Kulturförderung an der Schule Aargau
Neues Pilotprojekt: Kinder gehen mit Künstlern auf Safari

Das Wort «Safari» stammt aus dem Suaheli und bedeutet «Reise». Mit dem Projekt «Safari» bereisten, entdeckten und schufen bisher über 1600 Aargauer Schülerinnen und Schüler kulturelles Neuland vor der Haustüre. Und das ist erst der Anfang.

Jörg Meier
Merken
Drucken
Teilen
«Safari» ermöglicht Schülerinnen und Schülern kulturelle Erlebnisse und Begegnungen in ihrer unmittelbaren Umgebung, so, wie hier in Brugg. Thomas Widmer

«Safari» ermöglicht Schülerinnen und Schülern kulturelle Erlebnisse und Begegnungen in ihrer unmittelbaren Umgebung, so, wie hier in Brugg. Thomas Widmer

Das Programm «Kultur macht Schule» unterstützt ideell und finanziell die Kulturvermittlung für Schülerinnen und Schüler. Die Fachstelle Kulturvermittlung des Kantons bietet dafür ein breit verzweigtes Netzwerk im Kultur- und Bildungsbereich. «Kultur macht Schule» fördert, vernetzt, berät und bündelt ein höchst vielfältiges Angebot aus den Disziplinen Baukultur, Kulturgeschichte, Literatur und Gesellschaft, Medienkunst und Film, Musik, Theater und visuelle Kunst.

Zudem werden Schulklassen bei ihren kulturellen Projekten mit finanziellen Beiträgen unterstützt. Das Programm «Kultur macht Schule» gibt es seit 2005, und es ist erfolgreich: Jährlich werden rund 80 000 Kinder und Jugendliche an den Aargauer Schulen erreicht. Zwei Drittel aller Schulen im Aargau haben inzwischen auch eine entsprechend ausgebildete kulturverantwortliche Lehrperson.

Andere Kantone kopieren den Aargau

Auch ausserhalb des Kantons ist man auf das Erfolgsmodell aufmerksam geworden. Mehrere Kantone haben in den letzten Jahren ebenfalls eigene Kulturprogramme für ihre Schulen lanciert und sich dabei stark am Aargauer Modell orientiert.

Im letzten Jahr hat der Regierungsrat entschieden, dass das Programm weitergeführt werden soll. Bis 2019 wird «Kultur macht Schule» mit insgesamt knapp drei Millionen Franken aus dem Swisslos-Fonds unterstützt. Diese Unterstützung lässt auch das jüngste Projekt aus der Küche der kantonalen Kulturvermittler noch weiter und tiefer in Neuland aufbrechen. «Safari» heisst das neue Förderinstrument, und der Name ist Programm.

Beispiele aus Seon, Beinwil am See, Brugg und Aarau:

