Er ist Stammgast in deutschen Talksendungen und malt Zukunftsvisionen für eine neue Form der Gesellschaft: Richard David Precht. Der 54-jährige deutsche Philosoph und Bestsellerautor sprach im Rahmen des 11. Aargauer Management Roundtable der Aargauischen Kantonalbank in Baden über die digitale Revolution und die Zukunft der Arbeit. Vor dem Podiumsgespräch beantwortete er die Fragen der AZ.

Herr Precht, Sie sind hier, um über die Zukunft der Arbeit und die digitale Revolution zu sprechen. Revolution ist ein grosses Wort.

Richard David Precht: Unsere heutige Arbeitsgesellschaft wird sich radikal umwälzen. Wir werden in eine Zeit kommen, in der viel mehr Maschinen arbeiten als jetzt und in der nicht die menschliche Hand ersetzt wird, sondern die menschliche Intelligenz. Und das verändert unsere Gesellschaft radikal. Deshalb ist das Wort Revolution völlig angebracht.

Gibt es nur ein negatives Szenario, oder sehen Sie auch positive Aussichten für die Zukunft?

Wenn wir in eine Welt kommen, in der intelligente Maschinen Menschen relativ langweilige Arbeit abnehmen, ist das nicht schlecht. Wenn wir unsere Wirtschaftsleistung dadurch steigern können, ist das etwas Gutes. Das ist ja alles Zeit, die für Menschen frei wird, um etwas Besseres zu machen, als sie es vielleicht heute tun. Das ist ein weiterer Schritt in der Entwicklung der Arbeitsgesellschaft. Früher haben die Leute 80 Stunden in der Woche furchtbare Arbeit gemacht. Wurden verheizt in Bergwerken. Heute arbeiten die Menschen im Schnitt noch 40 Stunden. Und wir kommen in eine Gesellschaft, in der die Menschen nur noch 20 Stunden arbeiten werden.

Aber wenn die Arbeit wegfällt, dann haben die Menschen auch kein Einkommen mehr.

Genau. Da müssen wir uns etwas einfallen lassen. Das ist der ganz grosse Umbau. Wir haben uns ja auch vor 200 Jahren etwas einfallen lassen. Die erste industrielle Revolution hat alles verändert. Vorher waren die Leute grösstenteils Bauern. Und regiert haben Adel und Kirche. Und irgendwann regierte das Bürgertum. Irgendwann gab es eine Gewaltenteilung und ein Wahlrecht. Das ist alles erst mit der industriellen Revolution gekommen. Eine Wirtschaft, die sich auf Wandel, auf Veränderung, auf Fortschritt festgelegt hat, gab es früher nicht. Und genauso wird es jetzt wieder eine völlige Umwälzung dieser Art von Gesellschaft geben, die vor 200 Jahren entstanden ist.

Sie schlagen als Lösung das bedingungslose Grundeinkommen vor.

In unserer Leistungsgesellschaft ist einer, der arbeiten könnte und das nicht tut, ein Versager und gesellschaftlich stigmatisiert. Das können wir uns für die Zukunft nicht leisten, wenn Millionen Menschen in Westeuropa ihre Beschäftigung verlieren. Der Mensch sollte einen Grundbetrag bekommen und wenn er darüber hinaus etwas verdienen möchte, dann hat er die Möglichkeit, das zu tun. Wenn Sie Grundeinkommensempfänger sind, was eh jeder ist, dann sind sie nicht stigmatisiert. Die Frage ist: Was machen wir, wenn das bestehende System kollabiert? Und da kenne ich bislang kein anderes Konzept als das Grundeinkommen.

Die Schweiz hat über ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt. Das Volk hat es abgelehnt.

Ich war begeistert über die hohe Zustimmung. Aber die Krisensituation ist noch nicht da. Auch die Schweiz wird von der Arbeitslosigkeit erfasst werden, wenn Sie überlegen, wie viele Schweizer in Verwaltungen, bei Banken und Versicherungen arbeiten. Ich bin ziemlich sicher, dass auch die Schweiz ein Grundeinkommen einführen wird, wenn es ernst wird.

Sie kritisieren auch das Bildungssystem.

Das Grundeinkommen löst nicht alle Probleme. Wir müssen auch unser Bildungssystem radikal verändern, wir stehen auch da vor grossen Herausforderungen. Bislang bereitet das Bildungssystem einen darauf vor, in einen Rahmen reinzuschlüpfen, einen vorgefertigten Beruf. Und davon gibt es immer weniger. Es geht darum, die Leute zu befähigen, in einer neuen, veränderten, komplizierten Welt den eigenen Weg gehen zu können. Das ist die Aufgabe. Persönlichkeitsformung. Wir brauchen eine völlige Umwandlung des Bildungssystems. Wir brauchen Leute, die die Schule hungrig verlassen.

Digitalisierung bringt schnellere Transaktionen, weniger Papier, weniger Co2, Ressourcenbündelung. Das klingt vielversprechend. Welches sind die Gefahren?

Die mit Abstand wichtigste Frage der Digitalisierung ist nicht jene nach der Arbeit, sondern ob es uns gelingen wird, deutlich weniger Energie zu verbrauchen, die durch fossile Energieträger gewonnen wird. Sonst kriegen wir mit dem Klimawandel Probleme, derer wir nicht mehr Herr werden können. Bislang wird durch die digitale Revolution immer mehr Strom verbraucht. Immer mehr Menschen haben immer leistungsfähigere elektronische Geräte, die immer mehr Strom verbrauchen. Aber das Potenzial ist in der Digitalisierung enthalten. Dafür brauchen wir eine kluge Politik, die dafür sorgt, dass wir deutlich weniger Energie brauchen.

