5 Gründe der Leser

Warum sterben im Aargau bloss so viele Beizen?

Wo bleiben die Gäste? Überaus viele Beizen mussten in den letzten Jahren im Aargau schliessen.

Wo bleiben die Gäste? Überaus viele Beizen mussten in den letzten Jahren im Aargau schliessen.

Im Aargau sterben immer mehr Beizen. 165 Beizen mussten in naher Vergangenheit ihre Türen für immer schliessen. Woran liegts? az-Leserinnen und Leser sehen vor allem fünf wesentliche Punkte.

Mit Wirten lässt es sich schon lange nicht mehr richtig Geld verdienen – die goldenen Zeiten sind vorbei. So die Meinung vieler ehemaliger Wirte.

Und das scheint nicht nur die Meinung vieler Wirte zu sein. Nein, auch das statistische Jahrbuch des Kantons Aargau weist Zahlen auf, die eine solche Meinung stützt.

Im Aargau wirtschaften laut Statistik zurzeit 1516 Beizen beziehungsweise «Gastwirtschaftsbetriebe mit Ausschank und Verkauf von Spirituosen». Von 2005 bis 2013, also in weniger als zehn Jahren, hat die Zahl der Gastwirtschaftsbetriebe um fast 10 Prozent abgenommen. Nicht weniger als 165 Beizen mussten ihr Geschäft in dieser Zeit schliessen (wir berichteten).

Doch woran liegts? Angeregt diskutieren az-Leserinnen und Leser über die Gründe. Und sie haben diese in fünf Hauptargumente zusammengefasst, abstufend mit dem wichtigsten beginnend:

1. Die Qualität der Beizen

«Heute möchte man primär auswärts gut essen. Und zwar besser, als man es selber als Hobbykoch, welcher sich durch zahlreiche Kochsendungen im TV auf den Geschmack gebracht hat, hinkriegen kann. Und da versagen die Dorfbeizen natürlich jämmerlich. Da wird einem Hausmannskost aus den 70er-Jahren serviert, welche fast nur aus Fertigprodukten besteht», glaubt Leser Peter Berger.

Leser Fabio Montale stimmt zu: «In den deutschen Restaurants wird noch gekocht. Dort gibt es Rösti wie sie sein sollte - nicht aus dem Karton warmgemacht vom Päckliaufschneider-Koch.»

Und auch das Ambiente ist mitverantwortlich: «Schaut euch doch die Lokale an - alt und verlodert!», so Leser Roland Heim. «Die meisten Pächter haben keine AHnung und basteln bei der Eröffnung Fahnen und Blachen vor das Haus. Die Besitzer investieren nichts mehr. Vielerorts herrschen unangenehme Temperaturen, man friert sich beim Essen ab.»

2. Das Rauchverbot / Lieber zu Hause bleiben

Ein wesentlicher Punkt erachten - vornehmlich Raucher - das Rauchverbot in den Beizen. «Raucher haben keine Daseinsberechtigung, sie sind in der heutigen Zeit nur noch geduldet.»

«Es ist ziemlich auffällig, wie voll die Beizen sind, in denen noch geraucht werden darf. Ich bin absolut für ein Rauchverbot in Restaurants, wo gegessen wird. Selbst ich als Raucher geniesse mein Essen lieber rauchfrei. Vor dem Rauchverbot war ich aber auch noch öfters mal hier und da in einer Beiz anzutreffen, ohne dort zu essen. Ich ging in die Beiz, um mich mit Menschen zu treffen und zu unterhalten und trank jeweils ein Wasser oder einen Tee - und rauchte. Heute frage ich mich, wozu in die Beiz? Daheim trinke ich das Wasser gratis und auch der Tee ist ungefähr 20x billiger. Ausserdem kann ich daheim rauchen. In der Beiz wird nun jede Unterhaltung regelmässig unterbrochen, weil einer oder mehrere rausgehen zum Rauchen. Wir treffen uns seit dem Rauchverbot halt bei jemandem zuhause», fasst Leserin Christine Steffen zusammen.

Diese Erfahrungen macht auch Leser Roland Umiker: «Die negativen Auswirkungen des Nichtrauchens sieht man bei jeder Veranstaltung: Die Gesellschaft wird zerrissen, weil immer ein grosser Teil der Raucher vor dem Restaurant am Rauchen und diskutieren ist.»

Auch Leserin Rita glaubt beim Beizensterben an ein gesellschaftliches Problem: «Das Rauchverbot ist bestimmt mitverantwortlich am Beizensterben. Aber der Hauptgrund liegt an der Vereinsamung der Bevölkerung.» So verbringe man den Abend lieber zu Hause.

Das sehe man auch an den Aktivitäten der Vereine. Selten gehe man nach dem Vereinsevent noch in ein Restaurant. «Heute gibt es weniger Vereine und die heutigen Vereine würden nicht mehr wirklich leben. «Der gesellige Beizenbesuch fehlt den Restaurants.»

3. Finanzielle Gründe

Viele Menschen können es sich schlicht nicht leisten, oft auswärts essen zu gehen. «Es nimmt Formen an wie in Deutschland – der Hochpreisinsel Schweiz sei Dank. Die normalen Menschen in diesem Land haben nicht mehr das Geld auswärts Essen zu gehen», weiss Leser Roger Müller.

Margrit Umiker bestätigt: Finanziell macht es immer schwerer, Lust auf auswärts Essengehen zu bekommen», da bleibt man lieber zu Hause, wo man genau so gemütlich sitzen und diskutieren kann.»

Leser Kusel meint: «Wir gehen mehr auswärts essen, seit die Beizen rauchfrei sind. Allerdings verzichten wir auf Wein und Kaffee, da diese Produkte definitiv zu teuer verkauft werden. Diese Produkte geniessen wir nur noch zu Hause.»

4. Gesetze und Auflagen für die Wirte

Die Behörden hätten jedoch ebenso viel am Beizensterben zu verantworten wie die Gesellschaft an sich. «Behördliche Überregulierung», nennen es die Leser. «Die immer höheren Minimallöhne, immer grössere Sozialleistungen und Vorschriften verunmöglichen den Beizern ein erfolgreiches Geschäft», heisst es weiter. «Der Bürger wird mit immer höheren Krankenkassenprämien und Steuerabgaben zum Sparen gezwungen – und tut dies hauptsächlich über das Essen», so Leser Harry.

5. Tiefere Promille-Grenze

Nebst den Rauchern gibt es auch die Alkohol-Trinkenden, die die tiefer gesetzte Promille-Grenze von 0,8 Promille auf 0,5 Promille als den Ausschlag sehen. Man trinke automatisch ein Bierchen weniger. «Alkohollimiten sind ein starker Grund für den geringeren Beizenbesuch.»

Und oft wurde das Konzept über Jahre hinweg nicht überarbeitet. Nur Bier aus dem Hahnen lassen reicht heute eben nicht mehr.»

Und trotz all dieser Punkte: Mit Wirten lasse sich trotzdem noch immer sehr gutes Geld verdienen, glauben viele Leser. Flo Weber: «Einige Restaurants mit origineller Aufmachung, normalen Preisen und qualitativ anständigem Essen beweisen es – Es gibt ja wohl einen Grund, wieso dass solche Restaurants immer voll sind, während andere Beizer zusehen können, wie sich der Staub auf die Vitrine mit den Turnvereinabzeichen längst vergangener Tage legt.»

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