Ich bin dann mal weg. Diesen Satz hört man von Bernhard Lindner zwei- bis dreimal pro Jahr. Er arbeitet Teilzeit für «Bildung und Propstei», eine Fachstelle der römisch-katholischen Kirche im Aargau. Hier bietet der Theologe neben Glaubenskursen auch Pilgerreisen auf den verschiedenen Abschnitten des Jakobsweges durch Europa an. Gerade eben ist er von einer zweiwöchigen Reise zurückgekehrt.

Ich bin dann mal da. Dies gilt für Bernhard Lindner seit Mittwoch beruflich. Der 58-Jährige hat sich nochmals neu orientiert, hat die 50-Prozent-Anstellung als Gemeindeleiter von Oeschgen aufgegeben und sein Pensum bei der Landeskirche von 50 auf 80 Prozent erhöht. Mit den zusätzlichen Prozenten wird er den neu geschaffenen Bereich «Männerarbeit» betreuen.

Spezifische (Kurs-)Angebote für Männer gab es bei der Landeskirche bereits bisher; neu werden sie ausdrücklich in einem Bereich gebündelt. «Ich erhoffe mir davon mehr Breitenwirkung», sagt Lindner – und meint dies innerkirchlich wie gesellschaftlich.

Innerkirchlich sei die Kirche zwar auf Leitungsebene stark von Männern dominiert, «aber auf Gemeindeebene kommen sie kaum vor». Dies liege auch am bestehenden Angebot, das den Bedürfnissen der Männer zu wenig Rechnung trage, räumt er ein. Hier will Lindner zusammen mit anderen Seelsorgenden neue Ansätze ausprobieren. So beteiligt er sich am 15. September am Trinationalen Männertag in Lörrach. Zudem organisiert er in Wettingen am 18. Oktober und 22. November zwei «Männer-Palaver» zum Thema «Die 2. Halbzeit ist entscheidend». «Ein Versuchsballon», sagt Lindner, stutzt kurz, fügt dann offen hinzu: «Die richtigen Bildungsangebote für Männer zu finden, wird ein Suchen, Versuchen, Gelingen und manchmal auch ein Misslingen sein». Eine Pilgerreise, wenn man so will.

Rollenbilder diskutieren

Gesellschaftlich seien grosse Veränderungen im Gang, konstatiert er, nicht zuletzt bei den Rollenbildern. Nur: «Leben können die wenigsten Männer ihr Vater-Sein.» Zu sehr seien sie in der Berufsrolle verhaftet und zu oft merkten sie erst bei den Enkeln, was sie als Vater verpasst haben. «Es gibt bis heute zu wenige Teilzeitjobangebote, um die verschiedenen Rollen nebeneinander leben zu können», sagt Lindner.

Persönlich macht sich Lindner deshalb für einen Vater- oder Elternschaftsurlaub stark. «Es ist an der Zeit, dass Männer, die dies wollen, Beruf und Familie besser unter einen Hut bringen können.» Er träume von einer Gesellschaft, welche die alten Rollenmuster, die ja faktisch schon in Auflösung begriffen seien, überwinde.

Dass die Kirche darauf keinen direkten Einfluss hat, ist sich Lindner bewusst. Aber sie könne Raum schaffen, um über die Rollen nachzudenken. «Die Kirche kann Männer unterstützen, die ihr Leben ganzheitlich führen wollen.»

Eine Volksinitiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub ist in der Schweiz hängig. Der Bundesrat lehnt die Initiative ab, doch im Parlament ist Bewegung in die Frage gekommen. So hat die FDP-Fraktion, der die Initiative ebenfalls zu weit geht, Anfang Juni ein Modell für eine 16-wöchige Elternzeit vorgestellt. «Schön, dass etwas in Bewegung gerät», findet Lindner.

Darf Kirche Politik machen?

Lindner, selber vierfacher Vater, hat es «als äusserst bereichernd» erlebt, seine Kinder aufwachsen zu sehen. «Kinder haben einen anderen Blick auf die Welt und auf Gott als wir Erwachsenen», konstatiert er und ist überzeugt: «Wir können viel von ihnen und ihrer Spiritualität lernen.» Genau deshalb müsse sich die Kirche auch einmischen.

Das sehen etliche Politiker anders. Sie monieren, die Kirche habe nicht zu politisieren, sondern sich ausschliesslich um die Seelen zu kümmern. Lindner schüttelt den Kopf. «Die Idee, dass sich die Kirche aus der Politik raushält, halte ich für unmöglich.» Man könne nicht einfach nicht-politisieren. «Sonst ist einem ja alles egal, und man toleriert jede gesellschaftliche Entwicklung, auch wenn sie verheerend ist.» Die Kirche wolle Dienerin an der Welt sein, «und dazu gehört auch, sich für die Welt und die Menschen zu engagieren».

Sein eigener Stellvertreter

Richtig sei aber, das räumt Lindner ein, dass die Kirche nicht Parteipolitik betreiben dürfe. «Sie muss für alle da sein.» Dass die Abgrenzung zwischen politisch-gesellschaftlichem Engagement und Parteipolitik manchmal eine Gratwanderung ist, ist sich Lindner bewusst. Solche Wanderungen ist sich der (Lebens-)Pilger gewohnt. «Man muss bisweilen an die Grenzen gehen, um darüber hinausblicken zu können.»

In den 20 Stellenprozent, die er nicht für die Landeskirche arbeitet, wird Lindner bis auf weiteres als Seelsorger in Oeschgen tätig sein. Denn ein Nachfolger ist bislang nicht gefunden. Er lacht. «Ich werde also mein eigener Stellvertreter sein.»