Der Citroën-Wagenheber ist rostig, zirka 18 Zentimeter lang und 1530 Gramm schwer. Ein Gegenstand, der unspektakulärer nicht sein könnte und der es kaum in einen gläsernen Schaukasten geschafft hätte, wenn es nicht die dazugehörige Geschichte gäbe.

Die Geschichte spielt im Jahr 1957 im Aargau und lässt sich anhand von Zeitungsartikeln aus dieser Zeit nacherzählen. Ein gewisser Herr H. Keller aus Zurzach schaltet im «Aargauer Tagblatt» ein Inserat. Er sucht einen Käufer für seinen neuwertigen Opel-Rekord. Er möchte 4000 Franken in Bar für den Wagen. Ein 30-jähriger Handelsreisender aus Rohr meldet sich auf das Inserat. Er trifft sich am 19. Oktober 1957 mit einer jungen Norwegerin in Baden. Sie führt ihn zum Gstühlplatz, wo Keller mit seinem Hund neben einem Auto wartet. Zu dritt fahren sie los, um den Opel zu besichtigen. Die Frau am Steuer, der interessierte Käufer neben ihr und Keller auf der Rückbank. Hier kommt der rostige Wagenheber aus dem gläsernen Schaukasten ins Spiel.

Ein ahnungsloses Opfer

H. Keller heisst eigentlich anders und wohnt auch nicht in Zurzach. Er hat das Inserat unter falschem Namen aufgegeben. Er steckt in Geldnöten und plant einen Überfall. Zusammen mit seiner Geliebten, der Frau am Steuer. Das Opfer sitzt neben ihr auf dem Beifahrersitz und ahnt nichts. Als die Frau den geplanten Weg verfehlt und in eine Sackgasse fährt, beginnt der Mann auf der Rückbank vorzeitig mit seinem Angriff. Er nimmt den Wagenheber, den er zuvor bereitgelegt hatte, und schlägt damit dem Mann vor sich auf den Hinterkopf und die Schläfe, bis er bewusstlos ist. Die beiden werfen das Opfer auf die Rückbank. Der Täter setzt sich ans Steuer, seine Geliebte mit dem Wagenheber neben das Opfer, um dieses bei jeder Regung erneut zu schlagen. Irgendwie gelingt es dem Verletzten, auszusteigen. Er kommt nicht weit. Der Täter schlägt ihn erneut nieder, schleppt ihn ins Auto zurück, fährt bis zur Reussbrücke zwischen Mülligen und Birmenstorf und wirft ihn in die Reuss. Vorher hat ihm die Geliebte die 4000 Franken, mit denen er das Auto bezahlen wollte, entwendet.

Der Raubmord von Baden ist einer der Fälle, die im Museum der Kantonspolizei Aargau in Aarau dokumentiert werden. Die beschauliche Ausstellung ist nicht öffentlich, wird aber im Rahmen von Führungen gezeigt. Die Ausstellungsstücke würden auf grosses Interesse stossen, sagt Kapo-Sprecher Bernhard Graser, der für das Museum verantwortlich ist. «Leider gibt es viel mehr Anfragen von Interessierten, als wir Kapazitäten haben.» Die Führungen für 2019 seien schon fast ausgebucht.

Das Museum ist nicht öffentlich

Das Polizeimuseum hat ein pensionierter Polizist innerhalb eines halben Jahres realisiert. Im Januar 1992 wurde es eröffnet. Seither wurde kaum etwas verändert – abgesehen von einigen laminierten Blättern mit aktuellen Zahlen aus der Polizeistatistik. «Es ist schon etwas in die Jahre gekommen», sagt Bernhard Graser. «Vielleicht ergibt sich ja mit dem Bau des neuen Polizeigebäudes eine Möglichkeit, die Ausstellung etwas aufzufrischen.» Die Besucherinnen und Besucher würden sich aber nicht an der altbackenen Aufmachung stören. Kein Wunder! Immerhin gibt es hier echte Kriminalfälle zu entdecken. Schwarz-weiss Fotos von Tätern und Opfern, Tatwaffen oder die zwei Sturmhauben – eine beige, die andere schwarz – die zwei Männer trugen, als sie im Jahr 1987 eine Bank überfallen wollten.

Die beiden sind morgens um 5 Uhr durch ein Kellerfenster in ein Wohnhaus in Buchs eingestiegen und haben zwei Eheleute im Schlafzimmer überrascht. Die Frau fesselten sie neben dem Bett und schlossen sie im Zimmer ein. Den Mann zwangen sie, sich anzuziehen und sie mit seinem eigenen Auto bis zur Bank zu fahren. Dort sollte er ihnen den Tresor öffnen. Das ging aber nicht, weil der Tresor mit einem Zeitschloss gesichert war. Vor 7.30 Uhr konnte ihn niemand öffnen – auch nicht der entführte Bankverwalter. Die Täter beschlossen zu warten.

Wilde Verfolgungsjagd mit Schusswechsel

So verstrich genug Zeit, dass sich die gefesselte Frau zu Hause befreien, sich mithilfe von zusammengeknoteten Leintüchern aus dem Schlafzimmerfester abseilen, eine Nachbarin wecken und von deren Wohnung aus um 6.45 Uhr die Polizei alarmieren konnte.

Die Polizisten sperrten die Bank grossräumig ab und liessen sicherheitshalber auch aus zwei Pneus des Verwalterwagens die Luft ab. Der Polizeiaufmarsch blieb von den beiden Räubern nicht unbemerkt. Sie verliessen mit ihrer Geisel, aber ohne Beute, die Bank und ergriffen mit dem Auto die Flucht. Es kam noch in Aarau zu einem Schusswechsel. In Oberentfelden geriet das Auto aber so stark ins Schleudern, dass es gegen eine Mauer prallte und die Polizei die beiden Täter entwaffnen und die Geisel befreien konnte.

Neben spektakulären Kriminalfällen werden im Museum auch verschiedene alte Ausrüstungsgegenstände der Polizei ausgestellt. Uniformen zum Beispiel. Oder eine ganze Reihe Funkgeräte. Bernhard Graser nimmt eines in die Hand: «Mit einem solchen habe ich Ende der 90er-Jahre bei der Polizei angefangen», sagt er. «Ziemlich unhandlich im Vergleich zu den heutigen und auch nicht abhörsicher.» Er lacht. Es sei ein paar Mal vorgekommen, dass Schaulustige bereits vor Ort waren, als die Polizei am Tatort ankam, weil sie heimlich den Funk abgehört hatten. Das Gerät habe zwar einen Kippschalter, um verschlüsselt zu funken, sagt Bernhard Graser. «Leider mit dem Nachteil, dass wir uns so noch schlechter verstanden haben.»

Während einige Exponate viel Platz brauchen, sind andere unscheinbarer, aber deshalb nicht weniger spannend. Zum Beispiel der Polizeirapport vom 30. November 1918.

Das verschwundene Nierstück

Es geht um einen Fleischdiebstahl. Ein Herr erstattete Anzeige. Ihm sei in der Nacht ab dem Küchenfenstersims eine Platte rohes Fleisch (Rindsnierstück und Schaffleisch) samt weisser, länglicher Emailplatte im Werte von 15 Franken entwendet worden. Ferner sei ihm wahrscheinlich in der gleichen Nacht vom Hotel weg ein Holzkorb aus rohen Weiden im Werte von 3.50 Franken abhandengekommen. Die Nachforschungen nach der Täterschaft verliefen bis dato resultatlos, schliesst der Polizist seinen Bericht.