Busbetrieb Aarau
Regionalbus-Direktor Mathias Grünenfelder: «Wir haben ein Problem mit Verspätungen»

Im Interview spricht AAR-Direktor Mathias Grünenfelder über verstopfte Strassen und die Konkurrenz der Velofahrer. Ausserdem gibt er eine erste Prognose für das Jahr 2016 bekannt.

Urs Helbling
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«Das Schlimmste ist der Fussgängerübergang beim McDonald’s»: Aar-Direktor Mathias Grünenfelder.

«Das Schlimmste ist der Fussgängerübergang beim McDonald’s»: Aar-Direktor Mathias Grünenfelder.

Chris Iseli

Herr Grünenfelder, 2015 musste der Busbetrieb Aarau einen Frequenzrückgang von 6,8 Prozent hinnehmen. Haben Sie im Jahr 2016 erneut weniger Fahrgäste?

Mathias Grünenfelder: Wir sind bisher auf Kurs und rechnen damit, bis Ende Jahr die Frequenzen von 2014, also den Wert vor dem Einbruch, in etwa zu erreichen. Vielleicht noch nicht ganz.

Also gab es gegenüber 2015 keine weitere Abnahme.

Ganz sicher nicht – aber auch keine generelle Trendumkehr. Wir bewegen uns im Rahmen der Schwankungen. So hat nicht jedes Jahr gleich viele Feiertage – das alleine kann ein bis zwei Prozent ausmachen.

Und das Wetter?

Es wird je länger, je wichtiger. Schlechtes Wetter ist gut für die Frequenzen, da vermehrt Velofahrer den Bus benutzen. Im Frühling 2016 war es deutlich feuchter als in der Vorjahresperiode.

Und die Preise?

Es dürfte eine Rolle spielen, dass wir im Dezember 2015 keine Tariferhöhung hatten. Die nächste kommt im Dezember 2016. Innerhalb des Tarifverbundes A-Welle. Keine Aufschläge gibts bei den Kurzstrecken.

Der Busbetrieb Aarau hat ein Verspätungsproblem. Wie ist die Situation im Moment?

Ja, wir haben ein Verspätungsproblem. Wir sind in der Abendspitze regelmässig zu spät. Vor allem auf der Linie 1, aber auch auf den Linien 3, 5 und 7. Wir werden zu oft von Hindernissen gebremst. Zum Teil sind diese Initialstörungen nur sehr klein, die Auswirkungen aber verbreiten sich auf das ganze Netz. Diese Woche ist beispielsweise der Graben wegen des MAG für uns nicht passierbar. Das verursacht zwei Minuten mehr Fahrzeit. Derartige Ereignisse werden immer häufiger.

Was ist das Problem bei der Linie 1 (Richtung Buchs)?

Wie die az geschrieben hat, geht es um Abschnitte mit Busbevorzugung auf der Buchserstrasse. Wir nehmen mit Bedauern zur Kenntnis, dass dieses Projekt zeitlich wieder nach hinten geschoben wurde. Von ursprünglich 2017 auf mittlerweile 2020. Aber: Mit dem heute vorliegenden Bau- und Gestaltungskonzept der Buchser- und Tramstrasse sind wir happy und zufrieden.

Hat es nicht einfach zu viel Verkehr auf den Aarauer Strassen?

Das Aarauer Verkehrssystem ist relativ labil. Es braucht wenige Initialstörungen und schon kippt es. Ich verspreche mir einiges vom Verkehrsmanagement-System Aarau und Umgebung.

Konkret?

Es wird nur so viel Verkehr in die Stadt gelassen, wie dort flüssig bewältigt werden kann. Das heisst, wir haben noch Möglichkeiten, auf elektronischem Weg etwas Kapazitäten zu schaffen.

Wie würde der Bus profitieren?

Man müsste bei den Prioritäten etwas schrauben. Die einzelnen Lichtsignalanlagen begännen miteinander zu kommunizieren. Ein Bus, der aus dem Bahnhofplatz ausfährt, könnte etwa über die Kasinostrasse hinaus durchfahren.

Wann kommt das?

Die ersten Massnahmen werden zurzeit am Kreisel Gais realisiert. 2020 käme dann die Pförtneranlage an der Tramstrasse dazu – analog zu den bestehenden Pförtnern an der Distelberg- und Schönenwerderstrasse.

Sprechen wir von der Bahnhofstrasse: Manchmal hat man den Eindruck, der Bus stehe sich selber im Weg. Etwa, wenn er die Bahnhofstrasse quert um den Bahn-
hofplatz zu erreichen und so den Verkehrsfluss auf der ganzen Strasse blockiert.

Der Eindruck täuscht. Auch hier spielt mangelhafte Steuerung eine Rolle. Wer die Situation beim Bahnhofplatz beobachtet, sieht Phasen, in denen der ganze Verkehr steht. Man fragt sich, weshalb niemand fährt. Und irgendwann stellt man fest, ein linksabbiegender Velofahrer hatte grün. Doch der hat sich – bevor es grün wurde – durch den Verkehr geschlängelt. Da liegt in der Steuerung schon noch etwas drin.

Aber es bleibt dabei: Die BBA-Busse queren die Bahnhofstrasse.

Natürlich. Und wir mussten die Räumungszeiten erhöhen, weil wir auf dem Platz nicht das ursprünglich geplante Verkehrsregime erhielten. Wir wollten auch breitere Perrons. Immerhin schaffen wir es häufig, dass in einer Grünphase bis zu vier Busse gleichzeitig ausfahren.

