Salam Isakov erscheint leicht verspätet zum Gespräch in der Cafeteria, entschuldigt sich und erklärt, er habe immer noch ein wenig Mühe, sich im Gewirr der verschiedenen Standorte zurechtzufinden. «In Tschetschenien war die Uni in einem einzigen Gebäude, hier sind die Vorlesungen in der ganzen Stadt verteilt.» Der 37-Jährige aus Nussbaumen ist erst seit drei Wochen Student an der Universität Zürich. In seiner früheren Heimat hat er einen Bachelor-Abschluss in Strafrecht. In seiner neuen Heimat hat er einen ersten Stundenplan – und zu kämpfen mit der fremden Sprache. Vor drei Jahren musste er mit seiner Familie aus dem kriegsgebeutelten Tschetschenien fliehen. In jenes «herrliche Land», das er seit seiner Kindheit schätze, weil ihm damals das Schweizerische Rote Kreuz sehr geholfen habe, wie er sagt.

20 Flüchtlinge, 7 Länder

Isakov ist einer von zwanzig Flüchtlingen, die während knapp vier Monaten an einem Schnuppersemester teilnehmen. Acht Frauen und zwölf Männer aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Iran, Palästina, Simbabwe – und eben Tschetschenien wurden aus 79 Bewerbern ausgesucht. Als Gasthörer dürfen sie jene Vorlesungen besuchen, die sie interessieren. Das heisst: keine Studiengebühren, keine Prüfungen, aber auch kein Abschluss.

Das Ziel des kürzlich gestarteten Pilotprojekts: Die Teilnehmer sollen einen Eindruck erhalten, was von Studenten in der Schweiz erwartet wird, wie ihr Alltag aussieht. Wollen sie nach dem Schnuppersemester regulär studieren, müssen sie sich wie alle anderen auch um einen Platz bewerben und die Bedingungen für die Zulassung erfüllen. Projektleiterin Sara Elmer sagt: «Es werden wohl nicht alle 20 danach ein Studium beginnen. Aber das Schnuppersemester soll helfen, sich gezielt auf eine Zulassung vorzubereiten.»

Beliebt sind bei den Flüchtlingen Wirtschaft, Englisch, Bio und Recht. Unterstützung erhalten die Schnupperstudenten von Mentoren, die das gleiche Fach studieren. Nadia Qadire ist eine davon. Die St. Gallerin studiert im vierten Jahr Rechts- und Politikwissenschaften. Nach den ersten drei Wochen als Mentorin von Salam Isakov sagt sie: «Es läuft gut.» Wie ein Buch ausleihen? Wo lernen? Wie die richtigen Vorlesungssäle finden? Offene Fragen gibt es genug. Qadire weiss aus eigener Erfahrung, wie schwierig es für Neulinge an der Uni ist, den Überblick zu behalten. «Ich war selbst recht überfordert.» Sie hilft, wo sie kann – so wie vorhin, als sie ihm am Telefon den Weg zur Cafeteria erklärt hat. Salam Isakov ist dankbar für die Unterstützung seiner Mentorin: «Sie hat mir sehr geholfen.»

Die erste Herausforderung: der Vorlesungsplan. Dort sind am Dienstagvormittag, um 10.15 Uhr Grundrechte aufgeführt. Thema der Vorlesung: Polizei und Menschenrechte. Isakov sitzt in der zweitvordersten Reihe, fällt mit schwarzem Hemd und Bart unter seinen Mitstudenten nicht auf. Weil seine Mentorin Veranstaltungen auf Bachelor-Stufe, er aber Master-Vorlesungen besucht, ist er hier auf sich allein gestellt. Neben ihm sitzt eine Studentin, die ihm zwischendurch hilft und die entsprechenden Passagen in den Unterlagen zeigt, von Zeit zu Zeit schaut er rüber auf ihre Notizen. Vorne spricht die Dozentin über die Verhältnismässigkeit, die beim Einsatz von polizeilichen Zwangsmitteln eingehalten werden muss. Schutzpflichten, Gewährleistungspflichten, Einschränkbarkeit – die juristischen Fachbegriffe sind nicht leicht zu verstehen. Salam Isakov hört angestrengt zu, macht sich eifrig Notizen.

Projekt mit ungewissem Ausgang

In der Pause sagt er: «Ich schreibe alle Begriffe auf, die ich nicht verstehe, schaue sie zu Hause nach und lerne sie auswendig.» Russisch kennt er all diese Wörter, weil er damals auf Anraten seiner Mutter in Tschetschenien ein Jus-Studium begann, Deutsch hingegen hören sich viele davon immer noch fremd an. Auch wenn er sagt, er verstehe bereits deutlich mehr als ganz zu Beginn des Semesters, muss er sich eingestehen: «Ich brauche noch mehr Zeit, um Deutsch zu lernen.» Der Vorlesung zu folgen ist nicht leicht. Dennoch fährt er Tag für Tag nach Zürich an die Uni. Daneben besucht er Deutschkurse in Baden. Sein Ziel: Sprachniveau C1. Das wird benötigt, um für ein Studium zugelassen zu werden. Im Herbst würde Isakov gerne damit beginnen. «Es wäre wunderbar, wenn ich studieren könnte.»

Ob sein Wunsch in Erfüllung geht und ob allenfalls auch Teile seines tschetschenischen Studiums angerechnet werden, ist unklar. Die Zulassungsstelle prüfe alle Fälle einzeln gemäss ihren Richtlinien, sagt Sara Elmer. Einen erleichterten Zugang zum Studium verschafft den Flüchtlingen das Schnuppersemester nicht. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof erzählt Salam Isakov von seinen drei Kindern. Ihnen möchte er ein Vorbild sein. Bevor er in den Zug zurück nach Baden steigt, sagt er: «Geht es ihnen gut, geht es auch mir gut.» Auch deshalb will er lieber nicht über die Zustände in der alten Heimat sprechen, er sorgt sich um ihre Sicherheit.