Logistik
Migros und Coop unterstützen die unterirdische Güterbahn: «Es gibt keine Alternative zu Cargo Sous Terrain»

Die zwei grossen Detailhändler mit ihren Verteilzentren in Suhr und Schafisheim sind überzeugt, dass Cargo Sous Terrain realisiert wird. Skeptisch ist hingegen Transportunternehmer Benjamin Giezendanner: Ohne staatliches Geld werde der Traum des unterirdischen Warentransports rasch ausgeträumt sein.

Sébastian Lavoyer, Jocelyn Daloz
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In den Transportwagen von Cargo Sous Terrain sollen dereinst auch Güter von Migros und Coop unterirdisch befördert werden.

In den Transportwagen von Cargo Sous Terrain sollen dereinst auch Güter von Migros und Coop unterirdisch befördert werden.

Visualisierung: CST

Der Aargau ist eine wichtige Drehscheibe der Warenverteilung für die Grossverteiler. Das Migros-Verteilzentrum in Suhr beliefert 600 Migros-Filialen und 300 Migrolino-Shops mit Lebensmitteln. Die Coop-Verteilzentrale in Schafisheim versorgt 350 Verkaufsstellen mit Lebensmitteln und alle Filialen in der Schweiz mit Tiefkühlprodukten.

Bisher laufen Anlieferung und Verteilung per Bahn und Camion, künftig könnte auch die unterirdische Güterbahn Cargo Sous Terrain (CST) ein Transportmittel sein. Migros und Coop investieren in Cargo Sous Terrain, sie zählen zu den Aktionären, die dafür sorgen, dass schon 100 Millionen Franken für die Planung bis 2026 fix zugesagt sind.

Hubs bei Verteilzentren Suhr und Schafisheim geplant

Bei beiden Verteilzentren der Detailhändler in Suhr und Schafisheim sind sogenannte Hubs geplant. Dort gelangen die Waren an die Oberfläche und werden dann weiter verteilt – oder Fracht wird in den Tunnel eingespeist. Cargo Sous Terrain eint die Giganten des Detailhandels.

Bei den Verteilzentren von Migros in Suhr und Coop in Schafisheim sind Hubs von Cargo Sous Terrain geplant - vereinfacht gesagt sind das automatische Güterbahnhöfe mit einem Palettenlift in den Untergrund.

Bei den Verteilzentren von Migros in Suhr und Coop in Schafisheim sind Hubs von Cargo Sous Terrain geplant - vereinfacht gesagt sind das automatische Güterbahnhöfe mit einem Palettenlift in den Untergrund.

Visualisierung: CST

«Es gibt nicht viele Projekte, wo die zwei zusammen eine Lösung suchen», sagt Klaus Juch, Projektleiter der Hubplanung bei CST. Gründe dafür gibt es mehrere. Natürlich gibt es Engpässe auf den Strassen, aber schon heute versuchen Migros und Coop möglichst viele Waren auf der Schiene zu transportieren.

«Güter unter den Boden, mehr Platz für Menschen»

Treiber ist bei der Verlagerung von der Strasse auf die Schiene und bei Cargo Sous Terrain der gleiche: Nachhaltigkeit. «Es ist ein zukunftsträchtiges Modell mit vielfältigem Nutzen für unsere Kundinnen und Kunden sowie die Umwelt», sagt Coop-Sprecher Andrea Ruberti.

Migros-Sprecher Patrick Stöpper betont den Umweltaspekt: «Cargo Sous Terrain hilft, Landverzehr für Logistik zu reduzieren, und verpflichtet sich zum Einsatz von nachhaltigem Strom.» Die Bevölkerung profitiere von weniger überirdischem Verkehr und damit weniger Lärm. Stöpper bringt es auf den Punkt: «Güter gehen unter den Boden, sodass Menschen den Platz über dem Boden haben.»