Was stört Sie am meisten auf der Bahnhofstrasse?

Das Schlimmste ist der Fussgängerübergang zwischen dem McDonald’s und der Haltestelle Kunsthaus. In den Spitzenzeiten kommen die Busse nicht einmal mehr vom Bahnhofplatz weg, weil es wegen dieses Fussgängerstreifens zurückstaut.

Was schwebt Ihnen vor?

Wir befinden uns noch immer in der Phase eines Versuchsbetriebs. Diese begann, als im Sommer 2014 die nordseitige Busspur entfernt und der Mehrzweckstreifen in der Strassenmitte markiert wurde. Jetzt sollte die Bahnhofstrasse eigentlich definitiv neu gestaltet werden.

Sollte?

Auch dieses Umgestaltungsprojekt verzögert sich auf die Zeit um 2020. Der Kanton hat die Prioritäten wegen fehlender Gelder verändert.

Was streben Sie an?

Eine Verschiebung der Haltestelle Kunsthaus sowohl auf der Seite Swisscom als auch Manor. Und zwar Richtung Osten – damit die Haltestelle in die Gerade zu liegen kommt. Gleichzeitig könnten die Perrons auf 22 Zentimeter erhöht werden.

Warum?

Wegen des Behindertengleichstellungsgesetzes müssen die Strasseneigentümer – nicht wir Busbetreiber – die Haltestellen bis 2023 behindertengerecht ausgestalten.

Und die Fussgänger?

Ich rege an, die heutigen Fussgängerstreifen bei der Kasinostrasse und beim MacDonald’s in der Mitte zusammenzulegen und mit einer Lichtsignalanlage auszurüsten.

Beim Kampf um die Verkehrsfläche sind zunehmend die Velofahrer Ihre Konkurrenten.

Wenn es hart auf hart geht, geniesst in der heutigen Aarauer Verkehrspolitik das Velo Priorität. Dazu kommt, dass mit dem E-Bike-Boom die Anzahl Velos gestiegen ist. Auch bezüglich des Einzugsgebiets. Das merken wir beim Busbetrieb auch im Bereich der gefahrenen Personenkilometer. Wir verlieren vermehrt auf grösseren Distanzen.

Fühlen Sie sich manchmal von den Verkehrsplanern im Stich gelassen?

Ich akzeptiere, dass es unterschiedliche Bedürfnisse und Sichtweisen gibt. Aber manchmal wünschte ich mir etwas mehr Engagement zugunsten des Busses. Es sind weniger die Verkehrsingenieure als die Verkehrspolitiker, die die Prioritäten etwas anders setzen müssten.

Man hat den Eindruck, Sie hätten eine hohe Personalfluktuation. Tun Sie sich schwer, geeignete Chauffeure zu finden?

Wir werden dieses Jahr eine Fluktuation von knapp zehn Prozent haben. Davon sind die Hälfte Pensionierungen. Wir haben bei den Buschauffeuren im Moment kein Rekrutierungsproblem. Wir haben Wartelisten. Und wir haben auch kein Lohnproblem: Das hängt damit zusammen, dass wir uns als Aar Bus&Bahn traditionell stärker an der Bahn orientieren. So erhalten auch unsere Chauffeure ein GA – es sei denn, sie wollen aus Steuergründen darauf verzichten.

Gibt es vermehrt aggressives Verhalten gegenüber Ihrem Personal?

Das kann man nicht sagen. Aber wir haben einzelne Fälle. Dieses Jahr erhielt einer unserer Chauffeure einen Faustschlag.

Und wie ist es mit den Schwarzfahrern?

Die Schwarzfahrerquote ist auf einem tiefen Niveau stabil. Die «A-Welle» gibt eine Quote von 2 Prozent vor. Wir liegen mit 1,8 Prozent darunter. Asylbewerber sind kein Problem. Sie fallen nicht mehr auf als andere Kunden.

Verwaltungsratspräsident Peter Forster sprach im Frühling von einer weiteren Busbeschaffung. Was planen Sie zu kaufen?

Der Verwaltungsrat hat das Go für eine baldige Ausschreibung gegeben. Wir möchten unsere Gelenkbus-Flotte um zusätzliche fünf Fahrzeuge erweitern. Für die Linien 1 und 2. Dazu kommen – als Ersatzbeschaffung – zwei spezielle Normalbusse mit bis zu 42 Sitzplätzen. Für Extrafahrten und für den Einsatz in Richtung Barmelweid. Diese Busse haben Sicherheitsgurte. Insgesamt geht es um ein Beschaffungsvolumen von rund vier Millionen Franken.

Die IBAarau steigt in die Wasserstoff-Produktion ein. Sind Wasserstoff-Busse für die BBA ein Thema?

Nein, aber Elektromobilität, basierend auf Batterien. Da beobachten wir die Entwicklung sehr aufmerksam. Bei der anstehenden Gelenkbus-Beschaffung muss noch geklärt werden, ob wir Diesel- oder Hybridbusse beschaffen. Zurzeit testen wir zwei Gelenkbusse mit Hybrid-Technologie. Die Erfahrungen sind nicht schlecht. Aber die Wirtschaftlichkeit ist das Problem. Der Dieselpreis ist im Moment zu tief. Doch wer kann verlässlich sagen, wie sich der Dieselpreis in den nächsten zwölf Jahren entwickeln wird?