Seon: Erinnerungen eines alten Schulhauses Das Projekt «Erinnerungen eines alten Schulhauses» von Andreas Bächli, Bühnenbildner, und Nina Knecht, Theaterpädagogin, entstand in Zusammenarbeit mit der Primarschule Hertimatt in Seon. Andreas Bächli, Bühnenbildner am Vorstadttheater Basel, verlegte im Herbst 2016 für zwei Monate seinen Wirkungsort an eine Schule. Bächli entwickelte mit den Schulklassen und Lehrpersonen zusammen ein künstlerisches Werk, welches das Schulhaus als Ausgangspunkt nahm und sie bespielte. Durch die partizipative Anlage der Zusammenarbeit von Kulturschaffenden, Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrpersonen entstand ein Austausch zwischen unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen. Themen dabei waren die Bewusstmachung und die Gestaltung von realen und imaginären Räumen sowie der Umgang mit Licht und Schatten.
4 Bilder
Beinwil am See: Feuerspiel im Dorf Das Projekt «Feuerspiel im Dorf» von Rikke Staub, Serge Lunin, Bruno Fischer und Denise Schwab entstand in Zusammenarbeit mit der Primarschule Beinwil am See. In Rahmen einer Projektwoche setzten sich 160 Schulkinder in Beinwil am See mit Winterbräuchen «ihrer» Gemeinde auseinander. Begleitet durch Fachpersonen erforschten sie auf spielerische Weise soziale und kulturelle Faktoren. Zusammen mit Lehrpersonen, Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Kunstschaffenden entstanden in Teamarbeit fantastische Gebilde, Lichtskulpturen und Schattenspiele, die am grossen Finale mit einem gemeinsamen Lichterzug durch Beinwil präsentiert wurden. Die Projektwoche sollte Identifikationsmomente schaffen: Gemeinsam wurde altes Brauchtum in einem neuen Kontext gelebt. So konnte das ganze Dorf am Projekt teilhaben.
Brugg: überraschende Ereignisse in der Stadt «Stadtereignisse» von Lilian Beidler, Nica Giuliani und Andrea Gsell entstand in Zusammenarbeit mit der Primarschule Stapfer und der Oberstufe Brugg. «Stadtereignisse» ermöglichte mehreren Klassen auf Primar- und Sekundarstufe I die Auseinandersetzung mit den Themenbereichen Städtebau, «öffentlich – privat», Kunst im öffentlichen Raum und temporäre Kunstformen. Die Schülerinnen und Schüler wurden dabei selbst aktiv: Gemeinsames Ziel waren die «Stadtereignisse», an denen sie den öffentlichen Raum einen Nachmittag lang Festival-ähnlich mit Interventionen bespielen, sodass auch die Öffentlichkeit damit in Berührung kam. Als Abschluss der «Stadtereignisse» bildeten die Schüler eine 700 Meter lange Menschenkette und luden Passanten ein, die Lücken zwischen ihnen zu schliessen und mitzuhelfen, ein «Riesenselfie» zu schiessen.
Aarau: «Unsere Anliegen – unsere Initiative» Das Projekt «Direkte Demokratie: Unser Anliegen – unsere Initiative» des Stadtmuseums Aarau entstand in Zusammenarbeit mit «Jugend debattiert» und dem Zentrum für Demokratie. Im Workshop «Unser Anliegen – Unsere Initiative» erstellten Schülerinnen und Schüler eine eigene Website und lernten dabei direktdemokratische Instrumentarien und informellere Partizipationsmöglichkeiten kennen. Der Workshop zeigte, wie man sich eine Meinung bilden, Probleme erkennen und die eigenen Anliegen schliesslich öffentlich machen kann. Gleichzeitig vermittelte der Workshop Medienkompetenz im Bereich der Produktion von Bild und Ton und der damit verbundenen Wahrung von Persönlichkeits- und Urheberrechten. Das Angebot wurde vom Stadtmuseum Aarau im Rahmen der Ausstellung «Demokratie! Von der Guillotine zum Like-Button» lanciert .

Seon: Erinnerungen eines alten Schulhauses Das Projekt «Erinnerungen eines alten Schulhauses» von Andreas Bächli, Bühnenbildner, und Nina Knecht, Theaterpädagogin, entstand in Zusammenarbeit mit der Primarschule Hertimatt in Seon. Andreas Bächli, Bühnenbildner am Vorstadttheater Basel, verlegte im Herbst 2016 für zwei Monate seinen Wirkungsort an eine Schule. Bächli entwickelte mit den Schulklassen und Lehrpersonen zusammen ein künstlerisches Werk, welches das Schulhaus als Ausgangspunkt nahm und sie bespielte. Durch die partizipative Anlage der Zusammenarbeit von Kulturschaffenden, Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrpersonen entstand ein Austausch zwischen unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen. Themen dabei waren die Bewusstmachung und die Gestaltung von realen und imaginären Räumen sowie der Umgang mit Licht und Schatten.

A. Bächli

Kunst trifft Schule

Das Förderinstrument «Safari» ermöglicht innovative und modellhafte Pilotprojekte von professionellen Kunstschaffenden, die mit Schülerinnen und Schülern zusammenarbeiten. Die Projekte umfassen einen Zeitraum von mehreren Monaten und führen im Idealfall Schülerinnen und Schüler zu einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Kunst, Kultur und Geschichte.