Coop und Migros sind Aktionäre und überzeugt vom Bau

Cargo Sous Terrain ist eine Vision, deren Realisierung in weiter Ferne liegt. Mit dem Bau soll ab 2026 begonnen werden, die erste Teilstrecke soll 2031 fertig sein, das gesamte 500 Kilometer lange Tunnelnetz von Genf bis St. Gallen 2045. Allein das erste Teilstück kostet 3 Milliarden, das gesamte Tunnelnetzwerk 30 Milliarden Franken.

Eine Utopie? Coop ist überzeugt von der Umsetzbarkeit, spricht von einem zukunftsweisenden Projekt. Migros schätzt die Realisierungschance als «sehr hoch ein». Ein Beleg: das breit abgestützte Aktionariat. Und, so Stöpper: «Das Klima für Investitionen in nachhaltige Infrastrukturprojekte ist gut.»

Die beiden Grossverteiler setzen auf Wasserstoff-Antriebe

So positiv sich Migros und Coop äussern, nur auf Cargo Sous Terrain verlassen sie sich nicht. Neben der Schiene, die bei beiden eine wichtige Rolle in der Logistik spielt, setzen die grossen Detailhändler insbesondere auf Wasserstoff-Mobilität.

Beide engagieren sich im Förderverein H2 Mobilität Schweiz, der vom Bundesamt für Energie soeben mit dem Watt d’Or ausgezeichnet wurde. Eine Würdigung für aussergewöhnliche Leistungen im Energiesektor.

Natürlich spielen daneben auch andere Alternativen eine Rolle. Biogas zum Beispiel, oder Elektrizität. Am dynamischsten entwickeln sich derzeit aber Wasserstoff und Cargo Sous Terrain. Das Wasserstoff-Tankstellennetz wächst stetig und Coop betont denn auch, dass man gerade sieben Wasserstoff-Lastwagen in Betrieb genommen habe.

Man ist vom hohen Potenzial von Wasserstoff überzeugt. Das allein wird aber kaum reichen. Oder wie es Migros-Sprecher Patrick Stöpper sagt: «Da in den kommenden Jahrzehnten weiterhin mit einem Verkehrswachstums zu rechnen ist, gibt es zu Cargo Sous Terrain keine Alternative.»

Giezendanner: Besser das Nachtfahrverbot abschaffen

Benjamin Giezendanner, Geschäftsführer der Giezendanner Transport AG mit Sitz in Rothrist und Mitglied der Verkehrskommission im Nationalrat, hat Vorbehalte gegenüber Cargo Sous Terrain: «Das ist ein Traum, der ohne staatliche Zuschüsse schnell ausgeträumt sein wird.»

Benjamin Giezendanner glaubt nicht, dass Cargo Sous Terrain ohne Geld vom Staat realisiert werden kann.

Benjamin Giezendanner glaubt nicht, dass Cargo Sous Terrain ohne Geld vom Staat realisiert werden kann.

Bild: Chris Iseli

Zwar will auch der SVP-Politiker dem Projekt grundsätzlich nicht im Wege stehen: «Es darf keine Technologieverbote geben.» Aber er erachtet das Projekt als nicht finanzierbar. Und zudem nicht unbedingt zielführend.

Giezendanner: «Vielleicht wird es für Städte interessant sein, wenn das Projekt dank besserer Koordination die Warenflüsse effizienter steuert. Aber die Randregionen werden kaum weniger Verkehr haben.»

Für ihn stehen andere Ideen im Raum, um die Güterverkehrsbranche ökologischer und effizienter zu gestalten: autonome Fahrzeuge, CO2-neutrale Wasserstofflastwagen, digitalisierte Prozesse.

Wirft man ein, dass der Güterverkehr in den nächsten 15 Jahren um mehr als 40 Prozent wachsen soll, entgegnet Giezendanner:

«Man muss die Strassenkapazitäten besser auslasten, indem man Nachtfahrverbote lockert.»

Er könnte sich vorstellen, dass in der Nacht in den stark besiedelten Gebieten lediglich lärmarme Fahrzeuge verkehren dürfte, während die Transitachsen generell geöffnet werden sollten.