Gotthard-Abstimmungskampf

«Top bei Rechtsfällen, Flop in der Politik»: Er tritt als VCS-Geschäftsführer ab

Verlässt die Aargauer VCS-Geschäftsstelle früher als geplant: Micha Siegrist.

Verlässt die Aargauer VCS-Geschäftsstelle früher als geplant: Micha Siegrist.

Micha Siegrist tritt nach knapp neun Jahren vorzeitig als VCS-Geschäftsführer zurück – mitten im Gotthard-Abstimmungskampf. Er sagt, warum er das tut und offenbart, was ihn in all den Jahren am meisten enttäuscht hat.

Die Idee für das Foto bringt Micha Siegrist ausgedruckt zum Interviewtermin mit: Das Bild, das er in den Händen hält, zeigt den abtretenden deutschen Kanzler Bismarck, der über eine Treppe das Schiff verlässt. Das Schiff ist in Siegrists Fall die Aarauer Geschäftsstelle des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS); der Weg zu seinem Büro führt über ein schmuckloses Treppenhaus. Im Unterschied zum vor 125 Jahren entlassenen Otto von Bismarck geht der VCS-Geschäftsführer per Ende Jahr freiwillig – und früher als geplant. Im Gespräch erklärt der 39-Jährige seinen vorzeitigen Abgang und sagt, welche Niederlage ihn am meisten geärgert hat.

Micha Siegrist tritt als VCS-Geschäftsführer ab - mitten im Gotthard-Wahlkampf

Herr Siegrist, nach knapp neun Jahren als Geschäftsführer des Aargauer VCS treten Sie zurück. Warum?

Micha Siegrist: Irgendeinmal ist Zeit, einem neuen Talent Platz zu machen. Für mich stand immer fest, dass ich diesen Job nicht bis zur Pensionierung ausüben werde. Zudem hat sich bei mir eine gewisse Amtsmüdigkeit breitgemacht. Die Arbeit ist anspruchsvoll, der Ertrag häufig nicht direkt sichtbar.

Sie verlassen den VCS per Ende Jahr – mitten im Abstimmungskampf um die zweite Gotthardröhre. Dabei zählt der Widerstand gegen das Projekt zu den zentralen Anliegen des Verbands. Ein überraschender Zeitpunkt.

Ja. Ursprünglich plante ich, an der nächsten Mitgliederversammlung im Frühling zurückzutreten. Ich hatte in letzter Zeit aber vermehrt das Gefühl, mein Potenzial nicht ausschöpfen zu können. In neun Jahren als Geschäftsführer wachsen Wissen, Können, Erfahrung – und dadurch auch die Eigenständigkeit. Ich musste merken, dass im Vorstand nicht alle damit umgehen können. Das hat dazu beigetragen, dass ich meinen Rücktritt etwas vorgezogen habe.

Als Sie letztes Jahr aus dem Aarauer Einwohnerrat zurückgetreten sind, nannten Sie als Grund eine gewisse Resignation: Sie hätten weniger bewegen können, als Sie sich erhofft hatten. War dies als VCS-Geschäftsführer anders?

Ja. Ich denke schon, dass wir das realistischerweise Erreichbare auch erreicht haben. Der grosse Unterschied zur Parlamentsarbeit: Beim VCS kann man selber bestimmen, was man anpacken will. Im Einwohnerrat hingegen ist es kaum möglich, selbst etwas anzureissen. Man kann mehr oder weniger nur Ja oder Nein sagen.

Wie fällt Ihre Bilanz nach fast einem Jahrzehnt Verbandsarbeit aus?

Für mich war es eine spannende und lehrreiche Zeit. Was die Erfolgsbilanz betrifft, kann man überspitzt sagen: Top bei den Rechtsfällen, Flop in der Politik.

Das müssen Sie erklären.

