Risikogruppe

Lehrerin Barbara Fretz ist schwanger – und jetzt plötzlich gefährdet

Englisch, Deutsch, Französisch und Informatik unterrichtet Barbara Fretz an der Oberstufe in Mellingen. Auch jetzt noch, obwohl sie wegen ihrer Schwangerschaft besonders gefährdet ist.

Englisch, Deutsch, Französisch und Informatik unterrichtet Barbara Fretz an der Oberstufe in Mellingen. Auch jetzt noch, obwohl sie wegen ihrer Schwangerschaft besonders gefährdet ist.

Bald bekommt Barbara Fretz ihr erstes Kind. Ihre Schwangerschaft verläuft unproblematisch. Seit sie zur Gruppe der besonders gefährdeten Personen gehört, sorgt sie sich aber. Vor allem um ihr Kind.

Anfang Dezember ist es so weit. Dann wird Barbara Fretz ihr erstes Kind bekommen. Der Babybauch ist schon deutlich erkennbar. Ansonsten habe sich ihr Leben noch nicht gross verändert, erzählt die 36-Jährige. Die Schwangerschaft verläuft unproblematisch.

Fretz sitzt in ihrem Schulzimmer an der Oberstufe in Mellingen, an der Wandtafel sind noch Französischaufgaben notiert. Ihren Platz vor der Klasse hat sie mit Pulten abgegrenzt, darauf steht eine Flasche Desinfektionsmittel, davor eine Plexiglasscheibe.

Fretz unterrichtet weiterhin. Englisch, Deutsch und Französisch, Informatik ebenfalls. So wie sie es die ganze Zeit gemacht hat. Während des Lockdowns per Fernunterricht, vor den Sommerferien im Klassenzimmer, mit Schutzmassnahmen. Um sich oder ihr Baby habe sie sich wegen des Virus nie speziell Sorgen gemacht. «Ich bin ja nicht krank», sagt sie. «Ausserdem wurde relativ deutlich gesagt, dass Schwangere nicht besonders gefährdet sind.» Sorgen machte sie sich zu diesem Zeitpunkt mehr um ihre Eltern, gerade um den Vater, der diverse Vorerkrankungen hat.

Zuerst waren Schutzmassnahmen störend – jetzt ist sie froh darum

Dann wurde plötzlich alles anders. Am 5. August, eine Woche vor Schulbeginn, gab der Bund bekannt: Schwangere gehören nun doch zur Gruppe besonders gefährdeter Menschen. Würde sich Fretz mit dem Coronavirus anstecken, wäre die Gefahr grösser, dass sie einen schweren Krankheitsverlauf hätte, als dies bei anderen Menschen der Fall wäre. Da habe sie dann doch begonnen, sich Sorgen zu machen, erzählt sie. Vor allem um ihr ungeborenes Kind. Sie informiert sich auf der Website des Bundesamts für Gesundheit, ruft in der Arztpraxis an, führt Gespräche, mit ihrem Partner, dem Schulleiter, dem Lehrerverband.

Wie soll es nun weitergehen, fragt sie sich. Aber schnell einmal wird ihr klar: Arbeiten wird sie weiterhin. «Wir haben an der Schule so viele Schutzmassnahmen, die mir gar nicht bewusst waren.» Das Plexiglas, die Pulte, die für Abstand sorgen, kein Händeschütteln, regelmässiges Lüften und Desinfizieren: Um viele der Massnahmen, die sie zuvor vielleicht eher als störend empfand, ist sie nun froh. Und eigentlich, ergänzt sie, habe sich im Vergleich zu der Zeit vor den Sommerferien gar nichts verändert: «Jetzt weiss ich einfach, dass ich gefährdet bin.»

Zusätzlich hat sie sich FFP2-Masken besorgt. Das sind Masken mit einem speziellen Filter, die sie noch besser schützen als die normalen Masken. «Damit fühle ich mich am sichersten.» Die Masken haben zudem noch einen anderen Vorteil: Damit kann sie während des Unterrichts ihre «sichere Zone» hinter dem Pult verlassen und in die Klassegehen, den Schülerinnen und Schülern über die Schulter schauen, ihnen helfen.

Beim Einkaufen eine Maske – ins Restaurant nur noch selten

Doch nicht nur der Schulalltag hat sich seit dem 5. August verändert. Beim Einkaufen trägt sie jetzt eine Maske, wenn es viele Leute hat. Menschenansammlungen meidet sie, ins Restaurant geht sie nur, wenn sie weiss, dass sie genug Platz hat. Ansonsten bleibt sie lieber zu Hause. Nur zum Tennis geht sie weiterhin. Und auch bei Freunden ist sie etwas weniger streng. Aber auch hier nur im kleinen Rahmen, einmal mit einem Kollegenpärchen etwas essen, einmal mit einer, maximal zwei Kolleginnen ein Treffen. «Mit fremden Menschen bin ich sicher vorsichtiger als im Privaten. Dort kennt man die Leute ja und kann das Risiko besser einschätzen.»

Einen Mittelweg für sich selbst und die anderen finden

Das Risiko einschätzen. Das sei sowieso das, was ihr am meisten Mühe bereitet, erzählt sie. Das Virus und die Gefahr, die von ihm ausgeht, sind abstrakt. Ständig liest sie davon, selbst kennt sie aber niemanden, der an Corona erkrankt ist. «Wüsste ich, jemand ist vor der Türe und würde mich bedrohen, dann würde ich mir überlegen: Möchte ich das mir und meinem Kind wirklich antun und weiter zur Schule gehen? Aber so ist es wie nicht greifbar, und das macht es so schwierig.» Und irgendwie müsse man ja auch weiterleben. Mit Einschränkungen zwar, aber die haben alle im Moment. Es gelte einen Mittelweg zu finden, der für sich selbst und die anderen stimmt.

Im Dezember kommt dann das Kind. Ob sie bereit sei, Mutter zu werden? «Ist man das jemals beim ersten? Mit 25 hatte ich das Gefühl, ich war noch nicht bereit für die Verantwortung. Und ich bin nicht sicher, ob ich nun mit 36 weiter bin. Ich denke, man wächst da hinein.»

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