Pandemie
Ohne Bundesrat wäre in Aargauer Beizen nicht um 19 Uhr Schluss – dafür Casinos und Erotikbetriebe strikter zu

Am Freitagnachmittag hat der Bundesrat an einer Medienkonferenz die neuen, landesweit geltenden Regeln bekanntgegeben. Der Aargauer Regierungsrat begrüsst die Massnahmen. In gewissen Bereichen wäre der Aargau aber weiter gegangen; in anderen weniger weit.

Noemi Lea Landolt
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GALLATI CORONA INTERVIEW_009 (1)

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Henry Muchenberger

Der Bundesrat hat am Freitag über die verschärften Massnahmen informiert, die bereits ab diesem Samstag gelten. Unter anderem hat er Sonntagsverkäufe verboten und eine Sperrstunde zwischen 19 und 6 Uhr verfügt. Läden, Märkte, Museen, Bibliotheken sowie Sport- und Freizeitanlagen müssen auch an Sonn- und Feiertagen geschlossen bleiben. Restaurants und Bars hingegen dürfen auch an Sonn- und Feiertagen bis 19 Uhr geöffnet sein. Für die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember und die Silvesternacht gilt die Sperrstunde erst ab 1 Uhr morgens.

Der Aargauer Regierungsrat begrüsst die national einheitlichen Regeln. Man habe Verständnis, dass aufgrund der sehr hohen und teilweise immer noch steigenden Ansteckungszahlen einschneidende Beschränkungen notwendig seien. Vorerst verschärft oder ergänzt der Kanton Aargau die Massnahmen des Bundes nicht.

Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati sagt:

Wir begrüssen schweizweit einheitliche Regeln. Ein Flickenteppich, wie wir ihn immer wieder hatten, ist nicht sinnvoll.

Gegen eine Verschärfung hat sich der Regierungsrat auch entschieden, weil der Bundesrat bereits am kommenden Freitag eine neue Lagebeurteilung vornehme und allenfalls weitere Anpassungen beschliessen werde. Trotzdem behält sich Gallati vor, die Massnahmen zu verschärfen, wenn es die Situation erfordert: «Das hängt von den Kapazitäten der Spitäler und des Contact-Tracings ab.»

Sperrstunde 19 Uhr hätte es ohne Bundesrat nicht gegeben

Ursprünglich wollte der Regierungsrat am Donnerstag über neue kantonale Massnahmen informieren. Der Bundesrat ist ihm zuvorgekommen. Gallati sagt, in gewissen Bereichen, zum Beispiel bei den Menschenansammlungen im öffentlichen Raum oder bei den Casinos und Erotikbetrieben wäre der Aargau wohl weiter gegangen als der Bund. Aber, so Gallati:

In der Gastronomie hätten wir die Sperrstunde aber eher nicht auf 19 Uhr vorverschoben.

Der Bundesrat erlaubt Kantonen mit einer günstigen epidemiologischen Entwicklung, die Sperrstunde auf 23 Uhr auszuweiten. Voraussetzung dafür ist, dass der Reproduktionswert während mindestens sieben Tagen unter 1 und die 7-Tages-Inzidenz während mindestens sieben Tagen unter dem Schweizer Durchschnitt liegt. Zudem müssen genug Kapazitäten im Contact-Tracing und im der Gesundheitswesen vorhanden sein. Will ein Kanton die Sperrstunde ausweiten, muss er sich zudem mit den Nachbarkantonen absprechen.

Keine Lockerung der Sperrstunde vor dem neuen Jahr

Im Aargau kommt eine solche Ausweitung wegen der aktuellen Zahlen im Moment nicht infrage. Der Reproduktionswert liegt bei 1,02. 100 infizierte Personen stecken also 102 weitere an. Auch die 7-Tage-Inzidenz liegt mit 332 Ansteckungen pro 100000 Einwohner über dem Schweizer Durchschnitt von 315,2.

Die Regierung schreibt denn auch, dass bis Ende Jahr nicht damit zu rechnen sei, dass der Aargau diese zwei Werte unterschreiten werde. Trotzdem findet er die Ausnahmebestimmung «sinnvoll und zweckmässig». Gallati sagt: «Die Bestimmung ist wohl eine Konzession gegenüber den Westschweizer Kantonen. Aber vielleicht ist es für die betroffene Branche ein Hoffnungsschimmer.»

Die neuen Massnahmen treffen neben der Gastronomie auch die Veranstaltungs- und Kulturbranche sowie Freizeit und Sport. Deshalb begrüsst der Regierungsrat, dass der Bundesrat das Härtefallprogramm um 1,5 Milliarden Franken auf 2,5 Milliarden Franken aufstockt. Er beantragt zudem, bei Bedarf die Anspruchsvoraussetzungen anpassen zu können. Die Regierung werde prüfen, ob es ergänzend zu den Bundeshilfen auch weitere finanzielle Massnahmen auf kantonaler Ebene brauche.

Die Zahl der Covid-Patienten ist um 30 Prozent gestiegen

Die Lage im Aargau ist weiterhin angespannt. Am Freitag meldete der Kanton 463 Neuansteckungen für den Vortag. Am Mittwoch wurden 503 Neuansteckungen registriert – ein neuer Negativ-Rekord. «Diese Fallzahl kann einem neuen, ansteigenden Trend oder aber einer Tagesschwankung entsprechen», schreibt der Kantonsärztliche Dienst in seinem wöchentlichen Bulletin.

Die Durchhaltefähigkeit des Gesundheitswesens sei aktuell aber gegeben. Am Donnerstag wurden 189 Covid-Patienten in den Spitälern behandelt. 33 lagen auf der Intensivstation. Im Vergleich zum Donnerstag vor einer Woche ist die Zahl der Patientinnen auf der Bettenstation um 30 Prozent gestiegen. Jene auf der Intensivstation um 13 Prozent gesunken.

Vergangene Woche sind im Aargau 25 Personen, die an Covid-19 erkrankt waren, gestorben. Sie waren im Durchschnitt 81,2 Jahre alt. Zwölf Personen sind im Spital gestorben. 13 Personen sind im Alters- oder Pflegeheim gestorben. Bis auf eine Person hatten alle mindestens eine Vorerkrankung.