Spreitenbach
Nach Schüssen auf Cousin: Der Täter blitzt vor Bundesgericht ab – und muss ins Gefängnis

Ein Mann schoss im Streit dreimal auf das Auto seines Cousins. Der Fall ereignete sich im März 2016. Nach der Verurteilung durch das Obergericht hat der Angeklagte vor der obersten Instanz erfolglos eine Strafmilderung gefordert.

Manuel Bühlmann
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Das Fahrzeug des Klägers brannte vollständig aus.

Das Fahrzeug des Klägers brannte vollständig aus.

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Der Streit eskalierte in einer Samstagnacht im Gewerbegebiet von Spreitenbach. Ein Kosovare wollte seinen Cousin zur Rede stellen, weil dieser ihn um viel Geld gebracht haben soll. Statt ihm wie versprochen mit dem Restaurant zu helfen, mit dem er in finanzielle Not geraten war. Doch der Cousin wollte nichts von einem klärenden Gespräch wissen. Der abgewiesene Restaurantbetreiber geriet in Rage. Er zog seine Pistole und schoss in das Auto, in dem sein Cousin sass.

Als dieser davonfuhr, gab er zwei weitere Schüsse auf dessen Mercedes ab. Der Fahrer blieb unverletzt. Eine der Kugeln traf jedoch die Elektronik des Fahrzeugs, das kurze Zeit später nach dem Bareggtunnel Feuer fing und ausbrannte.

Der eskalierte Familienstreit vom März 2016 beschäftigte fortan die Justiz. Das Bezirksgericht Baden sprach den Schützen wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, qualifizierter Sachbeschädigung und Widerhandlung gegen das Waffengesetz schuldig. Die Dauer der Freiheitsstrafe wurde später vom Aargauer Obergericht von sechs auf siebeneinhalb Jahre erhöht. Der Beschuldigte wandte sich daraufhin ans Bundesgericht und verlangte dort einen Freispruch vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung sowie eine bedingte Freiheitsstrafe.

Aufgestaute Wut

Eines seiner Hauptargumente für ein milderes Urteil war: Er habe in einer entschuldbaren heftigen Gemütsbewegung gehandelt. Wut und Frust hätten sich aufgestaut, weil sein Cousin über längere Zeit hinweg ein Gespräch verweigert habe. In jener Märznacht vor vier Jahren hoffte er, ihn endlich mit den Vorwürfen wegen dessen finanziellen Machenschaften konfrontieren zu können. Doch die Begegnung verlief nicht, wie er sich das vorgestellt hatte. Der Beschuldigte sagte aus, er habe sich von seinem Cousin nicht ernst genommen gefühlt, regelrecht ausgelacht habe er ihn. Dann fielen die drei Schüsse.

Als Massstab dafür, ob eine heftige Gemütsbewegung entschuldbar ist, dient die hypothetische Reaktion eines durchschnittlichen Menschen – «eine andere, anständig gesinnte Person», wie es das Bundesgericht nennt – in derselben Lage. Das Aargauer Obergericht hatte geurteilt, trotz der verspürten Wut sei die Reaktion des Beschuldigten in ihrer Heftigkeit nicht nachvollziehbar. Eine Einschätzung, die das Bundesgericht in seinem jüngst veröffentlichen Urteil teilt.

Für nicht relevant halten die beiden Richterinnen und der Richter, ob eine andere, anständig gesinnte Person in der gleichen Situation die Fassung verloren hätte. Sie kommen zum Schluss: «Entscheidend ist vielmehr, dass die Verweigerung eines Gesprächs eine solche Person nicht dazu veranlasst hätte, drei Schüsse abzufeuern. Dies gilt umso mehr, als die Beteiligten bereits daran waren, ihre Differenzen auf dem Rechtsweg zu bereinigen.» Auch mit seiner übrigen Kritik am obergerichtlichen Urteil findet der Beschuldigte kein Gehör. Das Bundesgericht weist seine Beschwerde ab und bestätigt die Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren.

Urteil: 6B_513/2020