Wenn wir rechtlich gegen ein Bauprojekt vorgegangen sind, lag die Erfolgsquote bei 100 Prozent. In politischer Hinsicht hingegen fällt die Bilanz ernüchternd aus. Ich kann mich in all den Jahren nur an einen relevanten politischen Erfolg erinnern: Die Ablehnung einer höheren Motorfahrzeugsteuer dank einer unheiligen Allianz zwischen rechts und links. Das Geld wäre in die Strassenkasse geflossen, was mehr Strassen und letztlich mehr Verkehr nach sich gezogen hätte.

Ihre schlimmste Niederlage?

Was mich immer noch ärgert, ist die verlorene Abstimmung zur Südwestumfahrung Brugg. Die Gegenkampagne hätten wir bereits vor der kommunalen Abstimmung lancieren müssen, nicht erst vor der kantonalen. Die kantonale Abstimmung, die darauf folgte, war trotz aufwendiger Kampagne nicht zu gewinnen; in Brugg selber fehlten aber nur etwa 150 Stimmen zum Sieg. Das zeigt, dass wir auf kommunaler Ebene gewonnen hätten, wenn wir uns bereits in diesen Abstimmungskampf eingemischt hätten. Damals haben wir es versäumt, rechtzeitig gegen das Projekt zu mobilisieren.

Ihr grösster Erfolg?

Ich freue mich, dass der VCS Aargau dank meiner Arbeit wieder angefangen hat, rechtlich gegen Strassenprojekte vorzugehen. Mir ist es gelungen, alle grossen Umweltverbände für die Zusammenarbeit bei Einsprachen zu gewinnen. Das ermöglicht uns, auch rechtlich gegen Strassenprojekte vorzugehen. Diese teuren Rechtsfälle könnten wir uns ohne finanzielle Unterstützung der anderen Verbände gar nicht leisten.

Zum Job eines VCS-Geschäftsführers gehört es, Projekte zu blockieren oder zu verhindern. Gefällt Ihnen die Rolle des Spielverderbers?

Ich sehe unsere Aufgabe darin, über die Einhaltung des Umweltrechts zu wachen. Mit dem Vorwurf, ein Spielverderber zu sein, muss man wohl leben. Das hat mich aber nie gestört.

Der VCS zieht immer wieder den Zorn vieler Leute auf sich – etwa bei der Einsprache gegen das neue Aarauer Stadion im Torfeld Süd. Wägen Sie nie ab zwischen Image- und Umweltschaden?

Nein, ich überlege nicht, wie das bei der Bevölkerung ankommt. Aus zwei Gründen: Einerseits müssen wir alle grösseren Projekte mit krassen Fehlern beim Umweltrecht gleich behandeln, sonst würden wir uns unglaubwürdig machen. Andererseits dürfen wir uns durch öffentliche Kritik nicht einschüchtern lassen. Alles andere wäre ein falsches Signal an die Gegner.

Die Verkehrspolitik im Aargau verläuft meist nicht in Ihrem Sinne. Welche drei Änderungen würden Sie sich zum Abschied wünschen, wenn Sie könnten?

Das grösste Problem ist die enorme Strassenbauwelle: Der Aargau investiert am meisten Geld aller Kantone in neue Strassen, obwohl er bereits jetzt eines der weltweit dichtesten Netze hat. Deshalb würde ich erstens die Strassenkasse abschaffen, zweitens der Bevölkerung bei Abstimmungen über Verkehrsprojekte ernsthafte Alternativen zur Wahl stellen und drittens konsequent auszonen, wo die Erschliessungsqualität nicht genügend ist – das heisst: wo nicht mindestens eine Haltestelle mit einem Halbstundentakt in 500 Meter Entfernung besteht.

Bald werden Sie das Büro räumen. Wissen Sie schon, wie es danach weitergeht?

Ideen habe ich, spruchreif ist aber noch nichts. Ganz aus der Politik werde ich mich nicht zurückziehen. Es kann aber gut sein, dass ich etwas völlig Anderes mache.

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