand herrscht allerdings noch nicht an den neu geschaffenen Aargauer Familiengerichten.

Im Gegenteil: Die Justizleitung hat erst kürzlich eingeräumt, dass wegen der hohen Arbeitsbelastung dringend mehr Personal nötig sei.

Unter dieser Situation leiden die Betroffenen: Scheidungskinder, Demente, Süchtige beispielsweise. Sie schweigen meist.

Marco (alle Namen geändert) will nicht schweigen. An einem gewittrigen Abend erzählt er die Geschichte seiner Familie – die ganze Geschichte, denn nur so ist sein Ärger über die Behörden verständlich.

Verhängnisvoller Unfall

Marco und Ruth haben zwei Kinder und leben im Seetal. Er arbeitet bei einer Firma in der Region. Sie ist Hausfrau. Im Herbst 2005 will sie auf dem Heimweg noch ein Brot holen beim Bäcker.

Es passiert beim Abbiegen. Das Auto hinter ihr kann halten, der Lastwagen nicht. Ruth Meier erleidet ein Schleudertrauma. Sie hat Kopfweh, einen verspannten Nacken und Gliederschmerzen.

Durch Physiotherapie bessert sich der Zustand. Elf Monate später verstopft ein Blutgerinnsel den Hirnstamm. Ruth Meier erleidet einen Hirnschlag. Als sie aufwacht, kann sie sich nicht mehr bewegen, nicht mehr reden, bloss blinzeln. «Locked-in-Syndrom» nennt sich das.

Ruth kommt für mehr als ein Jahr in die Reha-Klinik nach Basel. Marco Meier sagt: «Wir waren einmal eine ganz normale Familie.»

Kampf mit den Versicherungen

Meier verkauft das Haus. Die Familie zieht zu Ruths Eltern. Ruth hat kleine Fortschritte gemacht: Sie kann sprechen, den Kopf bewegen.

Sie muss trotzdem rund um die Uhr betreut werden, in der Nacht muss sie immer wieder umgelagert werden. Sie spürt ihren Körper, jede Faser. Sie kann ihn bloss nicht mehr bewegen.

Es beginnt der Kampf mit den Versicherungen. Vier Stunden Betreuung durch die Spitex bezahlt die Krankenkasse. Der Vater von Ruth betreut seine Tochter, während Marco am Arbeiten ist – bis der Vater ausgebrannt ist. Der Arbeitgeber von Marco bezahlt in der Zeit, in der Marco arbeitet, eine Betreuung für Ruth. Es vergehen sieben Jahre.

Marco sagt: «Wir hatten schöne Momente.» Trotzdem bleibe es immer ein Abwägen: «Ist da zu viel Schmerz oder noch genug Lebensglück.»

Nach sieben Jahren fehlt Ruth die Kraft zum Weiterleben. Sie isst und trinkt nicht mehr und stirbt nach sieben Tagen im Kreis der Familie. Das war am 2. November 2012.

Zwei Tage später geht Marco mit dem Totenschein auf die Gemeinde. Das Erste, was man ihm dort sagt: Die minderjährigen Kinder würden nun von Gesetzes wegen unter Beistandschaft gestellt. Seine Konten werden gesperrt. Es gehe dabei um das Erbe und um das Wohl der Kinder, sagt man ihm.

«Kein einziges Mal hat sich eine Amtsstelle darum gekümmert, wie es uns als Familie geht»

Am 1. Januar 2013 nehmen im Aargau die Familiengerichte ihre Arbeit auf. Die Gemeindeverwaltung übergibt das Dossier darum dem Familiengericht.

Anfang 2013 fordert dieses via Berufsbeiständin letzte Unterlagen ein. Über das Erbe entschieden hat das Gericht allerdings heute noch nicht – 18 Monate nach dem Tod der Ehefrau und Mutter.

Entscheiden muss das Gericht nun auch nicht mehr. Mittlerweile sind sowohl Tochter als auch Sohn volljährig geworden. Die Beistandschaft entfällt damit.

Am Tag nach dem Geburtstag des Sohns im vergangenen Juni war das Erbe bereits geregelt, sagt Marco. Die Kinder bekamen mehr als den Pflichtteil. Auch bei den zwei gesperrten Konten konnte er mittlerweile erwirken, dass sie freigegeben wurden.

Nach Abklärungen bei den involvierten Stellen stellt sich heraus: Die Unterlagen, die das Familiengericht für das Urteil gebraucht hätte, wurden von der Beiständin der Kinder während eines Jahres nicht ans Gericht weitergeleitet.

Die Erklärung des Gemeindeverbands Soziale Dienstleistungen Region Lenzburg, wo die Berufsbeiständin arbeitet: Die Einführung und die Umsetzung des neuen Rechts habe eine grosse Umstellung bedeutet – nicht nur für die Familiengerichte, sondern auch für die Berufsbeistände.

Es brauche seine Zeit, bis sich alles eingespielt habe, ausserdem sei in dieser Angelegenheit niemand zu Schaden gekommen.

Für Marco bleibt der Ärger, dass da eine Amtsstelle eingreift, für die Kinder eine Beistandschaft errichtet, alles blockiert und dann doch nicht entscheidet. «Als meine Frau krank war, hat sich kein einziges Mal eine Amtsstelle darum gekümmert, wie es uns als Familie geht.»

Marco ist überzeugt: «Ein Entscheid über das Erbe wäre innerhalb von einer Stunde möglich gewesen, wenn sich die involvierten Stellen darum bemüht hätten.»

Dem 54-Jährigen geht es heute gut. Er hat beschlossen, nach vorne zu blicken. Das Einzige, was ihn traurig macht, sind die Jahre, die er wegen der Krankheit seiner Frau mit seinen zwei Kindern verpasst habe – eine Zeit, die nie mehr zurückkehrt. «Kinder kommen in einer solchen Situation immer zu kurz», sagt er.