«Ich habe mir zuerst nichts gedacht, als er mich bei der Nackentherapie auch vorne am Oberkörper berührte», sagte Andrea. Die junge Frau war bei Physiotherapeut David (alle Namen geändert) in Behandlung, weil sie unter Rückenproblemen und Verspannungen im Halsbereich litt. «Doch dann ist es passiert: Er hat mich am Hals gehalten, mich auf den Mund geküsst und mir an die Brüste gefasst», erzählte sie bei der Befragung durch Einzelrichter Daniel Peyer weiter. Sie habe die Hand des Physiotherapeuten von ihrem Hals weggedrückt, sei von der Behandlungsliege aufgestanden und habe ihm eine Ohrfeige verpasst.

David habe sich bei ihr entschuldigt und ihr gesagt, es tue ihm leid, er habe sich nicht professionell verhalten – das ist Andreas Version der Geschichte, die sich im Sommer 2018 zugetragen hatte.

Der erste derartige Vorwurf

«Das stimmt alles nicht», entgegnete David mit Nachdruck, als ihn Einzelrichter Peyer mit den Vorwürfen seiner ehemaligen Patientin konfrontierte. Diese hatte gegen den Physiotherapeuten eine Anzeige eingereicht, die Staatsanwaltschaft verurteilte David später per Strafbefehl zu einer Busse von 500 Franken. Dagegen wehrte sich der Physiotherapeut, der seine Ausbildung im Ausland gemacht hat und erst seit rund zwei Jahren in der Schweiz arbeitet, vor Gericht vehement.

Er sei in seiner zwölfjährigen Karriere als selbstständiger und angestellter Physiotherapeut nie mit solchen Vorwürfen konfrontiert worden, sagte David. Er würde nie so etwas tun, sagte der heute 38-Jährige, zumal ihm klar sei, dass er bei einer Verurteilung wegen sexueller Belästigung seine Berufsbewilligung und damit seine Karriere riskieren würde.

«Nur versehentlich berührt»

Einzelrichter Peyer wollte von David im Detail wissen, wie seine Behandlungen normalerweise ablaufen und wie dies bei der Therapie von Andrea gewesen sei. Der Physiotherapeut erklärte, erst liege die Patientin auf dem Bauch, er lockere und massiere ihre Rückenmuskulatur. Für die darauf folgende Nackentherapie habe sich Andrea auf den Rücken gedreht, wobei sie stets ein T-Shirt oder einen BH getragen habe, sagte David auf Nachfrage.

Er habe bei der Nackenmassage mit beiden Händen ihren Kopf gehalten, diesen nach links und rechts rotiert und leicht nach hinten gezogen, um die Verspannungen zu lösen, erläuterte der Therapeut weiter. Dabei sass David seitlich hinter der Patientin und rutschte mit den Händen bei einer Drehbewegung leicht ab, wie er sagte. «Ich habe mit meinen Lippen oder meiner Wange aus Versehen ihr Gesicht berührt, mich sofort entschuldigt und gefragt, ob alles okay sei», berichtete der Therapeut.

«Absichtlich und gezielt»

Andrea habe geantwortet, alles sei in Ordnung, er habe die Therapie danach normal zu Ende geführt, sie hätten sich verabschiedet und mit einem «High Five» abgeklatscht, sagte David. Andrea widersprach und sagte, der Therapeut sei nicht abgerutscht, sondern habe sie gezielt geküsst und ihr absichtlich an die Brüste gefasst. «Ich hatte die Augen geschlossen während der Therapie, hätte nie mit so was gerechnet und stand zuerst völlig unter Schock.»

Sie sei aus der Praxis gestürmt und habe später die Besitzerin angerufen. Diese habe ihr angeboten, die Sache aussergerichtlich zu regeln – «doch das wollte ich nicht», sagte Andrea. Es gehe ihr nicht um Geld, sagte die Klägerin, die auch vor Gericht keine finanzielle Forderung stellte. Aber sie könne das Verhalten des Physiotherapeuten nicht akzeptieren und wolle dafür sorgen, «dass so etwas nie wieder passiert».

Aussage gegen Aussage

Davids Verteidiger verlangte einen Freispruch für seinen Mandanten. Es stehe Aussage gegen Aussage, objektive Beweise gebe es keine, das Verhalten und die Angaben der Klägerin enthielten Ungereimtheiten. Es sei zum Beispiel nicht geklärt, ob die Kratzer am Hals der Patientin von David stammten.

Dieser habe freiwillig eine DNA-Probe abgegeben, die Staatsanwaltschaft habe dies nicht untersucht. Andrea räumte ein, es sei möglich, dass sie sich selber gekratzt habe – beim Versuch, Davids Hand von ihrem Hals zu entfernen.

Einzelrichter Daniel Peyer sprach den beschuldigten Physiotherapeuten schliesslich frei. Der Fall sei nicht ganz klar, die Aussagen der Patientin enthielten keine Übertreibungen und es sei kein Motiv ersichtlich, warum sie die Geschichte erfunden haben könnte. Andererseits habe sich der Therapeut selber belastet, als er eine Berührung zugegeben habe.

Zudem wäre es unvernünftig und damit sehr unwahrscheinlich, dass der Therapeut einen Übergriff bei offener Praxistür in Räumen verüben würde, die jederzeit jemand betreten könne. «Insgesamt reicht das einfach nicht für einen Schuldspruch», sagte Peyer zum erleichterten David.