Die Entwicklung von der Idee bis zur konkreten Umsetzung wird eng von Fachpersonen begleitet. Pionierhafte Leistungen im Bereich Kulturvermittlung werden durch «Safari» gefördert und mitfinanziert. In der Startphase, die von 2014 bis 2016 dauerte, sind 15 Projekte durchgeführt worden. Rund 1600 Schülerinnen und Schüler aus allen Schulstufen waren involviert. Sämtliche Projekte erhielten eine einmalige Anschubfinanzierung aus dem Swisslos-Fonds.

In einer Dokumentation hat die Fachstelle Kulturvermittlung die bisherigen 15 Safari-Projekte vorgestellt. Gunhild Hamer, Leiterin der Fachstelle, zieht dabei ein vorläufiges Fazit: «In der Begegnung der Künste und der Schule liegt ein grosses Potenzial. Schülerinnen und Schüler machen im kulturellen Umfeld ungewohnte Lernerfahrungen. Sie entwickeln und erweitern ihre Gestaltungsmöglichkeiten.» Der Einblick in die künstlerische Praxis und der Austausch unterschiedlicher Denk- und Arbeitsweisen bereicherten den Unterricht.

Aufeinander Rücksicht nehmen

So schufen 40 Primarschülerinnen und -schüler aus Turgi einen Gemüsegarten als Forschungslabor, der es ihnen ermöglichte, über einen längeren Zeitraum mit Gemüse und an der Kunst zu wachsen. Über künstlerische Handlungsweisen näherten sich die Schüler Inhalten der Bildung für nachhaltige Entwicklung wie gesunde Ernährung, nachhaltiger Anbau und Konsum von Gemüse sowie partizipatorische Organisationsmodelle.

Oder in Brugg verliessen die beteiligten Schülerinnen und Schüler im Projekt «Stadtereignisse» die vertraute Schulumgebung und erforschten ihr Lebensumfeld im öffentlichen Stadtraum. Sie reflektierten ihre Rolle in der Gesellschaft und erprobten ihre Möglichkeiten zur Mitbestimmung. Das Projekt bestand einerseits aus dem Prozess von der selbstständigen Ideenfindung bis zur Umsetzung. Andererseits ging es für die Schülerinnen und Schüler darum, ihre Interventionen in der Öffentlichkeit darzustellen. Für die Künstlerin Andrea Gesell, die als Co-Leiterin am Projekt in Brugg mitwirkte, war dieser performative Moment eine besondere Herausforderung für die Beteiligten. Und 21 Schülerinnen und Schüler der Neuen Kantonsschule Aarau produzierten für ihre Mitschüler ein Lehrmittel und drehten darüber einen Kurzfilm.

Was haben sie dabei gelernt? «Das Wichtigste, das wir gelernt haben, ist die Arbeit in einer Gruppe und in einem Gesamtteam. Wir mussten aufeinander Rücksicht nehmen und konnten nicht einfach unser eigenes Ding durchziehen», resümierte Kantischüler Philipp.

Neue Ideen gesucht

Nun folgt die zweite Staffel von «Safari». Was wird sich ändern? «Wir möchten Lehrpersonen und Schüler noch früher am künstlerischen Prozess mitwirken lassen», sagte Hamer. Aus einer Idee sollen die Beteiligten in einem gemeinsamen Prozess ein Projekt entwickeln und dann auch realisieren. Entsprechend wurde die Ausschreibung überarbeitet und das Kriterium Partizipation stärker gewichtet.

Künftig wählt eine Jury jährlich fünf bis acht Projekte aus. Kulturschaffende können ihre Projektideen an der Safaribörse vom 4. März 2017 mündlich vorstellen; aufgrund der Rückmeldungen an der Börse können sich die Kulturschaffenden bei Bedarf untereinander vernetzen und ihre Ideen allenfalls zu einem Projekt verdichten.

Am 2. Juni wählt die Jury die nächsten maximal acht Safari-Projekte aus, im anschliessenden Workshop sollen Partnerschaften mit interessierten Schulen geschlossen werden. Der Kanton kann die einzelnen Projekte mit Beiträgen aus dem Swisslos-Fonds bis zur Höhe von maximal 25 000 Franken unterstützen. Doch die Mittel sind beschränkt. Man sei auf der Suche nach externen Geldgebern, sagte Gunhild Hamer, und verhandle mit verschiedenen Stiftungen.