Kann eine Drohne, die eine Bluttransfusion oder die Post bringt, wirklich einen Menschen ersetzen?

Was der Mensch kann, die künstliche Intelligenz aber nicht: sich ernsthaft um jemanden zu kümmern, echte Emotionen haben, nicht nur etwas zu simulieren. Das ist eine Qualität, die erhalten bleibt. Empathieberufe werden einen regen Zulauf haben. Die werden bestehen bleiben und es werden auch neue entstehen. Kümmererberufe, es sind nicht IT-Berufe. Das Versprechen der künstlichen Intelligenz besteht darin, dass diese Maschinen mehr und mehr in der Lage sind, sich selbst zu programmieren. Wir brauchen nicht Millionen neue IT-Spezialisten, wir brauchen High-End-IT-Spezialisten. Die in der Spitze, nicht in der Breite.

Öffentliche Unternehmen wie SBB und Post schliessen viele Schalter. Sie sagen, dass der Bedarf abgenommen hat. Wann wird das kein Problem mehr sein? Immerhin kaufen ja viele ältere Menschen ihre Tickets nicht auf dem Handy.

Ich glaube, dass man auf viele ältere Leute keine Rücksicht nehmen wird. Da wird in Zukunft nur für spezielle Härtefälle jemand da sein. Die ganz alten Menschen haben keine Lobby, deshalb wird auf sie ab einem bestimmten Punkt keine Rücksicht mehr genommen. Das ist ein Spartensegment, da hat dann keiner etwas davon.

Welche Fehler machen Wirtschaft und Politik, wenn sie die Digitalisierung behandeln?

Sie behandeln sie nur als technisch-ökonomische Herausforderung. Aber es ist auch eine gesellschaftliche Herausforderung. Ich glaube, viele Leute haben nicht verstanden, dass es eine echte Revolution ist. Sie wissen es zwar, sie handeln aber nicht danach. Politiker haben Angst, Wähler zu verschrecken. Und deswegen flüchten sich viele Politiker darin, zu sagen: Ach, das wird schon nicht so grosse Veränderungen geben, obwohl sie es eigentlich besser wissen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Wer in zehn Jahren als Busfahrer seine Stelle verliert, weil die Busse dann automatisch fahren, kriegt doch nichts Neues mehr. Es entstehen zwar neue Beschäftigungsverhältnisse für Big-Data-Analysten, aber nicht für den Busfahrer. Und wir wollen nicht so tun, als ob wir da nicht in den nächsten 20 Jahren ein riesiges Problem kriegen.

Was wäre dann die Lösung?

Für den Busfahrer gibt es keine Lösung, die dazu führt, dass er eine adäquate Arbeit findet. Wichtig ist, für zwei Dinge zu sorgen: Die Leute müssen genug Geld in der Tasche haben und genug Pläne für den Tag. In der zukünftigen Arbeitswelt wird es wichtig sein, kreativ zu sein. Aber ich weiss, dass es Leute gibt, denen das alles nichts nützen wird, weil für sie nichts mehr da ist.

Für allem für Arbeitnehmer ab 50?

Wir produzieren sehr viele Frührentner. Wir werden eine Art Grundeinkommen bekommen, in fast allen westeuropäischen Ländern. Der Grund ist einfach: Im Augenblick ist es so, dass fast alle Länder ein Umlagesystem haben. Wer arbeitet, zahlt ein, in Renten und Krankenversicherungen, wer nicht mehr arbeitet, bekommt ausbezahlt. Die Leute, die nicht mehr arbeiten, werden immer älter und auf der anderen Seite werden immer weniger in die Sozialsysteme einzahlen, weil wir sehr viel Arbeit durch Maschinen ersetzen. Maschinen zahlen keine Sozialabgaben und Maschinen kaufen nichts. Wenn wir das nicht rechtzeitig angehen, kriegen wir riesige Probleme.

Müssen wir Angst haben vor der digitalen Revolution?

Angst hilft nicht weiter. Es gibt Leute, die bezeichnen mich als Angstmacher. Ich bin kein Panikmacher, weil ich glaube, dass die Gesellschaft durch die Digitalisierung nicht schlechter wird. Sondern dass wir rechtzeitig gute Konzepte und Antworten brauchen. Wenn sich die Ökonomie verändert, wenn sich die Technik verändert, müssen wir neue Antworten darauf finden.

Weshalb wartet man ab?

Weil man keine Antworten hat. Und weil man Angst hat, den Leuten Angst zu machen. In den letzten Jahrzehnten scheint das Erfolgsgeheimnis der Politik, zumindest in Deutschland, darin zu liegen, sich beliebt zu machen, damit man wiedergewählt wird.

Was würden Sie den Schweizer Politikern und Wirtschaftsvertretern empfehlen, im Hinblick auf die nächsten 20 Jahre?

Szenarien durchzuspielen, was man bei einer stark ansteigenden Arbeitslosigkeit macht. Sich ernsthaft mit dem Grundeinkommen zu beschäftigen. Mit diesem Konzept werden sich am Ende alle anfreunden.