Der Vorfall vom Sonntag macht Stefan Kalt, Direktor der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW), nachdenklich. Offenbar grundlos hat ein 36-jähriger Mann einen Buschauffeur attackiert und spitalreif geschlagen. 

Kalt sagt: «Glücklicherweise sind Fälle von Gewalt gegen Chauffeure oder Kontrolleure in unseren Bussen sehr selten.» Er kann sich an drei Fälle in seiner zehnjährigen Tätigkeit erinnern, wo es zu Verletzungen kam.

«Ich möchte den Fall vom Sonntag nicht verharmlosen, aber bei 50'000 Passagieren, die wir täglich befördern, sind wir froh, dass nicht mehr solche Probleme zu bewältigen sind», sagt Kalt.

Häufiger als tätliche Angriffe auf das Personal seien Beschimpfungen, Rempeleien und Pöbeleien. Kalt sieht darin einen Trend: «Wir stellen fest, dass die Uniform heute nicht mehr automatisch Respekt verleiht.»

Rollenspiele zur Ausbildung

Um der zunehmenden Respektlosigkeit zu begegnen, werden die RVBW-Angestellten regelmässig geschult. Dabei geht es konkret darum, wie man in kritischen Situationen reagiert und Gewaltvorfälle verhindert.

Eine solche Ausbildung dauert einen ganzen Tag und enthält auch Rollenspiele: «Direkt im Bus werden heikle Situationen nachgestellt, wir arbeiten mit Sicherheitsleuten und ehemaligen Polizisten zusammen, die Reaktion der Chauffeure und Kontrolleure wird dann gefilmt und ausgewertet», sagt Kalt.

So trainieren die RVBW ihre Chauffeure: Ausschnitte aus einem Gewaltpräventions-Kurs 2012.

So trainieren die RVBW ihre Chauffeure: Ausschnitte aus einem Gewaltpräventions-Kurs 2012.

Danach wird ihr Verhalten besprochen, und am Nachmittag werden sie erneut mit aggressiven Passagieren konfrontiert. «Das Ganze ist sehr realistisch und praxisnah, die Chauffeure müssen die Nerven behalten, auch wenn sie unter Druck stehen.»

Zudem hat das Transportunternehmen in jedem Bus Videokameras installiert. Damit wird der Innenraum überwacht, auch jede Türe ist im Blickfeld, ausserdem gibt es eine Kamera, die in Fahrtrichtung filmt.

«An den Haltestellen sind keine Kameras installiert, das wäre für uns als Firma nicht erlaubt, weil es sich um öffentlichen Raum handelt», erklärt Kalt. Er ergänzt: «Allenfalls könnte die Stadt Baden hier aktiv werden, aber die RVBW beschränkt sich auf die Videoüber-wachung im Innern unserer Busse.»

Sicherheitsleute in den Nachtbussen

Erwin Rosenast, Mediensprecher von AAR bus+bahn, dem Transportunternehmen in der Region Aarau, bedauert den Vorfall in Baden. «Wir stellen in unserem Gebiet zwar keine Zunahme von Gewalt fest, dennoch gibt es Probleme», sagt Rosenast.

Die gegenseitige Rücksichtnahme und Toleranz nehme eher ab, die Respektlosigkeit hingegen zu. AAR bus+bahn habe sowohl in den Bahnhöfen als auch in den Zügen vermehrt Videokameras installiert.

Verprügelter Buschauffeur hatte keine Chance

Verprügelter Buschauffeur hatte keine Chance

Der Chef des verletzten Fahrers beschreibt den Tatablauf anhand des Überwachungsvideos. Das Opfer wurde mit einem Schlag von hinten überrascht. Nebst Prellungen erlitt er eine Gehirnerschütterung.

«Alle unsere Busse sind mit Videokameras ausgerüstet, die Nachtbusse werden zudem durch Sicherheitspersonal begleitet», hält Rosenast fest. In internen Schulungen werde das Personal der Transportfirma laufend sensibilisiert.

Auch bei Regionalbus Lenzburg kommt es sehr selten zu tätlichen Übergriffen. «Zum Glück ist das so», sagt Geschäftsführer René Bossard.

Am stärksten gefährdet seien nicht die Chauffeure, sondern das Kontrollpersonal. «Es kommt vor, dass Kontrolleure angespuckt oder angerempelt werden», sagt der Geschäftsführer. Zudem würden sie immer wieder von aggressiven Passagieren beleidigt und mit Kraftausdrücken eingedeckt.

«Die verbale Gewalt hat im Vergleich zu früher zugenommen», stellt Bossard fest. Das Personal sei angehalten, in solchen Situationen ruhig zu bleiben. «Es ist aber menschlich, dass ein Kontrolleur oder Chauffeur auch einmal laut wird», sagt Bossard.

Kurse wie für angehende Polizisten

«Wir haben in den letzten Jahren keine Zunahme von Gewalttaten gegen unser Personal festgestellt und sind im Aargau glücklicherweise von einem Vorfall wie jetzt in Baden verschont geblieben», sagt Urs Bloch, Mediensprecher bei Postauto Schweiz.

Bus-Chauffeur in Baden spitalreif geschlagen

Bus-Chauffeur in Baden spitalreif geschlagen

Offenbar grundlos prügelt ein 36-jähriger Schweizer wie von Sinnen auf einen Busfahrer ein. Auch gegen die Verhaftung wehrt sich der Täter wenig später mit Händen und Füssen.

Dennoch seien Gewalt und Aggressionen auch bei Postauto ein Thema. Bloch stellt fest, dass «gewisse Hemmschwellen im Verhalten von einzelnen Personen» gesunken sind. Wenn die Fahrerinnen und Fahrer der Postautos mit solchem Verhalten konfrontiert würden, handle es sich fast immer um verbale Gewalt.

Postauto Schweiz bietet eine Schulung für Chauffeure an, in der sie lernen, in solchen Situationen richtig zu reagieren und deeskalierend zu handeln. «Der Kurs hat gleiche Inhalte wie die Kurse für angehendes Polizeipersonal», erklärt Bloch.

Drohung wird polizeilich verfolgt

Neben der Schulung des Fahrpersonals gibt es bei Postauto weitere Massnahmen. So ist ein Hinweis auf das Personenbeförderungsgesetz gut sichtbar aufgehängt. Dieser erklärt, dass Gewalt und Drohung gegen das Fahrpersonal von Amtes wegen polizeilich verfolgt werden.

Bei der Postauto-Station Baden und bei den Busterminals Brugg gibt es eine Videoüberwachung. «Auch unsere Fahrzeuge, die am Abend und in der Nacht unterwegs sind, sind mit Kameras ausgerüstet», sagt Bloch.

Schliesslich gibt es in Baden und Brugg Sicherheitspatrouillen, die im Auftrag von Postauto bei den Haltestellen an den Bahnhöfen präsent sind. «Dieses Sicherheitspersonal tauscht sich mit unseren Fahrern aus und begleitet bei Bedarf auch mal einen Postauto-Kurs», erläutert Bloch.

Doch was soll ein Passagier tun, wenn er Zeuge eines Übergriffs wird? Urs Bloch rät, den Vorfall der Polizei oder dem Sicherheitspersonal zu melden. Ansonsten seien generelle Ratschläge schwierig. «Wichtig ist, dass sich die Fahrgäste durch ihr Handeln nicht selbst in Gefahr bringen», betont Bloch.