Kanton
Urteil im Messerstecherfall: Felix G. kommt per sofort frei und erhält 15000 Franken, weil er zu lange im Gefängnis sass

Der heute 43-jährige Dominikaner, der 2014 an einem Raubüberfall in Killwangen beteiligt war, wird vom Vorwurf des versuchten Mordes freigesprochen. Das Bezirksgericht Baden ordnet zudem an, dass der Mann aus dem Gefängnis entlassen und für die sogenannte Überhaft finanziell entschädigt wird.

Fabian Hägler
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Wer im Juni 2014 auf André R. einstach, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Wer im Juni 2014 auf André R. einstach, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Symbolbild: Pius Amrein

Eine sechsjährige Freiheitsstrafe: für viele Angeklagte wären diese düstere Aussichten. Anders im Fall von Felix G: Der heute 43-jährige Dominikaner, der im Sommer 2014 in Killwangen den Escort-Unternehmer André R. überfiel, dürfte sich über dieses Urteil des Bezirksgerichts Baden freuen.

Felix G. sitzt seit November 2014 im Gefängnis – zuerst in U-Haft, danach im vorzeitigen Strafvollzug. Insgesamt sass er mehr als sechs Jahre hinter Gittern – deshalb kommt er nach dem Urteil sofort frei.

Angeklagter sass 77 Tage zu lang im Gefängnis

Ausserdem erhält er eine Entschädigung für die Überhaft, also die Zeit, die er über die Zeit der nun verhängten Freiheitsstrafe im Gefängnis sass. Für jeden der 77 Tage, die er zu lange inhaftiert war, bekommt Felix G. laut dem Bezirksgericht 200 Franken – das ergibt eine Entschädigung von 15400 Franken.

Das Urteil liegt zwischen den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Staatsanwalt Marc Dellsperger hatte eine 14-jährige Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes verlangt, Verteidiger Pascal Veuve auf zwei Jahre bedingt und einen Freispruch vom Mordversuch plädiert.

Das Gericht kam zum Schluss, dass sich heute nicht mehr feststellen lässt, welcher der drei Dominikaner, die im Juni 2014 in die Wohnung von André R. eingedrungen waren, diesen niedergestochen hat. Hingegen sah es das Gericht als erwiesen an, dass Felix G. sich im Sinn einer Mittäterschaft der einfachen Körperverletzung schuldig gemacht hatte.

Keine gefährliche Waffe, keine grausame Behandlung

Eine höhere Strafe blieb auch aus, weil das Gericht den Überfall nicht als qualifizierten Raub einstufte. Es seien keine gefährlichen Waffen im Sinn des Gesetzes verwendet worden, also keine Schusswaffen, sondern Messer und ein Elektroschocker, sagte die Gerichtsschreiberin auf Nachfrage.

Es sei keine besondere Gefährlichkeit der Täterschaft gegeben, diese sei auch nicht als Bande aufgetreten. Zudem habe für das Opfer damals keine unmittelbare Lebensgefahr bestanden, es liege weder schwere Körperverletzung noch eine grausame Behandlung des Opfers vor.

Die drei Dominikaner hatten André R. im Juni 2014 in dessen Wohnung in Killwangen überfallen und ihm Drogen sowie einen Tresor geraubt. Während des Überfalls erlitt das Opfer mehrere Messerstiche in den Oberkörper. Die drei Komplizen machten sehr unterschiedliche Angaben dazu, wer auf André R. eingestochen habe.

Der zweite Freispruch: Fall zog sich über Jahre hin

Es ist der zweite Freispruch vom Vorwurf des versuchten Mordes für Felix G. Schon im Jahr 2016 war das Bezirksgericht zum gleichen Schluss gekommen, nach einem Justizmarathon mit gegensätzlichen Entscheiden von Obergericht und Bundesgericht musste der Fall nun erneut verhandelt werden.

Wie es mit Felix G. weitergeht, ist offen: Die Staatsanwaltschaft hat die Möglichkeit, gegen die Haftentlassung Beschwerde einzureichen. Fraglich ist ausserdem, ob der Dominikaner in der Schweiz bleiben kann: Laut seinem Anwalt hat er keine gültige Aufenthaltsbewilligung.