Wasserversorgung
Ringleitung für Trinkwasser: Gemeinden haben Bedenken, Projekt wird überarbeitet

Gemeinden im Reuss- und Bünztal haben Vorbehalte, weil sie ihre Quellfassungen und Pumpwerke teilweise in eine Aktiengesellschaft einbringen müssten.

Toni Widmer
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2015 musste Tägerig noch im Dezember täglich bis zu 100'000 Liter Trinkwasser von Mellingen beziehen, weil der ausbleibende Regen die Quellen ausgetrocknet hatte.

2015 musste Tägerig noch im Dezember täglich bis zu 100'000 Liter Trinkwasser von Mellingen beziehen, weil der ausbleibende Regen die Quellen ausgetrocknet hatte.

KEYSTONE

Kaum hält eine trockene Schönwetterperiode im Aargau über eine längere Zeit an, mahnen die ersten Gemeinden präventiv zum sparsamen Wasserverbrauch. So geschehen vor einer Woche. Mit dem Regen hat sich die Lage wieder entspannt. Einerseits haben sich die Wasserfassungen erholt und anderseits ist der Wasserverbrauch gesunken, weil nicht mehr jeden Abend in allen Gärten bewässert werden muss.

Im Bünz- und Reusstal zeigen sich bei anhaltender Trockenheit seit Jahren in verschiedenen Gemeinden erhebliche Versorgungslücken. 2015 beispielsweise musste Tägerig noch im Dezember täglich bis zu 100'000 Liter Trinkwasser von Mellingen beziehen, weil der ausbleibende Regen die Quellen ausgetrocknet hatte. Auch in Sarmenstorf vermochten diese im Juni 2017 den Wasserbedarf nicht mehr vollumfänglich zu decken. Die Gemeinde hat für solche Fälle zum Glück vor Jahren vorgesorgt und konnte pro Tag bis zu 500 m3 von der IB Wohlen beziehen, mit der sie nach den negativen Erfahrungen im Hitzesommer 2003 einen Wasserverbund eingerichtet hat.

IB Wohlen seit Jahren Nothelfer

Die IB Wohlen ist nicht nur für die Sarmenstorfer ein willkommener Nothelfer. Auch andere Gemeinden beziehen in trockenen Zeiten seit Jahren Wasser ab der Leitung, über die Wohlen seit den 60er-Jahren den grössten Teil seines Bedarfs aus dem schier unerschöpflichen Grundwasservorkommen im Gebiet Lenzhard in Niederlenz bezieht. Weil die Nachfrage aufgrund der anhaltenden Bevölkerungsentwicklung in der Region weiter steigt und auch, weil in Zukunft wegen der klimatischen Bedingungen vermehrt mit längeren Trockenperioden zu rechnen ist, hat die IB Wohlen die Vision «Wasser 2035» entwickelt. In einer Studie kamen die Waldenburger Ingenieure zum Schluss, dass 2035 im Bünz- und Reusstal sowie in den angrenzenden Gebieten an Spitzentagen mit einem Defizit von gegen 8 Millionen Liter Trinkwasser zu rechnen ist – pro Tag! 2050 dürften in Trockenperioden sogar bis zu 22 Millionen Liter fehlen, wenn die Versorgungen nicht ausgebaut werden. Die Lösung sieht die IB Wohlen in einer Ringleitung, die vom Pumpwerk Lenzhard II durch das Bünz- und Reusstal führt (Grafik links). Das Vorkommen in der Kantonsmitte würde ausreichen, um den zusätzlichen Bedarf zu decken. Willkommener Nebeneffekt einer Ringleitung wäre eine deutliche Erhöhung der Versorgungssicherheit.

Erstes Projekt nicht umsetzbar

Die Region zeigte sich interessiert. 23 Gemeinden und zwei Wasserverbände waren mit der Weiterverfolgung der Idee zum konkreten Projekt einverstanden. Im Juni 2017 hat die IB Wohlen AG ein solches präsentiert und bei den Gemeinden in die Vernehmlassung geschickt. Mit mässigem Erfolg, wie die jetzt vorliegende Auswertung der Rückmeldungen zeigt.

«Das Projekt ‹Wasser 2035› kann in der von uns aufgezeigten Form nicht realisiert werden, weil es nicht in allen Gemeinden auf Gegenliebe stösst. Wir werden jetzt Alternativen suchen und prüfen, ob eine modifizierte Variante Chancen auf eine Realisierung hat», erklärt Peter Lehmann, der Vorsitzende der IB-Wohlen-Geschäftsleitung. Hauptgrund für die Ablehnung des Konzepts, so Lehmann weiter, sei die geplante Organisationsform. Vorgesehen war, eine Aktiengesellschaft zu gründen, welche die Ringleitung bauen und betreiben würde.

Dazu hätten die beteiligten Gemeinden ihre Anlagen wie Wasserfassungen und Pumpwerke teilweise in diese Aktiengesellschaft überführen müssen. «Betriebswirtschaftlich gesehen, wäre das die ideale Lösung gewesen», sagt Lehmann. Gerechnet worden war mit Kosten von rund 15 Mio. Franken für die Übernahme der Anlagen und weiteren 35 Millionen für den Ausbau des Ringsystems bis 2035. Mehreren Gemeinden ging das zu weit, sie wollen mit ihren Wasserversorgungen weiter autonom bleiben. Der geplanten Ringleitung stehen sie jedoch weiterhin positiv gegenüber.

So bleibt denn auch für den IBW-Chef das Projekt aktuell: «Wir haben gewusst, dass wir mit dieser Organisationsform ein hehres Ziel angestrebt haben. Jetzt gilt es, nach Alternativen zu suchen und abzuklären, wie die Ringleitung dennoch gebaut und betrieben werden kann.» Von ihrer Notwendigkeit ist er überzeugt: «Der Wasserbedarf steigt weiter und damit auch der Druck auf die Gemeinden, die Versorgung jederzeit sicherzustellen.»